HARTMUT LAUFHÜTTE
Das Friedensfest in Nürnberg 1650
Wir wissen von Friedensfesten an vielen Orten, doch von keinem so viel wie von den 1649 und 1650 in Nürnberg begangenen. Diese waren zwar auch die wohl bedeutendsten und prächtigsten, aber das allein erklärt nicht ihre überaus reiche Dokumentation in Schrift und Bild. Dafür gab es damals nirgends bessere Voraussetzungen als in der nicht von ungefähr für die Nachfolgeverhandlungen zum Friedensschluß von Münster und Osnabrück [1] ausgewählten Stadt Nürnberg, die sich immer noch mit Stolz die eigentliche Hauptstadt des Reiches nannte [2] und die während des Krieges weder erobert, geplündert noch ganz oder teilweise zerstört worden war. [3] Es gab in Nürnberg ein sehr leistungsfähiges Druck- und Verlagsgewerbe mit entsprechend vielfältiger Produktion von Zeitungen und Flugblättern. Diese Industrie war durch den Krieg allenfalls behindert - durch Papierknappheit und Absperrung oder Beschädigung von Absatzmärkten -, im wesentlichen aber mit Anlässen und Themen beliefert und nie wirklich beschädigt worden. [4] Ein Glücksfall kam hinzu: In Nürnberg war 1644 der Pegnesische Blumenorden gegründet worden. Ihren Platz in der Geschichte der deutschen Literatur verdankt diese Dichter-Gesellschaft der Tatsache, daß sie, von Opitz angeregt, die alte lyrisch-epische Tradition der Hirtendichtung zu der panegyrisch-utopischen Gebrauchsform entwickelt hat, als die sie während des Jahrhunderts wirksam blieb. Zu deren konstitutiven Merkmalen gehört von den alttestamentarischen und griechisch-römischen Anfängen an die gegenbildliche Inszenierung des friedlich-idyllischen Hirtendaseins gegenüber den meist unfriedlichen Realitäten der jeweiligen Schreibgegenwart, die Neigung zu Friedens- und Paradiesutopik, zu religiöser Wirklichkeitsdeutung. [5] Damit bestand eine natürliche Affinität der Pegnitzschäfer zu Themen, wie sie der Friedensschluß von 1648 und die Nürnberger Exekutionsverhandlungen nahelegten. Glücksfall auch dies: Gelehrte Theologen wie Johannes Saubert (1592-1646) [6] und Johann Michael Dilherr (1504-1669) [7], vor allem aber der Ordensgründer selbst, der Patrizier, Universalgelehrte und Großliterat Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658) [8] trugen dazu bei, daß die Neufunktionalisierung der alten bukolischen Genres im Zeichen der Sinnbildfigurationen der Epoche, der Allegorese und der Emblematik, erfolgte. Harsdörffer, der überdies der deutschen Literatur die damals modernsten Tendenzen der Nachbarländer zu erschließen strebte, gelang es, junge Literaten zu nach- und neuschaffender Produktivität zu begeistern. So kam es, daß 1649 in Nürnberg die Techniken ausgebildet, die Literaten vorhanden waren, die das Geschehen begleiten und der Nachwelt überliefern, seinen festlichen Abschluß gar mitgestalten konnten: Harsdörffer selbst, der wohl seit 1642 in Nürnberg lebende Meißner Johann Klaj (1616-1656) [9] und, wichtigster von allen, Sigmund Betulius, seit 1655 von Birken (1626-1681). [10]

Die Verhandlungen begannen im April 1649. Bis zum Abschluß im Juli 1650 ist viel gearbeitet und viel gefeiert worden. Beides hat sich ausführlichst in unserer Hauptquelle, dem 6. Band (1652) des "Theatrum Europaeum", niedergeschlagen. [11] Wir können den Verlauf des Kongresses Tag für Tag mit allen Mühseligkeiten, Krisen, Höhepunkten und Ergebnissen rekonstruieren. Zahlreiche Dokumente sind wörtlich mitgeteilt. Hauptkontrahenten waren die Bevollmächtigten des Kaisers und der Krone Schwedens; doch die Vertreter der Reichsstände und Frankreichs hatten ebenfalls mitzureden, auch spanische Interessen waren im Spiel. Die Materien waren schwierig und konfliktträchtig. Es ging um die sukzessive und allerseits ausgewogene Auflösung von Heereskontingenten, die Räumung besetzter Plätze, Entschädigungen für die Preisgabe von Faustpfändern, um die konkrete Ausführung in Münster und Osnabrück nur formal beschlossener Problemlösungen. Mehrfach drohte die Gefahr des Scheiterns.

Daß es nie zum Äußersten kam, scheint auch an dem guten Einvernehmen gelegen zu haben, das sich bald zwischen den Leitern der beiden wichtigsten Delegationen ausbildete, dem zu Beginn der Nürnberger Verhandlungen erst sechsundzwanzigjährigen Pfalzgrafen Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken (1622-1660) - einem Neffen Gustav Adolfs, der, seit 1648 Generalissimus der schwedischen Armee in Deutschland, seit 1649 schwedischer Kronprätendent für den Fall eines kinderlosen Todes der Königin Christina war und 1654 wirklich als Karl X. Gustav König von Schweden wurde (Abb. 1) - und dem damals fünfzigjährigen Octavio Piccolomini (1599-1656), seit 1639 Herzog von Amalfi, einem der ganz wenigen Offiziere, die schon die Schlacht am Weißen Berg mitgeschlagen und das Kriegsende erlebt hatten und der, ebenfalls seit 1648, im Range eines "General-Lieutenants" Generalissimus der kaiserlichen Armeen war (Abb. 2). [12]

