HERBERT LANGER
Der "Königlich Schwedische in Deutschland geführte Krieg" [1]
Am 22. Mai 1706 trug der Pfarrer des Kirchspiels Voigdehagen bei Stralsund die Eheschließung des 102 Jahre alten Hans Brüneck mit der etwa 50 Jahre zählenden Witwe Magdalena Arens ins Kirchenbuch ein und fügte, da eine solche Verbindung wahrlich nicht alltäglich war, einiges hinzu, was der Bräutigam zur Bestätigung seines Alters erzählte: Er habe, so rühmte er sich, mit 24 Jahren bei der erfolgreichen Verteidigung Stralsunds gegen die kaiserlich-wallensteinschen Belagerer im Juni/Juli 1628 mitgekämpft, sei danach auch noch Jahrzehnte unter den Fahnen geblieben. Den Brautleuten wie dem evangelischen Pfarrer war das Ereignis als Beispiel für heldenhaften Glaubenskampf denkwürdig und geläufig, es war Teil des historischen Bewußtseins der Bevölkerung - wie viele andere Begebenheiten aus dem Dreißigjährigen Kriege. [2]

Auch in der großen Politik hatte die Verteidigung Stralsunds einen wichtigen Platz, vor allem ihrer Folgen wegen. Bei den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück wogen die Partner die Kriegsgründe und -anfänge sowie Schuldzuweisungen gegenseitig ab, und dabei hatte Stralsund 1628 einen nicht geringen Stellenwert. In seinem Brief vom 27. Februar 1646 (Linz) an seine Gesandten beim Westfälischen Friedenskongreß beschuldigte Kaiser Ferdinand III. den Schwedenkönig Gustav II. Adolf, dieser habe im Juli 1626 den Krieg gegen Polen im Preußenlande hauptsächlich deshalb angefangen, um dort "seine völckher recht (zu) versamblen und hernach auf deß Reiches boden Füehren" zu können. Er habe hier "alle bereitschafft zum krieg in Teütschlandt angestellet" und nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, seinen Einfall zu "iustificiren". [3] Diesen "praetext" lieferte ihm die Bedrängnis Stralsunds im Frühjahr 1628. Die Militärhilfe, die Gustav Adolf (nach dem Dänenkönig) der Stadt leistete, nicht ohne ihr eine Allianz, Truppenpräsenz und seine Protektion abzufordern, wertete der Kaiser in einem späteren Schreiben vom 5. März 1646 als "ein recht principium belli". [4] Das traf in dem Maße zu, wie die schwedische Führung das von ihr besetzte Stralsund als Brückenkopf für die zwei Jahre später folgende Invasion in Pommern benutzte. [5] Die schwedische Seite rechtfertigte den "Stralsundischen succurs" und die spätere "Expedition" auf Reichsboden als notwendige Abwehr der kaiserlich-katholischen Macht, die Ende 1627 mit ganzen Armeen und einer, allerdings kleinen, Kriegsflotte die südliche Ostseeküste beherrschte und Schweden bedrohte. Die Diskussion im Reichsrat, ob man dem Gegner "domi" oder "foris" - draußen in Stralsund oder daheim in Kalmar - entgegentreten solle, wurde zugunsten des Angriffskonzepts, das der König leidenschaftlich und mit pragmatischen Argumenten verfocht, entschieden. [6]

Wesentlich für die beschleunigte Rüstung in Schweden war die Tatsache, daß im September 1629 zu Altmark durch französische Vermittlung ein sechsjähriger Waffenstillstand mit Polen zustande kam, der Gustav Adolf vom mühseligen "polnischen Krieg" befreite und die Wendung nach Westen möglich machte. Eine neue Phase der schwedischen Ostseepolitik begann: mittels Eroberungen der Gegenküsten samt deren Häfen das dominium maris weiterzutreiben und Rivalen (Dänemark, Polen-Litauen, Kaiser) auszuschalten. Dieses auf den Ostseeraum ausgerichtete Ziel wurde im Laufe des Dreißigjährigen Krieges weit überschritten und erfaßte weite Teile Mitteleuropas. Der Eingriff Schwedens wuchs sich zur Dominante der zweiten Hälfte des Krieges aus. Im Bewußtsein des Volkes, das erweisen zahlreiche Zeitzeugnisse, begann der Krieg, der nicht enden wollte, eigentlich erst jetzt. Die seit 1631 nahezu jährliche und öftere Wiederkehr plündernder "Schweden" (der Großteil der Soldaten war in Deutschland geworben) vermittelte u.a. diesen Eindruck bei der Priorin des Klosters Mariastein im Bistum Eichstätt. [7] Die Forschung hat der Tatsache, daß - vom deutschen Blickpunkt aus - der Krieg in seiner längeren Hälfte ein "schwedischer" war, bislang nicht genügend Rechnung getragen.

Die folgenschwere Dimension und Wirkungspotenz nahm der "deutsche Krieg" der Krone Schwedens mit der Landung einer Invasionsarmee auf Usedom im Herzogtum Pommern am 26. Juni/6. Juli 1630 an. [8] Mit 13.000 Mann eine relativ kleine Streitmacht, wurde sie von Kaiser und Reichsständen anfangs nicht als ernsthafte Kriegspartei an- und wahrgenommen. Es gehört zu den ungeklärten Fragen bezüglich dieser, für die Invasoren entscheidenden Phase, warum sie nur schwache Gegenwehr der kaiserlichen Truppen im Landungsterrain, den Odermündungen, fanden. Innerhalb der nächsten beiden Wochen stießen die Landungstruppen nach Stettin vor, wo der König Herzog Bogislaw XIV. die Allianz vom 10./20. Juli mit der Begründung aufzwang, dieser sei außerstande, sein Fürstentum mit eigenen Kräften vor dem Feind, den kaiserlichen Besatzungstruppen, zu schützen. Wie über Stralsund, so errichtete der Schwedenkönig auch hier eine auf Militärpräsenz gestützte Protektion. Die vorherrschend abwartende oder ablehnende Haltung der Landstände und der Bevölkerung zeigte, daß sie darin keine Alternative zur "Dreijährigen Drangsal" der Kaiserlichen sahen.

