"Orte des Friedens" oder "Verhandeln will gelernt sein": Münster und Osnabrück

Über die verzweifelte Friedenssehnsucht der Bevölkerung haben wir bereits gesprochen. Ende der 1630er Jahre sahen schließlich auch die verantwortlichen Fürsten, dass sie alle militärische Gewalt nicht mehr zum Ziel führen konnte. So einigten sich 1641 der Kaiser Ferdinand III., der französische König Ludwig XIII. und die schwedische Königin Christina darauf, einen großen Kongress einzuberufen, um durch Verhandlungen den Krieg zu beenden. Man suchte ein benachbartes "Städtepärchen", das für alle leicht zu erreichen sein sollte und vor allem unterschiedlicher KONFESSION. Denn von vornherein war klar, dass die Gesandten nach Konfessionszugehörigkeit und Verhandlungsgegenstand getrennt tagen mussten. Die Wahl fiel schliesslich auf das katholische Münster und das PROTESTANTISCHE Osnabrück, die etwa auf halbem Weg zwischen Paris und Stockholm liegen. Diese Entscheidung stellte die beiden Ackerbürgerstädte vor große Probleme: Münster zählte etwa 12.000 Einwohner, Osnabrück 6.000. Es galt nun, für mehrere Jahre die fast 180 Unterhändler aus ganz Europa, ihre Delegationen, ihr Personal und zum Teil auch ihre Familien zu beherbergen. Insgesamt handelte es sich um eine kleine „Invasion“ von fast 10.000 Menschen. Die jeweilige Größe der Delegation war höchst unterschiedlich. Es gab Einmann-Delegationen, wie die einiger Delegationen Schweizer Kantone, aber auch das über hundertfünfzigköpfige Gefolge des französischen Chefunterhändlers, des Herzogs von Longueville. Der kam mit einem ganzen „Hofstaat“ nach Westfalen, sogar mit eigenen Beichtvätern, Konditoren und Tanzmeistern. Insgesamt handelte es sich um eine kleine "Invasion" von fast 10.000 Menschen. All diese Fremden zu verköstigen, sie teilweise mit Luxusgütern zu versorgen, ferner ausreichende und standesgemäße Quartiere zu finden und die jahrelange Enge und Unruhe zu akzeptieren, war für die Einwohner nicht immer nur neu und aufregend, sondern oft einfach strapaziös. So ist es kaum verwunderlich, dass es häufiger zu Auseinandersetzungen und Raufereien kam. Aber auch für die Delegationen selber war es nicht leicht, die improvisierten Verhältnisse zu ertragen. So musste beispielsweise die knapp dreißigköpfige bayerische Gesandtschaft mit nur 18 Betten auskommen, der päpstliche Vermittler Fabio Chigi klagte bitter über den ständigen Regen in Münster, und der Basler Gesandte Wettstein taufte in seinem Tagebuch die Region der Verhandlungen spottend in "Mistphalen" um. Doch auch das Verhandeln selber, die eigentliche Arbeit der Diplomaten, lief alles andere als reibungslos. Nur eines stand fest: In Münster verhandelten die Gesandten des Kaisers mit Frankreich und Spanien mit den nördlichen Niederlande. In Osnabrück kamen die Gesandten des Kaisers und die Schweden zusammen. Daneben wurde hier Fragen der Reichsverfassung und des Reichsreligionsrechts behandelt. Alles andere, das Wie und Wann der Verhandlungen verlief zunächst orientierungslos, zäh und kompliziert, bis sich im Laufe der Jahre eine gewisse Routine herausbildete. Zunächst einmal dauerte es bis 1644, bis alle Delegationen an den beiden Orten eingetroffen waren. Viele Monate wurden damit verbracht, um die verschiedenen Rangunterschiede, Verfahrensfragen, kurz: das Protokoll zu klären. Wem steht welche Anrede zu, welcher Gesandte muss wem zuerst seine Aufwartung machen, welche Sitzordnung ist verbindlich und so weiter. Das erscheint uns heute lächerlich, aber immerhin handelte es sich um den ersten großen diplomatischen Kongress in der Geschichte, und es musste sich erst ein Verhandlungszeremoniell herausbilden. Übrigens wurde in diesen Jahren der Grundstein für die diplomatischen Regeln der kommenden Jahrhunderte gelegt. Während des Kongresses tobte der Krieg weiter und war somit in seinen Ergebnissen wichtig für die einzelnen Verhandlungspositionen. Das hatte zur Folge, dass die Hauptarbeitszeit der Gesandten maßgeblich in den Winter fiel, da die Heere im Sommer und Herbst kämpften und danach in die Winterquartiere zogen. Entscheidend für die Unterhändler waren aber vor allem die Weisungen der Herrscher. Selbst die wichtigsten Gesandten hatten nur eine sehr eingeschränkte Verhandlungsvollmacht, das heißt, sie mussten sich letztlich immer nach den Vorgaben ihrer Auftraggeber richten und jeden Verhandlungsschritt genehmigen lassen. In der damaligen Zeit konnten diese Abstimmungen nur über den Postweg geschehen, was den ganzen Kongress natürlich quälend in die Länge zog. So brauchte eine Depesche nach Wien oder Stockholm mindestens zwei Wochen, nach Madrid gar vier Wochen. Die Kontakte zwischen den Diplomaten fanden in Münster nie in größeren Versammlungen aller Beteiligten statt. Entweder gab es direkte Zweiergespräche der betroffenen Parteien, Schriftwechsel oder Vermittlung durch Dritte, wie durch die beiden Friendesvermittler Chigi und Contarini. Die offizielle Verhandlungssprache war Latein, zugelassen waren aber ebenso Französisch, Deutsch, Niederländisch und Italienisch. Die Verwirrungen, die daraus entstanden, kann man sich leicht vorstellen. Dass trotz all dieser Probleme und Widernisse am Ende doch noch ein äusserst brauchbares und respektables Ergebnis herausgekommen ist, ist umso bewundernswerter. DMH

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