Den beiden großen Festereignissen des Nürnberger Kongresses gingen zahlreiche kleinere vorauf; sie gehören mit zum Gesamtbild. Zunächst kam es offenbar sehr auf Demonstration und Repräsentation an: Die schwedische Delegation - ihre Zusammensetzung ist ebenso exakt festgehalten wie die der kaiserlichen - traf zwei Tage nach jener, am 24. April/4. Mai in Nürnberg ein. [13] Drei Tage später begann die Arbeit der Fachleute, und am 1./11. Mai machte Piccolomini, der zwar Ältere, doch dem Stand nach Niedrigere, dem Pfalzgrafen einen Höflichkeitsbesuch. [14] Aber erst bei der Gegenvisite des Pfalzgrafen am 23. Juni/3. Juli scheint das Eis gebrochen zu sein: Fast eine Stunde unterhielt man sich, und tags darauf erschienen Karl Gustav und Wrangel überraschend bei einem Bankett Piccolominis und blieben bis Mitternacht. [15] Am Dienstag, dem 3./13. Juli schließlich gab der Pfalzgraf ein Bankett für Piccolomini und die beiden kaiserlichen Verhandlungsführer, die Reichshofräte Blumenthal und Lindenspühr sowie für alle hohen kaiserlichen und schwedischen Offiziere, das erst am frühen Morgen endete. [16] Offenbar betrieb man beiderseits eine Strategie gesprächsfördernden informellen Miteinanders, das Krisen bewältigen half. Denn der Weg zum ersten irreversiblen Verhandlungserfolg war mühsam; dieser wurde im Spätsommer 1649 noch zusätzlich verzögert durch die Ersetzung des protestantischen Reichshofrats Blumenthal durch Dr. Volmar und dessen Statusprobleme im Verhältnis zu Piccolomini, ferner durch den Tod der Kaiserin Maria Leopoldina am 28. Juli/7. August 1649. [17] Bezeichnenderweise während des Wartens auf eine Stellungnahme aus Wien, die eine Verhandlungsblockade beheben sollte, lud Piccolomini zum 15./25. Juli fast alle Standespersonen beider Seiten zu einem Bankett in einem Garten vor der Stadt. [18] Man blieb jenseits des Offiziellen im Gespräch.

Der ersten großen Friedensfeier ging die bis dahin schwerste Krise vorauf. Am Abend des 18./28. August unterschrieben die Schweden und die Vertreter der Reichsstände den endlich ausgehandelten Interimsrezeß. Statt der Vollmacht, auf welche die Kaiserlichen warteten, kamen aus Wien Einwände und Bedenken, worauf ein schwedisches Ultimatum erfolgte. Erst am 11./21. September unterschrieben auch die Kaiserlichen. [19]

Schon bei der darauf folgenden ersten, von den Schweden ausgerichteten Friedensfeier wirkten die Pegnitzschäfer mit. Kommentierend waren sie bereits früher in Erscheinung getreten. [20] Den Anfang hatte am 6./16. Januar 1649, noch vor Beginn des Kongresses, der junge Sigmund von Birken mit einer im Auditorium des Augustiner-Klosters vorgetragenen Friedensrede gemacht, die er zusammen mit einem thematisch einschlägigen Schäferspiel im Februar 1649 auch hatte drucken lassen. [21] Sie gibt große Teile des motivischen, vor allem aber des allegorisch-emblematischen Programms vor, mit welchem die Beiträge der Pegnitzschäfer zu den Feiern und ihrer Darstellung arbeiteten. Bei den Festlichkeiten anläßlich des Interimsrezesses war Harsdörffer beteiligt.

Am Dienstag, dem 25. September/5. Oktober 1649, gab der Pfalzgraf Karl Gustav im großen Rathaussaal ein Festbankett. Die Darstellung des "Theatrum Europaeum", der sicher aktuelle Berichte zugrunde gelegen haben, zitiert eingangs offenbar aus dem Einladungsschreiben: "Derowegen / nach dem jetzo deß Herrn Generalissimi Fürstl. Durchleucht den Münsterischen Friedens=Schluß / durch beyderseits beliebten und unterschriebenen Interims=Receß / werckstellig gemacht [...] und also den dreyssig jährigen Krieg [...] geendet; haben sie entschlossen / denen gesampten hochansehentlichen Herren Abgesandten zu dieser Handlung / ein Banquet oder Friedens=Mahl anzurichten / und nechst schuldiger Dancksagung für solche Göttliche Gnaden=Schenckung [...] hochbesagten Herren Gesandten allermöglichste Ehre und Liebe zu erweisen / Sie wohlmeynend zu versichern / daß man auff Schwedischer Seiten begierigst / das Teutsche Reich in friedlichen Wolstand [...] zu setzen / und in lang hergebrachter Freyheit zu hinderlassen." [22]

Wir kennen alle 150 Teilnehmer, wissen, wie der Saal ausgeschmückt, die Bewirtung organisiert, die Musik plaziert, die Tischordnung, die Choreographie der Platzeinnahme eingerichtet war (Abb. 3). [23] Von Joachim von Sandrart stammt die Darstellung des festlichen Ereignisses. [24] Auf der Grundlage eines Satzes von Zeichnungen sind mehrere Teilszenen offensichtlich zunächst als aktuelle Flugblätter, später, mehrfach nachgestochen, in verschiedenen Publikationen verbreitet worden. [25] Auch über den Ablauf der Veranstaltung, die mit dem Tedeum und anderer geistlicher Musik begann, sowie über die Speisenfolge sind wir unterrichtet. [26] Zu den "Gesundheiten", die zahlreich getrunken wurden, gab es feldmusikalische und artilleristische Begleitung. [27] Auch blieb man feiernd nicht ganz unter sich. Sigmund von Birken bringt das, trotz der poetischen Einkleidung, realistisch zur Geltung:

 "Es wurden auch [...] den armen und bresthaften Leuten zween Ochsen geschlachtet / selbige unter sie mit Brod und Trank ausgetheilet / und also jhnen auf offner Strassen ein freyer Tisch angerichtet. Uber das / weil der Friede allgemein / und deswegen nit nur dem höhern / sondern auch dem nidern Stande zum Nutzen und Ergötzlichkeit gereichen solte / wurde in ein Fenster des Mahlsaals [...] ein messinger Löw gesetzet / der in der einen Patten einen Oelzweig / in der andern ein zerbrochenes Schwerd hielte / und aus seinem Rachen / in die sechs Stunden lang / roten und weissen Wein unter das gemeine Stadt= und Landvolk sprützete. Da ware ein Lust zu sehen / wie sich der Pöbel hinzudrängete [...]. Es waren zwo Kufen gestellet / darein der Wein lauffen / und daraus er von männiglich geschöpfet werden solte. Die Begierde eines jeden aber liesse nicht zu / daß einer nach dem andern schöpfete [...]. Demnach kehreten sie die Kufen üm / stunden darauf / hielten Hüte / Kannen / Töpffe / und was die Eilfertigkeit einem jeden in die Hand gegeben / an Stangen / Furken / u.d.g. in die höhe und unter. Es ware einer / der seinen Stiefel auszoge / und Wein damit auffienge. [...] Vielen wurde jhr Gefäß / ehe sie es noch herab und zu Mund brachten / aus Neid ümgestürtzt / also daß das meiste auf die Erde schosse und verflosse. Etliche / denen es geworden / liefen damit nach Hause / liessen die Kindheit davon trinken / daß das Alter davon sagen könde [...]. Andere die namen deß süssen Safftes soviel zu sich / daß sie es auf der Stelle wieder musten von sich geben. [...] Die klügsten sahen lieber andrer Torheiten zu / als daß sie solche mitmacheten." [28] (Abb. 4)