Angesichts der Unwägbarkeiten auf deutschem Boden hielt es Gustav Adolf für nötig, seinen Eingriff in einer "Deduktion" (auch als Flugschrift, betitelt "Schwedisches Kriegsmanifest", verbreitet) zu rechtfertigen. Mit einer breiten Öffentlichkeit rechnend, erfuhr sie 21 Auflagen in fünf Sprachen und begleitete das deutsche Kriegsunternehmen in seiner Anfangsphase. Sie zählt die Beleidigungen und Verletzungen, zurückhaltend auch die Bedrohung der Sicherheit Schwedens durch den Kaiser auf, nennt als wichtigsten Grund des militärischen Eingriffs den Schutz der "deutschen Libertät" und beteuert die Friedenswilligkeit des Königs. Daß ein religiöses Befreiungsmotiv fehlt, läßt sich wohl aus taktischer Rücksicht auf die Reichsstände und das katholische Frankreich erklären. [9]

In Schweden und Finnland dagegen, wo die Bewohner streng und ausschließlich auf das lutherische Bekenntnis festgelegt waren, hatten König und Reichsrat sowie alle Stände des Reichstags sich schon Jahre vor 1630 auf den "deutschen Krieg" als mögliches und schließlich unvermeidliches Unternehmen eingestellt. Angesichts der katholischen Gegenreformation und des kaiserlichen Restitutionsedikts griff die Darstellung dieses neuerlichen Krieges als gerechtes Werk der Solidarität mit den deutschen Glaubensbrüdern im schwedischen Kirchenvolk am ehesten. Zu seiner geistig-moralischen Aufrüstung trugen Kanzelpredigten als Massenmedien jener Zeit und verordnete Fast- und Bettage entscheidend bei. [10] Nach den Kriegen gegen Rußland, Dänemark und Polen im militärischen Bereich ausreichend disponiert und dank einer beispiellosen Rüstungsproduktion, deren Initiator der eingewanderte calvinistische Niederländer Louis de Geer mit seinem Kapital und seinen Verbindungen war, zeigte sich das schwach bevölkerte Schweden imstande, auch die materiell-technischen Voraussetzungen für ein noch größeres und schwer absehbares Kriegsabenteuer zu erfüllen. [11]

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Der Grad der Disziplinierung und Mobilmachungsfähigkeit aller Stände der schwedischen Gesellschaft, deren adlige Oberschicht vergleichsweise wenig begütert war, spielte bei der Zurüstung zum "deutschen Krieg" eine entscheidende Rolle. Ins schwedische Kirchenvolk trug die Führung ihm verständliche, kämpferische Glaubensmotive hinein; in der vorbereitenden Korrespondenz mit den deutschen Reichsständen überwogen Begründungen, die sich aus der politischen Konfliktlage und der Reputation herleiteten. Es besteht kein Zweifel, daß der König und die politisch entscheidenden Gruppen den Krieg gegen den Kaiser führten, um in der Offensive machtorientierte Ziele zu erreichen. Neben oder über dem Glaubenszweck stand, wie schon seit langem verkündet, die "Sicherheit" und "Größe" Schwedens. In den Kriegen vor 1630 konnten Glaubensmotive kaum etwas bewegen, da die von der schwedischen Expansion betroffenen Länder keiner befreierischen Mission bedurften oder gleichen Bekenntnisses waren. Erst im Laufe des "deutschen Krieges" entfalteten sie je nach Lage und Berechnung ihre Kraft. [12]

In der Anfangsphase der schwedischen Invasion stießen religiöse Begründungen und das bekundete Ziel, die Reichsverfassung schützen zu wollen, nahezu ins Leere. Das erwies sich, als Gustav Adolf Mitte September 1630 von der pommerschen Basis aus zur Rückeroberung Mecklenburgs für die vertriebenen Herzöge schritt. Er ließ dort, datiert auf den 12. Oktober, ein "Mandat an die Untertanen der beiden Fürstentümer des Mecklenburger Landes" verbreiten. Darin beschuldigte er die Einwohner der Abtrünnigkeit von ihrer Obrigkeit und forderte sie auf, dieser wie seiner Armee "beizutreten". Diejenigen, die Wallenstein als Landesherrn anerkannt, ihm gedient und gehorcht hatten, sollte die Bevölkerung als "Feinde" und "Räuber Gottes" fangen, niederschlagen und austreiben. [13] Das Pamphlet fand, obwohl es auch die Gemeinsamkeit des Glaubens beschwor, keinen Widerhall. An vielen Orten stießen die Schweden auf Gegenwehr, ihr Vorstoß mißlang völlig. Erst in einem zweiten Anlauf Ende Januar 1631, einige Monate nach Wallensteins Absetzung, gelang die Eroberung des östlichen Mecklenburg und später die Rückführung der Herzöge. Im Laufe des Winters 1630/31 hatte die schwedische Armee in mehreren Operationen gegen die schwächer werdenden kaiserlichen Streitkräfte die Besetzung Vor- und Hinterpommerns abgeschlossen.

Nach der Abberufung Wallensteins vom Generalat blieb die kaiserliche Armee vier Monate lang ohne Oberbefehlshaber, bis der Liga-Feldherr Tilly Ende 1631 das Amt übernahm. Damit gewannen die kaiserlichen Streitkräfte im Zug und Gegenzug zu Gustav Adolf ihre taktische Mobilität zurück, verbunden mit Rache-Feldzügen und Plünderungen wie in Pasewalk (im September 1630) und Neubrandenburg (9. März 1631). [14] Ein Gegenstück dazu lieferten die Schweden im April in Frankfurt/Oder, als sie nahezu 2.000 Soldaten und Einwohner erschlugen. Mit dem Besitz dieser Stadt bedrohten sie nunmehr die kaiserlichen Erblande; in Wien rechnete man mit ihrem Vorrücken oderaufwärts. [15]

Weit weniger erfolgreich als das militärische Vordringen waren die diplomatischen Bemühungen Gustav Adolfs um weitere Bundesgenossen im Reich. Lediglich die Stadt Magdeburg, bedrohte Hochburg des streitbaren Protestantismus, und der abenteuernde Administrator des Erzstifts, Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg, schlossen sich ihm durch ein Bündnis vom 1. August 1630 an. Während sie sich zur Verteidigung gegen den Kaiser und zur Vorreiterrolle in einem Aufstand verpflichteten, sicherte der König ihnen jegliche Hilfe zu. Doch weder folgte jemand dem Beispiel der aufrührerischen Bürgerschaft, noch setzte sich der Administrator im Stift durch. Gustav Adolf wagte nicht, dorthin, weit ins Landesinnere, vorzustoßen. Die Katastrophe folgte, als die kaiserlichen Belagerer am 20. Mai 1631 die Stadt einnahmen und das entsetzlichste Massaker des ganzes Krieges anrichteten. Ein nicht aufgeklärter Großbrand zerstörte anschließend fast alle Gebäude. Der Fall Magdeburg, den zahlreiche Flugblätter anklagend ins öffentliche Bewußtsein trugen und der dem Ansehen der kaiserlichen Seite sehr schadete, signalisierte jedoch auch die Unwägbarkeiten und Fehlrechnungen der schwedischen Expansion. Gustav Adolf hielt es daher für nötig, eine Rechtfertigungsschrift zu verbreiten, um sich von jeglichem Verdacht auf Mitschuld am Schicksal Magdeburgs zu reinigen. Diesem Verdacht setzte er u.a. auch die neutralisierenden Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen aus. [16] Ein Bündnis, das allerdings zunächst wenig nützte, hatte der reformierte Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel schon im November 1630 mit Schweden geschlossen.