Einige Kupferstiche geben diese Szene recht anschaulich wieder; auch die erwähnten "klügsten" erscheinen im Bild: im Vordergrund als Zuschauer, im Hintergrund an allen Fenstern des Rathauses, auch des Festsaales, und eines benachbarten Gebäudes. [29]

Birken aber beläßt es nicht bei der Erzählung:

 "Inzwischen gabe es allerley schöne Gespräche und Ausdeutungen hiervon. Einer sagete / das Blut / das der leidige Krieg so lange Zeit [...] ausgesogen und =gesoffen / fange nun wider an in Wein verwandelt / auß dessen todten Rachen zu fliessen. Andere nenneten es den Wein der Freuden / nach dem Weinen / welchen die Friedenssonne aus dem Trehnenregen gekochet. Etliche liessen sich dünken / sie sehen das Bild des Wolstands vor sich / der aus seinen beyden Brüsten das Friedenöl springen liesse / die neugebornen Jahre der Ruhe damit zu nehren und zu säugen. Jhrer viele deuteten den rohten Wein auf die neu=entbrennende Liebe der Hertzen / den weissen aber auf die wiederblühende alte [...] Treu. Geister voll himlischer Gedanken betrachteten hierbey der [Teutschen] Blutrote Schulden / welche dem Himmel vormals die Kriegsrute in die Hand gegeben; und den weiss=reinen Vorsatz der besserung / wodurch er wieder begütiget / das Land zu stäupen abgelassen / und den Brunn seiner Gnaden / uns mit neuer Wolfart zu überschütten / eröffnet." [30]

Es ist allegorisierendes oder gar emblematisierendes Denken, das sich in solchen Deutungen niederschlägt. Es entspricht der Sinnbefrachtung vieler Elemente der festlichen Inszenierung. Weil es selbstverständlich ist, erwähnen die Beschreibungen nicht, daß im Nürnberger Rathausfenster natürlich das Wappentier hockt, das den Geladenen wie den außen Beglückten als Repräsentant der Friedensspenderin, der eigentlichen Vermittlerin aller künftigen, im Vorgriff versinnbildlichten Segnungen vor Augen gestellt wurde: der Krone Schwedens.

Auf Demonstration und Wahrnehmung solcher Sinnbezüge war alles angelegt. Einige Hinweise: Alle Berichte erwähnen die allegorisch-emblematischen Erfindungen und Sinnspruch-Deklarationen, die bei den einzelnen Gängen des Festmahls eine Rolle spielten. Den Sensibleren unter den Gästen wird derlei Nachdenkliches gefallen, andere mögen es erlitten haben; jedenfalls zog die Präsentation der "Schau-Trachten" die Mahlzeit beträchtlich in die Länge. Bei Sigmund von Birken heißt es:

 "Weil nun alle äusserliche Sinnen bey diesem Freudenmahl ihre Ergötzlichkeit einnamen / als musten auch die innerlichen und das Gemüt einen Theil an solcher Wollust haben. Zu dem Ende wurden alsobald anfangs zwo Schautrachten mit aufgesetzet / mit deren Erfindung der ädle Strefon [Harsdörffer] seiner Sinnen Kunstvermögen allen Anschauenden verwunderlich gemacht. Die erste war ein Siegesbogen / gewidmet der Einigkeit / welche oben auf stunde / in der einen Hand einen Zettel haltend / worauf etliche Nulla [...] stunden / und mit dieser Schrifft auf der andern Seiten: UNUMQUE. NECESSE. EST. Eins ist nötig dieser Zeit / nemlich Fried und Einigkeit. In der andern Hand truge sie einen Bienenkorb [...]. Unten zu jhren Füssen lage auf einer seiten die Zweytracht todt / auf der andern der Sieg schlaffend." [31]

Alle Bestandteile dieser Komposition waren mit solchen Sinnsprüchen ausgestattet; die Berichte zitieren sie alle. Ihr gemeinsames Thema: die Segnungen der Eintracht und des aus ihr resultierenden Friedens.

Dem Thema der endlich wiedergewonnenen Eintracht feiernd und beschwörend gewidmet ist auch Harsdörffers zweite Erfindung:

 "Die andre Schautracht ware ein Berg / sechseckigt und in drey Theile abgesondert, deren jedes auf eine von den dreyen vereinigten Kronen deutete. Oben über stunden drey Nymfen / nach jedwedern Theils Bedeutung in dero Heroldsfarben gekleidet / einen dreygewundenen Oelzweig miteinander haltend / mit der Beyschrifft [...]: PAX. UNA. CORONIS. INNUMERIS. POTIOR. Diese schöne Friedenskrone ziert die höchste Ehrenthrone." [32]

Der Ostteil des Berges repräsentierte das Reich und trug oberhalb einer Fruchtlandschaft einen Adler im Nest, in derselben eine Henne, die unter Weinstock und Feigenbaum brütete. Der Nordteil, als Schnee- und Felsenlandschaft Schweden vorstellend, zeigte einen Löwen, der auf Schild und Schwert lagerte, sowie "deß streitbaren Gotteshelden Simsons Kinbacken", der bekanntlich zunächst Waffe war und dann das rettende Quellwasser erschloß. Frankreich schließlich erschien als Blumenlandschaft mit einem Hahn, der wachsam auf einem Helm stand, und mit einem Ölzweig, der einem alten Stamm eingepfropft war. Jeweils beide Motive eines Bergteils waren durch Sinnsprüche von der Art des zitierten zu Emblemen gemacht. Die Abwandlung eines Vergil-Motivs [33] erläuterte abschließend den Sinn des Ganzen:

 "Ferner so bliessen aus diesem Berge drey Winde / als der Ost= Süd= und Nordwind / ebenfalls auff die drey Cronen in gesetzter Ordnung absehend / mit der Deutungsschrift: IN. PACEM. CONSPIRANT. UNDIQUE. VENTI. Nun die Pfeilgeschwinde Wind in der Welt zu frieden sind." [34]

Beide Dekorationen verbildlichen die schon im Fest selbst symbolhaft zelebrierte Eintracht. Die erste kontrastiert außerdem in Bild und Devisen die beiden Zustände, Krieg und Frieden, deren rechte Ordnung der Interimsrezeß, wenn auch erst vorläufig, wieder fixiert hatte. Die zweite verpflichtet die drei Monarchien als ehemals wichtigste Kriegsgegner und nun Friedenspartner auf den neuen Status, nicht zuletzt durch die biblische Herkunft der Mehrzahl der verwendeten Motive. Daß Simsons Kinnbacken ins Spiel kommt, hat sowohl mit Harsdörffers Absicht zu tun, den Gastgeber zu ehren - immer wieder ist Gustav Adolf als Gottesheld bezeichnet und mit Simson verglichen worden -, als auch mit der doppelten Funktionalisierbarkeit dieses Requisits.

Die Vorgangsinszenierung insgesamt tendierte zum emblematischen Gesamtkunstwerk, und entsprechend verfährt Birkens Erzählung. Ein bezeichnendes Detail daraus:

 "Sonsten truge sich hierbey etwas denkwürdiges zu / in dem nemlich / als etliche Pasteten / darinn lebendiges Wild und Geflügel verschlossen / aufgetragen / und folgends jhre Deckel aufgehoben wurden / eine Taube / aus deren einer fliegend / sich alsobald auf das Bild der Eintracht / über der ersten Schautracht / setzete. Jedermann hielte es für ein gutes Zeichen; weiln auch dazumal / als der gerechte Himmel / über die Menschen erzürnet / die gantze Erde überschwemmet hatte / eine Taube mit einem Oelblat zu den übrigen acht Menschen in den Kasten wiederkehrend / den Frieden verkündiget." [35]

Selbst wenn der Vergleich dieses zur Inszenierung so herrlich passenden Zufallsereignisses mit der berühmten Stelle aus Gen. 8,11 deutende Zutat des Erzählers sein sollte: Er fügt sich in das Sinnspektrum, auf das alles Geplante bezogen war.

Sinnbild war selbst der etwas burleske Ausklang des Festes. Die anwesenden Befehlshaber verkleideten sich als einfache Soldaten - Karl Gustav und Piccolomini als Hauptleute, Wrangel als Korporal, Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz als Rottmeister usw. -, zogen so "in schöner Ordnung" vom Rathaus auf die Burg, schossen dort die Kanonen ab, und wurden, "als sie nun lang genug Soldaten gespielet", vom kaiserlichen Obristen Ranft "schertzweiß abgedanket / und jhrer Dienste erlassen". Im Spiel nahmen so die Verhandlungsleiter und ihre Militärexperten einmütig das im Interimsrezeß vorfixierte gute Ende vorweg: die Auflösung des noch vorhandenen Bedrohungspotentials, die neue europäische Harmonie, die, wie sie erfahren hatten, so schwer zu erreichen war.

Birken resümiert: "Es hätte mehr nicht ersonnen werden können / diese wehrtesten Gäste zu ergetzen / und ware keine Art der Lust / die allhier nicht genossen ward." Erkenntnis- und Bestätigungslust sind mitgemeint. Die Denkenden unter den Feiernden dürften Harsdörffers Arrangement verstanden haben, wußten sie sich doch als Repräsentanten eingefügt in einen metaphysisch verbürgten Sinnzusammenhang, auf den alles, auch das feiernde Handeln, verwies und der sie verpflichtete.

Mit dem "Friedensmahl" war dem Repräsentationsbedürfnis der schwedischen Seite - wohl auch ihrem Anliegen, den endlich fixierten Ergebnisstatus feiernd seiner Vorläufigkeit zu entheben und so den weiteren Verlauf zu präjudizieren - offenbar noch nicht Genüge getan. Am übernächsten Tag, dem 27. September/7. Oktober, ging es weiter mit "einem kostbaren Feuerwerk / welches nechst der Stadt verbrennet wurde". Es blieb nicht das einzige. Was den Armeefeuerwerkern dieser von pyrotechnischer Repräsentation faszinierten Epoche möglich war, ist in den verschiedenen Berichten ausführlich dargestellt. [36]

Der mit dem Fest erstrebte Harmonisierungseffekt wurde erreicht:

 "Und nahme folgends die Verträuligkeit in allerseits Gemütern so sehr zu / daß immer einer den andern begastete / und sie darüm zanketen / welcher dem andern grösser Ehr und Wolgefallen erweisen könde." [37]

Entsprechend berichtet das "Theatrum Europaeum", daß gleich danach, am 4./14. und 5./15. Oktober, der Feldmarschall Wrangel "ein sehr köstliches Mahl / Fewerwerck und Ringel=Rennen gehalten"; zu den Gästen gehörten der Pfalzgraf Karl Gustav, Piccolomini, die Gesandten der Reichsstände und die Offiziere beider Seiten, auch städtische Prominenz. Wieder kennen wir Gästeliste und Sitzordnung, auch die - beträchtlichen - Kosten: 6.000 Reichstaler allein für die Bewirtung. Mit der Nachtruhe der Bürgerschaft war es abermals nicht zum Besten bestellt: "Achtzehen Stücke / ohne die Mörser / haben die gantze Nacht gespielt / und die Gesundheit=Trüncke accompagnirt." [38]

Dennoch tat man sich schwer, besonders mit der Evakuierung der spanisch besetzten pfälzischen Festung Frankenthal. Zeitweise war das gesamte Vertragswerk gefährdet. Demonstrativ wurden Winterquartiere für Truppen bestellt, die längst hätten entlassen sein sollen. Immerhin legten am 8./18. November die Schweden ihren Entwurf für den Hauptabschluß vor. Doch die Verhandlungen darüber brachten bis zum Jahresende außer der Auslagerung einiger Probleme in die Zuständigkeit des nächsten Reichstags keine Ergebnisse. [39] Um so lebhafter wurde um die Weihnachts- und Neujahrszeit der gesellschaftliche Verkehr. [40]

Unter ständigem Warten auf Kuriere aus Wien und Madrid und mit z.T. neuen Unterhändlern - im Januar 1650 wurde der Reichshofrat Lindenspür durch Johann Krane als Hauptunterhändler neben Isaac Volmar ersetzt - gingen die Verhandlungen langsam weiter. Ende März war endlich der erstrebte Hauptrezeß bis auf formale Differenzen abgestimmt; nur die Einigung über Frankenthal stand noch aus. [41] Selbst das "Valedictions=Banquet" des Feldmarschalls Wrangel, der sich um sein Pommersches Generalgouvernement kümmern mußte, am 5./15. März mit obligatem Feuerwerk, das freilich wegen schlechten Wetters auf den 12./22. März verschoben werden mußte, brachte keine Fortschritte in der schwierigen Frankenthal-Angelegenheit. Neue Bewegung bewirkte erst Mitte Mai die Drohung des Pfalzgrafen, die schwedische Delegation werde abreisen, d.h. die Verhandlungen abbrechen, wenn nicht innerhalb von zwei Wochen eine Einigung erzielt werde. Zwar wurde der daraufhin von den Kaiserlichen vorgelegte Entwurf am 3./13. Juni abgelehnt, doch nahm man das Ultimatum zurück. [42]