Die erreichten Erfolge zu Beginn der schwedischen Invasion einerseits, andererseits aber auch die nicht zu behebende Schwierigkeit, die wachsende Masse der Soldaten und deren Unterhalt zu finanzieren, rief wiederum die französische Diplomatie auf den Plan. Nach monatelangen Verhandlungen kam im Bärwalder pommerschen Hauptquartier Gustav Adolfs am 13. Januar 1631 der Subsidienvertrag zustande. Er verpflichtete den König dazu, eine Armee von 30.000 Fußsoldaten und 6.000 Reitern kampftüchtig zu halten; dafür zahlte Frankreichs katholischer König bis 1636 jährlich 400.000 Reichstaler. Das dem Nimbus des schwedischen "Glaubensstreiters" abträgliche Problem, den Krieg mit Hilfe einer nach innen militant katholischen Macht fortzusetzen, fand folgende Lösung: Der schwedische König verzichtete auf jegliche Konfessionsänderung und zeigte sich bereit, mit Bayern bzw. der Liga ein Neutralitätsverhältnis anzustreben, falls diese auf Kampfhandlungen gegen ihn verzichteten. Das stand indes der politischen Position des bayerischen Kurfürsten entgegen, der seinerseits am 28. April 1631 ein geheimes Bündnis mit Frankreich abschloß. Trotz zeitweiliger Störungen funktionierte das Zusammenwirken Schwedens und Frankreichs in und nach dem Kriege; es gehört zu den wichtigsten Indizien für die starke machtpolitisch-pragmatische Komponente der schwedischen Teilnahme. Der König selbst verdeutlichte sie, indem er den Bärwalder Vertrag öffentlich feierte.

Je mehr sich der Aktionsradius der reichsfremden Macht vergrößerte, desto dringlicher empfanden die mächtigsten evangelischen Reichsstände ihre Sammlung zu deren Abwehr. Sie fanden sich mit großer Mehrheit im Leipziger Konvent vom 16. Februar bis 12. April 1631 zusammen, um sich als "dritte Partei" zwischen Schweden und der kaiserlichen Seite zu formieren, wobei letztere durch ihre Unnachgiebigkeit den Boden bereitet hatte für das schwedische Eingreifen ins konfliktgeladene Reich. Es wurden Werbungen und eine gemeinsame Streitmacht von 40.000 Mann beschlossen, zu der Kursachsen allein 12.000 stellte. Auch die katholischen Reichsstände verstärkten ihre Sammlungsbewegung unter Bayerns Führung. [17]

Der Wiener Hof trat diesen Bestrebungen mit unwandelbarer Härte entgegen. Zum Nachdruck marschierte kaiserliches Militär in Sachsen und Leipzig ein. Diese prätentiöse Politik der Stärke trieb die beiden protestantischen Kurfürsten an die Seite Gustav Adolfs: Er verfügte vertragsgemäß in Brandenburg über ein Aufmarschgebiet und Festungen und schloß mit Johann Georg von Sachsen die Allianz vom 12. September. Wenige Tage darauf, am 17. desselben Monats, kam es zur denkwürdigen Schlacht bei dem Dorfe Breitenfeld nahe Leipzig. Neben der zahlenmäßigen Überlegenheit von 30 Prozent über die Kaiserlichen trug die von Gustav Adolf meisterhaft gehandhabte Taktik der schmalen, beweglichen Linien und der Einsatz überlegener und leichter Feldartillerie zu einer eindeutigen Entscheidung bei. Tillys Armee wurde innerhalb von zwei Stunden vernichtend geschlagen, nur ein Drittel entkam, wovon (nach Aussage von Chronisten) viele Hundert von den Bauern erschlagen wurden. [18] Es gab praktisch keine kaiserliche Armee mehr, die der Siegermacht das weitere Vordringen hätte verwehren können. Sächsisches Militär besetzte unvermutet Schlesien und Böhmen, während sich die schwedische Armee dem Thüringer Wald näherte.

Die Breitenfelder Schlacht markiert die große Wende im deutschen Kriegsunternehmen der schwedischen Krone, ohne daß das Dauerproblem des Heeresunterhalts und der Kriegsfinanzierung gelöst worden wäre. Es gab wesentlich den Ausschlag, nun auch die Südhälfte des Reiches mit ihren anderen Strukturen zu betreten - mit schwer abschätzbaren Folgen. Hier begann jene Komponente des "deutschen Krieges" Wirkung zu zeigen, die sich im Norden, vor allem in den Städten, vage und durch dunkle Prophetien angekündigt hatte: Der ersehnte, rettende, rächende "Leu aus Mitternacht" nahm endgültig die Gestalt Gustav Adolfs an, kolportiert durch Kanzelworte und eine nie vorher gesehene Flut von fliegenden Blättern - wohlfeiles Massenmedium für die Beeinflussung des Alltagsdenkens der Bevölkerung. [19]

Der schier unaufhaltsame Siegeslauf der Schweden erklärt sich nicht allein aus einer glaubensstarken "National-Armee" und den Talenten ihres Feldherrn-Königs, sondern auch aus den Fehlern und Grenzen ihres Gegners. Bis 1630 von Erfolg zu Erfolg schreitend, überschätzte die kaiserlich-katholische Seite ihre Kräfte und achtete die ihrer Feinde gering, auch die Schwedens. Die Gemeinsamkeit des Hauses Habsburg und die Militär- und Geldhilfen Spaniens verpflichteten den Kaiser dazu, dessen Interessen in den Niederlanden und Oberitalien mit starken Truppenkontingenten zu verfechten. Die große, durch Wallenstein geschaffene, kaiserliche Streitmacht aber stellte sich den Kurfürsten als Bedrohung ihres Einflusses dar, sie erzwangen beim Regensburger Kurfürstentag sowohl die Entlassung Wallensteins als auch die Reduzierung der Armee. Im Reich herrschte demzufolge im Sommer 1630 eine Art Vakuum, das von der schwedischen Führung wahrgenommen und genutzt wurde. [20] Der Einmarsch sächsischer Truppen in kaiserliche Erblande und das Erscheinen der königlich-schwedischen Armee an der Schwelle zu Süddeutschland nötigte dem Kaiserhof ungewöhnliche Anstrengungen auf, worunter die Wiederberufung Wallensteins ins Generalat die ungewöhnlichste war. Er allein schien imstande, dem Aufmarsch der schwedischen Armee entgegenzutreten, der im Frühjahr 1632 bis nach Bayern und Schwaben geführt hatte.