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Sicherlich der Klimaverbesserung wegen gab die schwedische Seite unmittelbar danach, am 5./15. Juni, vor der Stadt ein vielbeschriebenes Gartenfest [43], ein "Verträulichkeitsmahl". [44] Das diesmal besonders aufwendige Feuerwerk mußte wegen abermals schlechten Wetters um einen Tag verschoben werden. Es ist auf mehreren, auf einer Zeichnung basierenden Kupferstichen abgebildet. [45] Zu Beginn verlief bei diesem Fest nicht alles plangemäß. Es gab ein Scherzturnier,

"in welchem sechs paar Kübelreuter mit stumpffen Speeren zusammen renneten. Jhre Küraser waren mit Heu dick=ausgefüllte Kleider / mit welchen sie von Fus auf gewaffnet / als lauter Esopi und Bacchi zu Pferd sassen. An stat der Helme hatten sie vermahlte Eimer oder Kübel auf / und gabe es in jedlichem Ritt ein lustiges Gepurtzel. [...] Es wäre eine Lust zusehen gewesen / wann nicht die Wolken aus Mißgunst jhre Wasserschläuche eröffnet / einen starken Platzregen fast Eimerweiß herab gegossen / und also die Zuseher wieder jhren Willen ins Bad geführt hetten." [46]

Gastmahl und anschließender Tanz fanden in einer offenbar regendichten, mit Laubwerk verkleideten Festhütte statt. Im Zentrum des Feuerwerks standen die Illumination einer Statue des geharnischten Gastgebers und der Initialen der Königin Christina, ein reich ausgestatteter, freilich pyrotechnisch aufgeladener Konfekttisch und ein feuerspeiender Drache, der, an einer Laufleine geführt, zu seinem Verderben einem Herkules mit feuriger Keule entgegenfuhr: Demonstration der Überwindung des Krieges, der Wiederkehr des Wohlstandes, Reklamation des Verdiensts an beidem für die eigene Partei.

Gleich danach, am 9./19. Juni, unterschrieben Schweden und Kaiserliche den Vergleich wegen Frankenthals und behaupteten ihn gegen den Protest der Stände und eine Intervention des französischen Bevollmächtigten. [47] Und am Sonntag nach Trinitatis, am 16./26. Juni 1650, wurde endlich der Hauptrezeß auf der Burg von Vertretern aller drei Kollegien kollationiert - von der Szene gibt es Kupferstich-Darstellungen [48]; wir kennen die Namen aller Beteiligten - und von diesen sowie vom Pfalzgrafen Karl Gustav und Piccolomini unterschrieben. Wieder wurde gefeiert, im Rathaus, auf der Burg; Herolde verkündeten das Ereignis feierlich in der Stadt. Geschossen wurde auch. Die Nürnberger dürften während des Kongresses mehr Kanonendonner gehört haben als im Krieg. [49] Vollendet war das Friedenswerk aber erst, als am 22. Juni/ 2. Juli auch die Vereinbarung mit den Franzosen unterschrieben werden konnte. Am darauffolgenden Sonntag, dem 23. Juni/3. Juli, wurde in Nürnberg und auf dem Land ein allgemeines Dankfest gehalten. Mit dem offenen Bestätigungsbrief des Kaisers vom 27. Juni/7. Juli 1650 war der Abschluß definitiv markiert. [50]

Zuletzt, am 4./14. Juli, gab es ein Friedensfest, das alles Bisherige überbot. Es wurde als multimediales Ereignis inszeniert, als ein barockes Gesamtkunstwerk, an welchem die Feiernden mitwirkten. Die Geschlossenheit der Komposition verdient noch heute Bewunderung. Diesmal war es ein Fest der Kaiserlichen. Piccolomini selbst soll den Platz ausgesucht haben, den Schießplatz hinter St. Johannis westlich vor der Stadt: Wieder war ja auch ein Feuerwerk geplant. [51] Mehrere zeitgenössische Publikationen enthalten eine exakte Lageskizze, Abbildungen und Beschreibungen aller Ein- und Vorrichtungen mit Maßangaben. [52] Wir sind über alle Einzelheiten auch des Festablaufs so genau unterrichtet, daß sich alles rekonstruieren ließe. Abermals kennen wir alle Geladenen und die Sitzordnung beim Bankett. Angesichts der Komplexität der Gesamtkomposition scheint der Vorlauf von drei Wochen erstaunlich kurz. Ein Nürnberger Ratsherr war zur Kooperation mit den kaiserlichen Organisatoren bestellt. [53]

An den Schmalseiten des langgestreckten Festplatzes wurden zwei hölzerne Gebäude errichtet. Das erste war ein dreiteiliger Barackenbau mit einem höheren achteckigen, überkuppelten Zentral- und zwei flacheren, langgestreckt viereckigen Seitenteilen, der einen zum anderen Platzende hin offenen Halbkreis bildete. "Jedwedere Baraque hatte eine Thür oder Pforte / mit einem Portal oben darüber. Die zur Haupt=Baraque [...] war 15. Schuh breit / über welcher sich Gerechtigkeit und Friede küsseten." [54] (Abb. 5) Das sind Details eines Sinnbildprogramms, welches alle Zurüstungen und den Ablauf des Festes beherrschte. Nur wenige Hinweise auf weitere Bestandteile der Dekoration: Über der Hauptpforte standen noch, wappengeschmückt und "mit einem dreyfachen Oliven=Krantz eingefangen" [55], die Fahnen des Reichs, Schwedens und Frankreichs. Über den Portalen der beiden Flügelgebäude "lagen gegen einander über ein Mann mit allerhand Baurzeug / und ein anderer / der die Waffen zerbrach", sowie "zwo Jungfrauen / eine ein Buch / die andere einen Zaum in der Hand haltend". Die beiden Nebengebäude waren auf ihren Frontseiten mit Büsten der Römischen Kaiser und den Wappen und Fahnen der Reichsstädte geschmückt; die acht Säulen des Hauptgebäudes trugen Putten mit Fahnen und Wappen der acht Kurfürsten. Auf der Kuppel stand ein zweiköpfiger Adler mit der Kaiserkrone auf der Weltkugel, um die Kugel herum die Fahnen der übrigen Reichsfürsten. Im Innern der Hütte waren die 16 Wappen der kaiserlichen Erbländer angebracht, alles mit entsprechenden Devisen. [56] Das Programm des Arrangements ist deutlich: Einigkeit der bisher verfeindeten Monarchien, des vielgliedrigen Reiches, Einbindung desselben in altverbürgte weltgeschichtliche Tradition; Dominanz des neugesicherten Friedenszustandes und der Gesetzlichkeit, universale Geltung derselben unter der Schutzherrschaft, dem Machtanspruch des Reiches.