Die neue Etappe des schwedischen Zuges durch das Reich eröffnete Gustav Adolf am 1. Oktober 1631 mit der Einnahme Erfurts, das zum Erzstift Mainz gehörte. Würzburg fiel am 15. Oktober, ohne daß die kaiserliche Armee unter Tilly zur Verteidigung beigetragen hätte. Der Weg durch die mit Städten, Festungen, geistlichen Gütern reich gesegnete "Pfaffengasse" stand offen. Nach dem Weltbild des kämpferischen Protestantismus, das den schwedischen Soldaten eingeprägt worden war, befand man sich in Feindesland, in dem nach Kriegsrecht Beute zu beanspruchen war. Der Bestand der geistlichen Güter und die Privilegien der katholischen Geistlichkeit wurden in Frage und zur Disposition (Säkularisierung) gestellt bzw. mit hohen Abgaben belastet. Die höhere Geistlichkeit und stiftische Beamtenschaft floh, das untere Personal und die niederen Kirchenstrukturen blieben unangetastet. Die schwedischen Okkupanten übten keinen Glaubenszwang, förderten aber nachdrücklich das evangelische Kirchenwesen.

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Die Stadt und Festung Mainz eroberten die Schweden in der Vorweihnachtszeit 1631. Frankfurt am Main öffnete Gustav Adolf die Tore und leistete ihm den Treueid, entzog sich aber einem förmlichen Bündnis mit ihm. [21] Auf Distanz blieben zunächst auch weiterhin protestantische Fürsten (Hessen-Darmstadt, Württemberg), während er in den Reichsgrafen und der Reichsritterschaft eine zahlreiche Klientel fand, die er durch Titel, Ämter und Donationen an sich zu binden verstand. Bei den Donationen behielt sich der König die iura superioritatis vor, wie er es schon davor gegenüber den Herzögen Wilhelm und Bernhard von Sachsen-Weimar (Erfurt/Eichsfeld, Herzogtum Franken) getan hatte. Donationen erhielten auch hohe schwedische Beamte und Militärs, die eine neue Führungsschicht im "schwedischen Staat" zu Mainz bildeten. [22] Sie begannen, angelehnt an erzstiftische Strukturen, eine neue Zivil- und Finanzverwaltung aufzubauen, die in der gegebenen Situation vorrangig den Bedarf von Militär und Krieg zu bedienen hatte, vor allem durch Kreditbeschaffung, Kontributionen, Quartiere, Ausrüstungen, Material und Arbeitsleistung für den Bau der Festung Gustavsburg an der Mainspitze u.a.m. Gustav Adolf selbst entfaltete ein glänzendes Hofleben in der erzbischöflichen Martinsburg in Mainz, von wo er den neuen "Rheinischen Staat" regierte und seine Beziehungen zu Reichsständen und Mächten pflegte, zugleich auch rüstete für den Frühjahrsfeldzug 1632. [23] In den okkupierten Stifts-, Kloster- und Ordensgebieten und -häusern sowie in Privatgebäuden nahm die schon in früheren Kriegen regelmäßig betriebene Beschlagnahme von "herrenlosem" Kunst- und Kulturgut das bis dahin größte Ausmaß an. Derartige Beute war auch bei anderen Kriegsparteien (Dänemark, Wallenstein, Bayern) üblich. Am Ende des Krieges transferierten schwedische Generale noch einmal unschätzbare Kultur-Kriegs-Beute aus Mähren und Böhmen nach Schweden. Allein den Wert der Kunstschätze von der Prager Kleinseite im Juli 1648 schätzte man auf 7 Millionen Reichstaler. Sachverstand und pfleglicher Umgang konnten größere Verluste bei Transport und Lagerung verhindern. [24]

Als Ziel der Feldzugskampagne für das Jahr 1632 fixierte die schwedische Führung in der Mainzer Residenz die Vernichtung der wieder aufgebauten kaiserlichen und der Liga-Armee, die Besetzung der Liga-Territorien (besonders Bayerns) und den Vormarsch gegen die kaiserlichen Erblande, der durch Bauernaufstände und einen erneuten Vorstoß des Fürsten von Siebenbürgen nach Wien unterstützt werden sollte. Die politische Macht der schwedischen Sieger sollte in einem Corpus Evangelicorum Gestalt annehmen - einem Bund ähnlich der Union, aber unter schwedischer Führung. Als "Capo" sollte der König über das gesamte Potential und die Ressourcen der Verbündeten verfügen können. Nach seinem Feldzug nach Bayern und Schwaben im Frühjahr und Sommer 1632 und seinem Sieg über die Liga-Armee unter Tilly bei Rain am Lech im April hegte der König die Absicht, sämtliche evangelischen Reichsstände der vier oberen Reichskreise für den 12. September nach Ulm einzuladen, um den neuen Bund zu schließen. Daß er der Reichsstadt Augsburg den Huldigungseid abgefordert und sie aus allen Bindungen an Kaiser und Reich gelöst hatte, deutet darauf hin, daß Gustav Adolf die Demontage der Reichsverfassung und die Verdrängung der habsburgischen Kaisermacht anstrebte. Daß er sie selbst übernehmen wollte, ist nicht belegt, also reine Spekulation. [25] Flugblatt-Pamphletisten sahen ihn hingegen in den Spuren der umherschweifenden Gotenkönige wandeln, die Alpen überschreiten und das Papsttum austilgen - anknüpfend an die in Schweden kultivierte Vorstellung, die Geschichte des Volkes gehe auf die Goten und ihre Könige zurück (storgoticism). Der "neue Römerzug" unterblieb, wenige Effekte zeigten auch die Kontakte zu Venedig und den evangelischen Gliedern der Eidgenossenschaft. [26]

Die Feldzüge bis ins Alpenvorland und an den Bodensee hinterließen eine andere Spur - die der Zerstörung und Vergeltung. Vom bayerischen Kurfürsten und kaiserlichen Militärs aufgerufen, erwehrten sich die katholischen Bauern der schwedischen Eindringlinge in zerstreuten, bewaffneten Aktionen. Im Gegenzug übten die Truppen Rache, verfolgten gnadenlos die Bauern und praktizierten in Niederbayern die Taktik der "verbrannten Erde". Angesichts dieser Vorgänge und späterer Einfälle verfestigte sich in den katholischen Donaugebieten bis über Passau hinaus der Topos von den "grausamen Schweden". [27] Ihnen schrieb man auch die schreckliche Folter, mittels Jaucheeinfüllens in die Speiseröhre Geständnisse zu erzwingen, zu - den "Schwedentrunk", obwohl diese Quälerei auch von anderen und schon früher geübt wurde. Die antischwedische Erzähl-, Lied- und Wunderüberlieferung reicht bis ins 20. Jahrhundert. Im Prozeß der alltäglich-friedlichen Begegnung bürgerte sich in manchen Landstrichen die Speisebezeichnung "Kaltschale" ein - abgeleitet von der kallskål, die sich finnische Soldaten zubereiteten, als sie ins weinreiche Würzburg einzogen und dort quartierten. Sie füllten Wein in ihre Sturmhauben, taten Semmeln dazu und genossen die Suppe als Erfrischung. [28] Dem Bild der Schweden als Feinde standen auch andere Tatsachen entgegen, so die schonungsvolle Behandlung beim Einzug in München am 17. Mai 1632, wofür Gustav Adolf eine hohe Summe forderte.