Am anderen Ende des Platzes hatten die kaiserlichen Artilleriespezialisten ein "Brand=Castell oder Schloß" errichtet. Eine der zahlreichen Beschreibungen teilt mit, und die Abbildungen bestätigen, es habe über vier Ecktürme und ein quadratisches, ebenfalls überkuppeltes Mittelgebäude verfügt. Die Bemalung der äußeren Wände täuschte Quaderwerk vor. [57] Das Gebäude, innen und außen mit einem komplizierten Feuerwerksarrangement bestückt, war insgesamt wie mit allen Einzelheiten in das allegorische Gesamtprogramm eingefügt als

"Wohnung der Discordia / welche in gestalt eines alten verhagerten RuntzelWeibs oben über die Porten [...] gestellet wurde / in der rechten einen Blaßbalg / in der lincken einen Feuerkocher haltend / und flatterten jhr an statt die Haare viel in einander verwirrete Schlangen umb den Kopff herumb. Vnter dem Thor hatte seinen Stand / der Gott deß Kriegs / mit einer so wütenden Postur / daß es das Ansehen hatte / er wäre jetzt im Heraußlauffen / vnd auffs neue abgeschickt [...] / den Frieden zu hindertreiben / massen er solches mit dem blutdürstigen Schwert in der rechten / vnd dem Schild in der lincken Hand bereits zu drohen schiene." [58]

Zwischen den beiden Gebäuden stand auf einem viereckigen Podest eine Säule mit einem Bild des Friedens, der, mit einem Kranz von Früchten gekrönt, in der linken Hand einen Palmzweig und in der rechten eine Lorbeerkrone trug. Das Podest präsentierte ein vierständiges Sinnbild: Darstellungen der vier Jahreszeiten und der jeweils zugehörigen, den Lebensunterhalt sichernden Arbeiten. [59] (Abb. 6) So stand im Zentrum der Anlage eine symbolische Verdichtung des Programms, das schon in Einrichtung und Ausstattung der Gebäude kenntlich geworden war: der Feier des Friedenszustandes, des Sieges über die Zwietracht, der Rückkehr gottgewollten, naturgemäßen Lebens. Kein Zufall, daß die Allegorese in der Darstellung der Bemühung um die ihrerseits symbolträchtigen Nahrungsmittel Brot und Wein gipfelte.

Die allegorische Komposition des Fest-Arrangements stammte diesmal von Sigmund von Birken, der

"nicht allein die Portale / Schauessen / Schilde / mit Sinnbildern unnd Vberschrifften gleichsam redend / sondern auch bey dem vorstehenden Freuden=Mahl mit etlichen Poetischen Auffzügen die HH. Gäste zu belustigen [...] sich fertig gemacht". [60]

Tatsächlich schloß erst sein Schauspiel alle Elemente des festlichen Arrangements zur Einheitlichkeit eines Gesamtkunstwerks zusammen.

Diesmal herrschte 'Kaiser'-Wetter. Mit einem Ehrengeleit von fünfzig berittenen jungen Nürnberger Patriziern gelangten nachmittags der Gastgeber und die anderen Mitglieder der kaiserlichen Delegation zum Festplatz. [61] Es muß ein Triumphzug gewesen sein: Bis zum Stadttor waren die Straßen

"mit vielen schönen Festinen von tausenderley Blumen / sampt allerhand Bildern in der mitten / auff das herrlichste behangen / und die Häuser mit Fahnen / Bäumen und Lauberhütten gezieret / auch die Wege vor der Stadt [...] mit Spielkrämen / vnnd allerhand Eßwahren / gleich als auff einem Jahrmarckt / auff das feyerlichste besetzet unnd bekleidet". [62]

Nach der Ankunft auch der anderen Gäste, des Pfalzgrafen Karl Gustav, Wrangels und vieler anderer, 123 insgesamt [63], und ausgiebiger Besichtigung nahm man, gemäß subtiler Rangabstufung, in einer der drei Baracken Platz. Nach dem Zeugnis der Kupferstich-Darstellungen stand ein Vielfaches dieser Personenzahl zuschauend außerhalb der Platzabsperrungen. Zu jedem der fünf Gänge des Festmahls

"wurden viel unterschiedliche Schauessen mit auffgetragen / alle mit rothen und weissen Taffetfähnlein [...] bestecket / in welcher jedem ein zu dem Schau=Gericht schickliches Emblema oder Sinnenbild geschrieben stunde." [64]

Der Erfinder dieses anstrengenden Programms, Sigmund von Birken, benennt und beschreibt sie alle; sämtliche Devisen sind uns bekannt. [65] Unverkennbar die Einbindung auch dieses Details in die Gesamtthematik der Festkomposition, aber auch die Absicht, die Schweden bzw. Harsdörffer zu überbieten.

Abermals wurde fleißig "Gesundheit" getrunken: auf die neue Einheit, den Kaiser, auf die Königin und den König, auf andere Fürsten, die Reichskollegien und so hinab bis zu den tapferen Soldaten des beendigten Krieges. Der geplünderten Städter und geschundenen Bauern scheint nicht gedacht worden zu sein. Jede Gesundheit wurde von einer gewaltigen Feldmusik begleitet, und eine kleine, beim Festgebäude plazierte Kanone gab zwei um das Castell herum und auf dem stadtseitigen Pegnitzufer plazierten Batterien das Stichwort zu korrespondierendem Donner. [66]

Das Schauspiel, der Mittel- und Höhepunkt, kam nach der Mahlzeit als Überraschung. Ein wie ein Wald bemaltes Zelt schob sich von außen her vor den Mittelteil des Festgebäudes. Dort öffnete es sich,

"vnd liessen sich alsobald darhinder [...] sehen etliche Personen / die stunden mit vnverwandten Augen vnd Leibern / als wären es Bilder; vnd diese Vorbildungen wurden durch Auff= und Zuziehung deß Vorhangs mit unterschiedlichen Posturen oder Stellungen vor jedem Auffzug einmahl oder vier abgewechselt." [67]

Lebende Bilder waren schon damals beliebt; sie dürften den Zuschauern mythologische Konfigurationen zu naheliegender Allegorese angeboten haben. Die drei Aufzüge, die Sigmund von Birken für diesen Anlaß geschrieben hat und die mit dem Titel "Teutscher KriegsAb= und FriedensEinzug" sogleich gedruckt und noch 1650 mindestens dreimal illegal nachgedruckt wurden [68], bieten, anders als alle anderen Dramen Birkens, keine kontinuierliche Spielhandlung, sondern drei selbständige allegorische Spiegelungen der Kriegs- und Friedensthematik. Das entsprach der Aufführungssituation. Denn nach dem ersten Aufzug, dessen letzter Sprecher, die Personifikation des Friedens, ausdrücklich zu solchem Tun aufgefordert hatte, heißt es im gedruckten Dramentext:

"Hierauf fängt man an wieder vollchörig zu musiciren / und nach Endung der Musik stossen die Trompeter in die Trompeten / und wird dapfer Gesundheit geschossen und getrunken." [69]

Eine entsprechende Bemerkung gibt es nach dem zweiten Aufzug. [70] Auch die zwischengeschalteten lebenden Bilder werden ihre Zeit gebraucht haben: Die Aufführung zog sich hin. Die drei Aufzüge wurden unter der Leitung des Verfassers von neun jungen Nürnberger Patriziern, deren Namen, Rollen und Kostümierung wir kennen, zur Aufführung gebracht. [71] Das Spiel war exakt in den Gesamtablauf eingeplant. Von Anfang an herrschte eine starke Tendenz zur Einbeziehung der Zuschauer. Diese waren die im Festgebäude, dem "Tempel der Eintracht und des Friedens" sitzenden Vertreter der Vertragsmächte.

Im ersten Aufzug agierten personifizierte Allegorien. Zuerst erschien Discordia, die den Zuschauern von der Schauplatzbesichtigung her bekannt war, und stellte sich redend vor. Nach einem Zwischenaufenthalt in England - man wußte, was dort im Vorjahr geschehen war - findet sie in Deutschland alles gegen ihre Interessen verändert, flucht dem Himmel, ruft die Furien aus der Hölle her und schickt sich nach mythischem Vorbild an, den Apfel des Streits mit der Aufschrift "Potiori" erneut unter die gerade im Friedenswerk Vereinten zu werfen. Auflehnung gegen Gott, Kontakte zur Hölle: Discordia hat mit Hybris und Sünde zu tun und steht in aggressiver Opposition zu der von den Angeredeten repräsentierten Friedenswelt. Auch im Spiel scheitert ihr - auf die bis zuletzt schwierigen Verhandlungen anspielender - Plan, denn rechtzeitig treten Concordia, Pax und Justitia auf, vor welchen sie sich verbirgt. Concordia wendet sich zunächst mit einer Lobrede an die hochgestellten Zuschauer:

"Ach sihe / wie siht es so löblich / so lieblich und fein / wann Brüder wie Brüder einträchtig beysammen so seyn!" [72]

Auch dies spielt natürlich auf die bis zuletzt von der Gefahr des Scheiterns bedrohte Vorgeschichte der endlich erreichten Vereinbarung an: abermals direkte Reaktion auf Aktuelles trotz der, ja gerade in der abstrakten allegorischen Figuration, verpflichtender Appell an diejenigen, die es anging. So bleibt es durchgängig. Nach der fälligen Entdeckung wird Discordia als Verursacherin aller Katastrophen vom Trojanischen Krieg an bis zum soeben beendeten deutschen beschimpft; der neuerliche Sieg über sie wird in lokaler Tradition verankert:

"Vmrennten doch die Sonnenpferde /
fast fünfmal sechzigmal die Erde
und die gestirnten Himmelshäuser /
seit Carl der Vierdte / Teutscher Käiser /
in dieser Stadt / an dieser Stelle
dich aus dem Reich gebannt zur Hölle."

Die Goldene Bulle von 1356 wird als Kodifizierung der göttlichen Ordnung ins Spiel gebracht, gegen die sich auch der immer wieder besiegten Zwietracht jüngster Anschlag richtet. Alles markiert den zu feiernden Abschluß als einen heilsgeschichtlich bedeutenden Vorgang; die ständige Anrede und Einbeziehung der anwesenden Repräsentanten der endlich zur Einigung gelangten Mächte hat verpflichtenden Charakter. Das gilt auch für den Fortgang. Concordia stellt die Zuschauer vor die Wahl zwischen ihr selbst und der besiegten Gegnerin -

"Sagt nun / was wolt ihr thun? Jch stell euch Fluch und Segen / Mich und diß Vnweib für / Wolt ihr die Eintracht hegen?" -

und deutet die Reaktion in ihrem Sinne:

"Sie schweigen! wol! wer schweigt / der saget Ja darzu."

Die Notwendigkeit, es mit ihr zu halten, demonstriert sie mit damals geläufigen Sinnbildern: der Eintracht der Bienen, der Friedfertigkeit untereinander selbst bei den Wölfen, den Saiten der Laute. Die Sträflichkeit jenes, die Löblichkeit dieses Verhaltens wird den Versammelten eindringlich vor Augen geführt. Pax verherrlicht den neuen Friedenszustand mit der Topik des Goldenen Zeitalters, des Paradieses. Justitias Rede geht aus von der allgemeinen Mahnung, künftig so zu leben, daß Gott nicht mehr zu Strafaktionen genötigt sei, und der besonderen an die Anwesenden, ihr Lenker- und Richteramt gerecht zu verwalten. Es folgt eine preisende Rechtfertigung der Waffen, gewiß nicht nur als Hommage an die überwiegend ja militärischen Festgäste gedacht. Dem Bewußtsein der damals Lebenden war trotz aller Kriegsschrecken noch selbstverständlich, daß dem Hang der Menschennatur zur Sünde, zum Abfall von Gott, die ständige Bereitschaft zum auch bewaffneten Schutz der im Frieden repräsentierten göttlichen Satzung entsprechen müsse:

"Durch Eisen muß oft werden ausgegraben der Zeiten Gold. Kämpf / wilst du Frieden haben."

Der Krieg hatte, als Folge der Sünde, aber auch als Mittel zur Wiederherstellung des gottgewollten Zustandes in der Hand pflichtbewußter Herrscher, seinen Platz in der Welt; es gab ihn, weil es die Sünde gab. Birken nutzte die Möglichkeit, die anwesenden Repräsentanten der ehemaligen Kriegsparteien öffentlich auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Dabei scheint er in Kauf genommen zu haben, daß er sie in ihrer Neigung bestätigte, ihr im Krieg wie bei den Friedensverhandlungen gewiß primär macht- und interessenpolitisches Verhalten als Dienst für den gottgewollten Frieden auszugeben. Immerhin wird am Ende des Aufzugs demonstrativ Gericht gehalten über Discordia: Sie wird zu abermaliger Heimkehr verdammt und von Teufeln, die - Demonstration der partiellen Funktionalität des Gegenprinzips - als Gerichtsschergen fungieren, aus dem Spielzelt heraus in das gegenüberliegende Castell geschleppt, das folglich - auch seine Ausstattung zeigt es ja - die Hölle vorstellen sollte, so wie das Festgebäude die Friedenswelt als Vorklang der Seligkeit. Der Schlußappell an die Festgesellschaft, sich des szenisch Repräsentierten feiernd zu erfreuen - das tat man lautstark -, vollendet den Deutungszusammenhang, den das Spiel herstellt.