In den mehrheitlich protestantischen Landstrichen und Reichsstädten Frankens und Schwabens, deren Kaufleute und Bankiers den schwedischen Krieg wesentlich durch Kredite und Heereslieferungen bedienten, entfachten Einmarsch und Präsenz der schwedischen Truppen eine breite, teils enthusiastische Sympathiebewegung. Sie äußerte sich im Willkommensjubel, Dankgottesdiensten, Geschenken, Dichtungen, rasch produzierten und als wohlfeile Ware verkauften illustrierten Flugblättern, Zeitungsnachrichten und einer massenhaften, vielgestaltigen Bildproduktion. Aus Nürnberg, wo Gustav Adolf Ende März 1632 einzog, wird berichtet, viele Bürger trügen ein aus Silber gegossenes Bildnis des Königs am Hals, an anderen Orten knieten sie sogar vor Stichen mit seinem Konterfei betend nieder. In Naumburg wehrte er solche Zeichen der Divinisierung selbst ab. Aus der biblischen und antiken Überlieferung gespeist, feierte ihn die sich befreit wähnende protestantische Bevölkerung als "zweiten Alexander", "neuen Josua, Gideon und Judas Makkabäus", "Salvator" und "destinatus liberator & restaurator patriae", der die Papisten und "Jesuwider" (Jesuiten) zügeln und vertreiben werde. [29] Diese vielfältigen, differenzierten Reaktionen auf das "Königlich Schwedische" Kriegsunternehmen sind noch nicht in der Gänze erfaßt, sie stellten zweifellos eine religiös motivierte und mancherorts auch schwärmerische Massenbewegung inmitten des Krieges dar. Sie nahm diese Ausmaße an, weil der König als Persönlichkeit sowie sein von der Propaganda geformtes Ebenbild ungewöhnliche Ausstrahlungskraft besaßen. Er war nicht nur strenger Herrscher, harter Forderer und Befehlshaber, sondern auch ein schlicht-frommer Christ, begabter Redner (Deutsch beherrschte er muttersprachlich), Meister in massenwirksamen Auftritten mit einem feinen Gespür für Mentalitäten und ein Heerführer, der die Unbilden des Kriegsalltags sowie die Gefahren des Gefechts mit den Soldaten teilte. Kaum ein Herrscher des frühneuzeitlichen Europa erlangte eine solche Popularität, die äußeren Glanzes nur wenig bedurfte, wie Gustav Adolf als Eroberer in Deutschland. Ihr waren allerdings auch objektive Grenzen gesetzt.

Das Werkzeug jeder Konfliktpartei, die Streitkräfte, erreichten nie gekannte Dimensionen und glichen sich in grundlegenden Zügen. Die Truppen fielen den Bewohnern, gleich ob in "Feindes"- oder "Freundes"-Land, unmittelbar und "hautnah" zur Last. Eines der vielen, meist ungenauen Verzeichnisse über den Gesamtbestand der Streitkräfte Schwedens und seiner Verbündeten in Deutschland kommt für Ende 1631 zu folgenden Zahlen (Tabelle 1). [30]

Das Fußvolk erreichte laut dieser Liste 57 Prozent und die Reiterei nur 37 Prozent der Soll-Stärke. Neuzuwerbende und Rekrutenzugänge aus Schweden hinzugerechnet, ergibt sich eine Summe von 199.256 Mann. Andere Verzeichnisse für Anfang 1632 kommen zu etwas niedrigeren Zahlen. [31] Die Soll-Stärke wurde kaum je erreicht, da der Krankenstand hoch und die Zufuhr aus Schweden lückenhaft war. Es kann also mit einer Gesamtstärke von etwa 150.000 Mann gerechnet werden, den Troß ausgenommen. Aufschlußreich, weil propagandistisch aufbereitet, ist eine Liste der vom König und seinen Armeen erschlagenen, gefangenen oder in Dienst genommenen Feinde bis 6./16. Februar 1632. An siebzig Kampfplätzen - von Stralsund 1628 bis Würzburg September 1631 - verloren die Schweden 4.152 und die Kaiserlichen 75.440 Mann. Das Verhältnis bei Breitenfeld wird mit 800:20.000 angegeben. [32] So erscheint, wie auch auf illustrierten Flugblättern mit Veduten von (bis über hundert) eroberten Städten und Festungen, das deutsche Kriegsunternehmen als ununterbrochene Kette von leichten Siegen und Triumphen. In Wirklichkeit verzehrte der deutsche Schauplatz in diesem Zeitraum etwa 50.000 Männer. Durch die fast jährliche Aushebung (utskrivning) wehrfähiger Männer (zwischen 15 und 60 Jahren) in den schwedischen und finnischen Dörfern sank deren Anteil ständig ab, denn mindestens drei Viertel kehrten nicht wieder. [33] Die "demographische Katastrophe" in Schweden, von der einige Forscher sprechen, war eine Art Gegenstück zum Bevölkerungsrückgang in Deutschland, der allerdings vor allem auf indirekte Kriegseinwirkungen zurückgeht. Der Einsatz nationalschwedischer Truppenteile war jedoch unverzichtbar, da sie als zuverlässigster Teil der "Royal Armee" in den Garnisonen der Ostseeküste (sjökanten) die Nachschub- und Rückzugswege sicherten und in den Schlachten Schwerpunktaufgaben zu erfüllen hatten. Eine weitere sozial-politische Rückwirkung der Expansionskriege Schwedens war die Schrumpfung des Krongutbestandes mit darauf sitzenden Freibauern zugunsten des zahlenmäßig anwachsenden Adels, der Militärs und hohen Beamten, die durch Donationen und Belehnungen belohnt wurden. Dieser Prozeß schritt unter Königin Christina beschleunigt fort und konnte nur mit großen Anstrengungen partiell umgekehrt werden in Gestalt der "Reduktionen".

Mit der Okkupation Bayerns erreichte der schwedische Vormarsch zu Lebzeiten Gustav Adolfs seinen Zenit, aber nicht sein letztes Ziel. Die schwedische Streitmacht und die der Verbündeten - die größte in Mitteleuropa - erhielt im Frühjahr 1632 einen ebenbürtigen Gegner: Nach der Rückberufung Wallensteins ins Generalat formierte die kaiserliche Seite in erstaunlich kurzer Zeit eine Armee, die von Böhmen aus ins Fränkische vorstieß und der schwedischen Hauptarmee den Weg nach Norden, ihre wichtigste Lebensader, abzuschneiden drohte. Gustav Adolf mußte auf die Fortsetzung seiner Operationen gegen die kaiserlichen Erblande verzichten und Wallensteins befestigtes Lager bei Nürnberg im Sommer 1632 zu attackieren und zu vernichten suchen. Doch alle Angriffe des Strategen mißlangen, begleitet von hohen Verlusten beider Seiten durch Hunger und Krankheiten. Die Lage bei Nürnberg beschrieb, nach drei Monaten verlustreicher Auseinandersetzung, der Patrizier Lukas Behaim lakonisch mit den Worten: "Vom Feinde [den Kaiserlichen] drei Monat belagert, vom Freund vier Monat ausgefressen." [34] Beide ausgezehrten Armeen verließen Ende August das erschöpfte Feld der Schlacht, Gustav Adolf diesmal ohne Sieg. Er wandte sich wiederum nach Süden an die Donau, um den Weg nach Österreich, wo die rebellischen Bauern seiner harrten, einzuschlagen. Doch die Nachricht, die kaiserliche Armee marschiere nach Sachsen und Feldmarschall Holcks Scharen verwüsteten - zur Warnung für den sächsischen Kurfürsten - das Vogtland, zwang den König, sich nach Norden zurückzuwenden, sollte nicht der unsichere Verbündete, der Kurfürst, verloren sein. Die schwedische Armee marschierte eilig über Arnstadt, Erfurt und Naumburg in die Leipziger Ebene. Wallenstein, im Glauben, die Kampagne des Jahres 1632 sei zu Ende, ließ starke Kräfte unter Feldmarschall Pappenheim nach Halle abmarschieren. Das erwies sich als fataler Fehler, denn Gustav Adolf reagierte darauf mit unverzüglichen Vorbereitungen zum Überfall auf die Kaiserlichen. Die "blut'ge Affär" (Schiller) bei dem Städtchen Lützen nahe Leipzig am 6./16. November 1632 endete als knapper Sieg der Schweden. Die kaiserlichen Truppen verließen in der Nacht das Schlachtfeld, aber in geordnetem Rückzug. Der König, wahrscheinlich wegen seiner Kurzsichtigkeit in feindliche Reihen geraten, fiel, auf der Gegenseite der talentierte General Gottfried Heinrich Graf Pappenheim. In dessen Rock fand man die blutbefleckte Order von Wallensteins Hand (datiert 15. November), er möge alles stehen und liegen lassen und "sich herzu mitt allem volck und stücken" begeben. [35] Den Leichnam des Königs, kaum bekleidet, fand man erst nach langem Suchen im Schmutze. Er wurde nach Weißenfels gebracht, einbalsamiert und aufgebahrt und, nachdem die See eisfrei war, im Frühjahr 1633 aus Wolgast nach Stockholm überführt.

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All diese Vorgänge zusammengenommen bewirkten das Herannahen einer Krise der schwedischen Macht in Deutschland. Im Unterschied zu 1631 blieb die kaiserliche Armee als starker Gegner im Felde und übte Druck auf Schwedens Bundesgenossen aus, sich aus der Allianz zu lösen, die ihnen nicht die erhofften Vorteile zu bringen schien. Reichskanzler Axel Oxenstierna, der nach dem Tode des Königs den "deutschen Krieg" militärisch und diplomatisch weiterführte (gestützt auf talentierte Heerführer aus Gustav Adolfs "Schule" wie Bernhard von Sachsen-Weimar, Johan Banér, Carl Gustav Wrangel und Lennart Torstenson), erkannte, daß angesichts von Armeeunruhen, Versorgungskrisen und sinkendem Kredit das ausufernde Kriegsunternehmen nicht mehr wie bisher finanziert werden konnte. Schwedens Beitrag konnte nicht weiter gesteigert werden, die Lasten sollten größtenteils auf die deutschen Verbündeten abgewälzt werden. [36] Darin bestand der Hauptzweck des am 27. April 1633 geschlossenen "Heilbronner Bundes". Als ein politisches Ziel dieser militär-politischen Allianz wurde die Wiederherstellung der "Teutschen Libertät, Observanz, des Heiligen Römischen Reiches Satzungen und Verfassungen" verkündet, also eine restitutive, der Reichsverfassung konforme Absicht. In der Praxis aber blieben die Tendenzen schwedischerseits, die Reichsverfassung durch eigene Staatsbildungen und vielgestaltige Abhängigkeiten zu sprengen. Die deutschen Bundesmitglieder übernahmen die Finanzierung des gemeinsamen Krieges, die militärische Direktion übte der Reichskanzler aus, die Finanzen verwaltete ein Ratskollegium, in dem Schweden drei von zehn Sitzen einnahm. Frankreich, durch einen zweiseitigen Vertrag mit Schweden verbunden, konnte seine Klientel im Heilbronner Bund vergrößern. [37] In Schwedens vorrangigem Interesse lag die Anerkennung seines Anspruchs auf "Satisfaction" - materielles Entgelt für den opferreichen Einsatz zugunsten der evangelischen Sache und ihrer deutschen Verfechter. Diesen Anspruch akzeptierten die Bundesgenossen. Als aber Oxenstierna 1634 bekennen mußte, daß Schweden vor allem das Herzogtum Pommern meinte, war an eine Gewinnung des brandenburgischen Kurfürsten nicht mehr zu denken, denn nach Erbrecht und Reichsgesetzen mußte Pommern nach abzusehendem Aussterben der herrschenden Dynastie an Brandenburg fallen. Die Pommern-Frage blieb fortan eines der wichtigsten Probleme des Krieges und der Friedensverhandlungen im Reich. Auch andere norddeutsche Fürsten traten dem schwedisch dominierten Bund nicht bei, nicht zuletzt unter dem Einfluß Kursachsens, das seine eigenen Wege ging.

Die Stabilisierung der schwedischen Macht mittels krig genom ombud (Krieg durch Stellvertreter) war nicht von Dauer. Es scheiterten auch alle Versuche, durch Verhandlungen, u.a. mit Wallenstein, zu einem Ausgleichsfrieden zu gelangen, dem der Reichsrat in Anbetracht der wachsenden Schwierigkeiten in Schweden selbst zuneigte. Es blieben weiterhin nur die militärischen Gewaltmittel, den Konflikt einer Lösung zuzuführen. Auf Grund der schlesischen Erfolge Wallensteins, dessen Ermordung im Februar 1634 nur eine zeitweilige Entlastung brachte, und nach dem Aufmarsch einer spanisch-italienischen Armee unter dem Kardinalinfanten Ferdinand in Süddeutschland trat erneut eine ernste Situation ein. Sie gipfelte in der katastrophalen Niederlage schwedischer Armeen unter Bernhard von Sachsen-Weimar und Gustav Horn bei Nördlingen am 27. August/6. September 1634. Die Folgen dieser Niederlage offenbarten die Brüchigkeit des schwedischen Regimes und Bündnisgefüges: Die Truppen wurden aus Oberdeutschland vertrieben, begleitet von allseits verübten Exzessen gegenüber der Bevölkerung, so in Württemberg und Hessen-Darmstadt. Der Heilbronner Bund zerfiel, aus seiner Konkursmasse suchte Frankreich Nutzen zu ziehen. Die schwedischen Donationsgebilde und "Staaten" hörten auf zu existieren. In solcher Form kehrte schwedische Macht nicht wieder. [38]

Der Kurfürst von Sachsen hatte schon im Juni mit dem Kaiserhof Friedensgespräche angeknüpft, die über die Leitmeritzer Verhandlungen in die Pirnaer "Noteln" einmündeten. Diese wiederum bildeten die Basis des am 30. Mai 1635 in Prag geschlossenen kaiserlich-sächsischen Friedens. Der Kompromißcharakter (u.a. wurde das Restitutionsedikt für vierzig Jahre ausgesetzt) sowie der Rückzug Schwedens an die Ostseeküste, aber auch die Sorge wegen des bevorstehenden Eintritts Frankreichs in den Krieg, bewogen die meisten Reichsstände, dem Prager Frieden beizutreten. Dieser räumte dem Kaiser Verfügungsgewalt über gemeinsame Streitkräfte ein, die gegen die Schweden zu operieren begannen, um sie vom Boden des Reiches zu verdrängen. [39] Ihre pommersche Basis war Angriffen ausgesetzt, und schwer zu stillende Meutereien in der schwedischen Armee sowie stark geschrumpfte Versorgungsquellen und Unterhaltsgebiete bezeichneten die nahezu aussichtslose Lage. Im Reichsrat erwog man den völligen Rückzug aus dem Reich, auch ohne Satisfaktion.

Um die Kapitulation Schwedens zu verhindern, entschied sich Kardinal Richelieu, den "verdeckten Krieg" mittels Schwedens gegen Habsburg aufzugeben; Frankreich erklärte 1635, im Monat des Prager Friedens, Spanien den Krieg, was nun auch die offene Feindschaft und den Kriegszustand mit dem Kaiser nach sich zog. Frankreich marschierte jetzt militärisch im Reich auf und operierte hauptsächlich in Südwestdeutschland. Trotz der Proteste Oxenstiernas nahm die französische Krone den schwedischen General Bernhard von Sachsen-Weimar in ihre Dienste, der für jährlich 1,6 Millionen Reichstaler 18.000 Mann gegen den Kaiser ins Feld führte. Die Verhandlungen zwischen Oxenstierna und Richelieu mündeten über Vereinbarungen in Compiègne Ende April 1635 in ein reguläres Militärbündnis in Wismar vom 20./30. März 1636 ein, das 1638 verlängert wurde.

Die positiven Wirkungen der französischen "Diversion" und der erneuten Mobilisierung von Ressourcen in Schweden stellten sich nur zögernd ein. Für Schwedens Position in Norddeutschland bedeutete der Sieg bei Wittstock gegen ein kaiserlich-sächsisches Heer am 4. Oktober 1636 eine Wende hin zur offensiven Kriegführung. Das Land des brandenburgischen Kurfürsten, der an der Seite des Kaisers stand, wurde von schwedischen Truppen als Feindesland besetzt mit allen verheerenden Folgen für die Bevölkerung. Der junge Kurfürst Friedrich Wilhelm suchte aus der verzweifelten Lage einen Ausweg, indem er mit Schweden seit 1641 über einen Neutralitätsvertrag verhandelte. Kursachsen folgte 1645 mit dem Waffenstillstand von Kötzschenbroda. Der Versuch, das Reich gegen Schweden ins Feld zu führen, war endgültig gescheitert.

Das letzte Jahrzehnt oder die "schwedisch-französische Phase" des Dreißigjährigen Krieges trägt folgende Grundzüge: In wechselvollen Kämpfen behaupteten die Schweden ihre wiedergewonnene Überlegenheit und bestimmten immer mehr den gesamten Kriegsverlauf. Im Großteil des Reiches bewegten sich ihre Armeen auf Durchzügen, in Einquartierungen und als Besatzungen. Am schwersten waren Böhmen, Bayern und das westliche Süddeutschland betroffen. Zugleich nahm die schwedische Krone Pommern unter provisorische Verwaltung und bereitete die spätere Inbesitznahme vor. Im Zuge des Krieges, den schwedische Truppen Ende 1643 gegen Dänemark durch einen Überfall eröffneten und erfolgreich beendeten, besetzten sie unter Hans Christoph von Königsmarck die Stifte Bremen und Verden. Damit war König Christian IV. von Dänemark aus seiner Vermittlerrolle zugunsten des Kaisers gedrängt. [40] Der schwedische Überfall auf den protestantischen Nachbarn zeigte einmal mehr, daß sich der konfessionell-ideelle Impetus, der anfangs Entscheidungen und Ereignisse mitbestimmte hatte, weitgehend verlor, und das nicht nur bei den Schweden. Materielle Triebfedern, Ringen und Feilschen um Territorien und Einkünfte gaben dem Geschehen überwiegend die Richtung. Durch wiederholte Meutereien und Unruhen angekündigt, erzwangen die unter schwedischer Führung stehenden Armeen mit ihren spezifischen Interessen an Besoldung und Abfindung, an Beute und Demobilisierung ihren Platz als "dritte Partei" in Politik und Friedenslösungen.

Auf dem Westfälischen Friedenskongreß, wo die schwedischen Hauptgesandten Johan Oxenstierna und Johan Adler Salvius vor allem in Osnabrück residierten, gelang es, die Ergebnisse des zwanzigjährigen "deutschen Krieges" folgendermaßen zu verankern: Schwedens "Sicherheits"-Postulat sowie die "satisfactio coronae" wurde mit dem Erwerb West-Pommerns, Bremen-Verdens und Wismars erfüllt. Die "satisfactio militum" - die Abfindung der zum Abzug verpflichteten Streitkräfte - regelte der Nürnberger Exekutionstag von 1649/50 vor allem zugunsten der höheren Militärs. [41] Das einst verkündete Kriegsziel, die deutschen "Glaubensverwandten" von der Bedrückung durch katholische Gegenreformation und Kaisermacht zu befreien und in ihren Rechten zu schützen, wurde nur teilweise erreicht: Im Reich konnte mit schwedischem Beistand die prinzipielle und reziproke Gleichstellung der evangelischen mit der katholischen Konfession und Kirche reichsgesetzlich verankert und der Besitz-, Rechts- und Bekenntnisstand nach dem "Normaljahr" 1624 eingefroren werden. In den Erbländern des Kaisers aber kamen die Protestanten nicht in den Genuß dieser Errungenschaften; sie zahlten den Preis für den Ausgleich zwischen Schweden und dem Kaiser. [42]

Die Friedensverhandlungen liefen, da kein Waffenstillstand erhandelt werden konnte, in enger Wechselbeziehung zum Kriegsgeschehen. Vor allem die mörderische Schlacht bei Jankau in Böhmen im März 1645, in der die Schweden unter Torstenson über eine gleichstarke kaiserliche Armee (die letzte ihrer Art) siegte, nötigte der kaiserlichen Seite eine größere Kompromißbereitschaft ab. In Mähren und Böhmen, wohin sich - dem Bericht des holsteinischen Residenten zu Hamburg zufolge - der Krieg wieder "wälzen werde", planten die Schweden wirksame Aktionen im Jahre 1648. [43] Der schwedische General Königsmarck unternahm im September einen Handstreich auf Prag, konnte aber nur die Kleinseite einnehmen. Doch auch so war der Gewinn gewaltig: Auf dem Hradschin erbeutete er den großen Rest der Kunst- und Raritätensammlung Kaiser Rudolfs II. und ließ ihn, trotz kaiserlichen Protests, nach Schweden transportieren. Von der Nachricht, der Friede sei geschlossen, überrascht, mußten die schwedischen Truppen alle weiteren Feindseligkeiten einstellen. Das war die letzte Kampfhandlung des "Königlich Schwedischen Krieges in Deutschland", der zwanzig Jahre davor auf Stralsunder Boden seinen Anfang genommen hatte.

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ANMERKUNGEN

1.Nach dem Titel des ersten großen Geschichtswerks, das Schwedens Teilnahme am Dreißigjährigen Krieg abhandelt, verfaßt durch den in Stettin geborenen und seit 1644 als Reichshistoriograph in schwedischen Diensten stehenden Bogislav Philipp von Chemnitz: Chemnitz 1648.
2.Kirchenbuch von Voigdehagen 1640 bis 1722, deponiert im Stadtarchiv Stralsund, 9a/1.
3.APW II A 3, Nr. 178, S. 312.
4.APW II A 3, Nr. 188, S. 355.
5.Carlsson 1912.
6.Die strategische Entscheidung für "Bellum extra patriam gerendum" fiel in der denkwürdigen Reichsratsdiskussion vom 9. bis 15. Dezember 1628: Kullberg 1878, S. 123-125.
7.Fina 1981.
8.Die militärischen Planungen, Rüstungen und der Verlauf des "deutschen Krieges" am ausführlichsten in Generalstaben 1936f.; Ahnlund 1918; Roberts 1958, II; Egelhaaf 1901.
9.Lateinische und deutsche Erstausgabe gedruckt 1630 in Stralsund in der Ferberischen Druckerei: Expl. Stadtarchiv Stralsund. Die theoretische (theologisch-juristische) Begründung lieferte Gustav Adolfs Hofprediger Jacob Fabricius mit seinem scharf antipäpstlichen, antijesuitischen Werk Fabricius 1631.
10.Arnoldsson 1941, S. 3-35.
11.Eine umfassende Analyse aller Bereiche liefert Roberts 1958, II.
12.Zur facettenreichen Historiographie über Gustav Adolf und zum Kult um den König: Oredsson 1994.
13.Expl. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB): 197.1 Hist. (12).
14.Dazu die Flugschriften "Truculenta Expugnatio sanguineolentumque Excidium [...]" für Neubrandenburg und die "Laniena Paswalcensis" sowie "Pasewalckische Schlacht [...]" vom 12. September 1630 bzw. 4. Januar 1631. Expl. Stadtarchiv Stralsund bzw. Flugschriftensammlung Gustav Freytag, Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt/Main, XXIII. 1631.55.
15.Plage 1931.
16.Wittich 1874; Titel der Flugschrift "Kurtzer aber begründeter Bericht / Warumb die Königl: Mayt: zu Schweden [...]", Expl. Bibliotheka Gda?ska PAN, Danzig.
17.Parker 1987a, S. 196-199.
18.Spanheim 1633, S. 71-76.
19.Böttcher 1977; Spiegel 1977; Milch 1928.
20.Albrecht 1962, S. 263-270.
21.Traut 1932.
22.Müller 1957.
23.Müller 1979.
24.Walde 1916. Aus einem Bericht des schwedischen Faktors zu Hamburg namens Gröneberg vom 1. Dezember 1631 ist zu entnehmen: Der Hofprediger Fabricius nahm in "Pfaffenorten" hundert Meßgewänder an sich und schickte sie ins "beraubte" Pommern und köstliche Tapezerei in die Wolgaster Schloßkirche: Riksarkivet Stockholm (RAS), Stegeborgsamling E 29.
25.Als wichtige Quelle für die Neuorientierung der Politik in Deutschland gilt Boëthius 1911.
26.Ulrich von Hutten d.J. zu Ufnau (fingiert), Der Newe Römerzug [...], o.O. 1632. Expl. Universitätsbibliothek Greifswald. Zur Feindbildprägung bei den Soldaten publizierte der Hofprediger Fabricius: Fabricius 1632, Sächsische Landesbibliothek Dresden.
27.Friesenegger 1974; Stöger 1836.
28.Heilmann 1868, hier II, 1. Abt., S. 344.
29.Harms 1985.
30.RAS, Stegeborgsamling E 30.
31.Generalstaben 1936f., V, Beilage 1.
32.RAS, Stegeborgsamling E 30.
33.Die rechtliche Grundlage des alten Aushebungssystems wurde erneuert durch Gustav Adolfs "Krigsfolks-ordning" von 1621: Styffe 1861, S. 1-64. In Deutschland gab ein anonymer Verfasser der Gedächtnisschrift für Gustav Adolf "Regii manes" (o.O. 1634) den ausgehobenen "Gemeinen Finnen und Schweden" eine Stimme. Sie klagen:
"Ach Gott wer hat uns her gebant?
Daß wir in einem fremden Landt
Unser Leben sollen bringen zu /
Zu Hauß möchten wir haben Rhu /
Unser Eltern / Freund / Weib und Kind
Dessen übel zu frieden sind."
Expl. Wolfenbüttel, 251.3 Hist. (4); Lindegreen 1980.
34.Zit. nach Parker 1987a, S. 230.
35.Original im Heeresgeschichtlichen Museum Wien.
36.Landberg 1971; Lundquist 1966.
37.Kretzschmar 1922; Langer 1995.
38.Kurzer Überblick über die schwedischen Klientele und Protektionen in Stein 1978, S. 141-160.
39.Vgl. Bierther 1997.
40.Lorenz 1981.
41.Oschmann 1991, S. 29-38.
42.Šindelá? 1968.
43.Gesandtskabs-relationer Martin Rasch 1639-1652: Rigsarkiv København, TKUA, Hamburg B, Nr. 40, Eintragung vom 23. September 1648.

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