Der zweite Aufzug gestaltet, ebenfalls in allegorischen Figurationen, im Motivfeld der Bukolik diesmal wie die Bildfelder des Säulenfußes und andere Elemente der Außengestaltung, den im ersten verkündeten Übergang von Entzweiung und Unordnung in gottgewollte Ordnung: die Folgen des soeben gestifteten Friedenswerkes. Vorgeführt wird die Begegnung eines Soldaten und eines Hirten, die, wie die Figuren des ersten Aufzugs nach kurzer Abwesenheit heimkehrend, alles verändert finden - zum Nachteil dieser, zum Vorteil jener. Der Soldat - später Nachfahr des "miles gloriosus" - bekundet zunächst in "macaronischer" Rede seine Orientierungsnöte:

"[...] Jst das auch raisonable, daß die profession der Waffen favorable nicht länger heissen soll [...]?"

Das Gespräch mit dem Landmann aber zeigt ihn anders: Seine Prahlerei ist Fassade. Er beherrscht nur das Kriegshandwerk und weiß, daß er nun vor dem Nichts steht. Der Hirt reagiert mit einem Lob des friedlichen Landlebens und bietet dem irritierten Soldaten Mitbenutzung seiner Trift an. Der gibt sofort alles Kriegerische preis, auch den "macaronischen" Redestil, das Sinnbild der Entzweiung des Menschen von der Ordnung Gottes, nach der, da die babylonische Sprachverwirrung - auch eine Folge sündhafter Hybris - einmal stattgefunden hat, jedes Volk seine eigene Sprache besitzt. Das Spiel bezeichnet abermals aktuelle Realität: Die Auflösung der Armeen war eines der prekären Kongreßthemen, die Integration der Abgedankten, die auf nichts weniger als Frieden vorbereitet waren, in Gesellschaft und Wirtschaft ein gewaltiges Problem. [73] In der Interaktion von Vertretern der Stände, die einander jahrzehntelang Entsetzliches angetan hatten, demonstriert der Aufzug programmatisch Problem und Lösung: Versöhnungsbereitschaft, Zusammenrücken, Teilen des Verbliebenen. Wir nehmen die abbildende und Ordnung fordernde Kraft allegorischer Fügungen heute nicht mehr unmittelbar wahr. Die interpretierende Rekonstruktion aber fördert ein Wirklichkeitsverständnis zutage, in welchem das Menschenleben zwischen Erschaffung und Gericht, Sündenfall und Erlösung, von Gott gewolltem Frieden und von Gott gesandtem Krieg angesiedelt war. Die Spielhandlung verpflichtete abermals vor allem die anwesenden Verantwortungsträger auf ein Handeln, das diesem Wirklichkeitsverständnis entsprach.

Die Aufführung war so terminiert, daß der dritte Aufzug nach Einbruch der Dunkelheit begann. [74] Sein Abschluß macht das Schauspiel zum Zentrum des gesamten wohlkomponierten Festarrangements. Hier dominiert Mars, die personifizierte mythologische Allegorie des Krieges. Gleich eingangs formuliert er, Gott anredend, im Parallelkontrast zur Eingangsrede der Discordia, sein Selbstverständnis:

"dir wird noch seyn unvergessen / wie der grosse Sternenraht
mich vor drey und dreissig Jahren / in diß Reich gesendet hat;
[...]
Seither / sage / hab ich nicht dapfer deinen Schluß erfüllet
und nach deinem Zorngeheiß meiner Waffen Durst gestillet?" [75]

So und weiterhin redet nicht, wie Discordia, ein Empörer, sondern ein treuer Diener:

"Vater / dir steht das Befehlen / und mir das Gehorchen zu.
Gönnest du / gönn ich auch gerne Teutschland diese Friedensruh."

Entsprechend zeigt er sich in seiner Anrede an die Deutschen bzw. an die hohen Zuschauer:

"Fordert mich / wanns euch gefällt / ich will ungesäumt erscheinen und euch leisten Götterhülf. Jch bleib euer / jhr die Meinen."

Mars ist indirekt von den Menschen abhängig, direkt von Gott als Werkzeug zu Warnung und Bestrafung, zur Wiederherstellung und zum Schutz des schöpfungsgemäßen Friedens. Mit der Hölle hat er, anders als Discordia, nichts zu tun:

"Allen Anwesenden gefiele dieser höfliche Abschied sehr wol / und waren jhrer viele / die diesen Gott nun nit mehr für so grausam hielten [...]. Alle seine Geberden waren Heldenmässig / und aus seinen Augen schine nichts als Dapferkeit." [76]

Als abhängig, je nach Lage dem Krieg oder dem Frieden zugeordnet, stellt sich auch der ebenfalls auftretende Vulcanus, die Allegorie des Schmiedehandwerks, dar. Sein, Venus' und Cupidos Erscheinen garantierten zunächst den komödiantisch-unterhaltsamen Abschluß der Spielhandlung, bot die mythologische Dreiecksgeschichte doch hinlänglichen Anlaß zum anzüglichen Hinüberspielen der Kriegsmetaphorik auf das Feld des Liebeskampfes, der allein der Friedenswelt gemäß sei. Die Tatsache, daß beide Delegationsleiter unverheiratet waren, ermöglichte überdies die folgende Rede und symbolische Aktion Cupidos sowie ihre dramaturgische Nutzung:

"Dort seh ich zween / als Götter dieser Erden / die sollen mir am ersten dienstbar werden.[...] (Damit kehren sich Mars und Venus üm / und gehen langsam ab. Denen Cupido / nachdem er zuvor etliche male unter die Hh. Gäste geschossen / folget. Zuletzt / wann innzwischen wiederüm getruncken / geschossen und gemusiciret worden / kommt Vulcanus / Der Feuergott und Schmid der Götter / als ein Schmid bekleidet / in der Hand haltend eine Zündrute / wie sie die Feuerwerker brauchen [...].)" [77]

Nur im dritten Aufzug gab es eine solche Unterbrechung. Sie akzentuierte natürlich die scherzhafte Aufforderung an die beiden Hauptpersonen, der Friedenswelt mit gutem Beispiel voranzugehen, und bot dem Publikum Gelegenheit, sich der verstandenen Anspielung zu freuen. Vor allem aber bereitete sie retardierend die abschließende Zuspitzung der Spielhandlung vor. Denn nach drollig-komischer Selbstdarstellung hinkte Vulkan zuletzt aus dem Spielgehäuse heraus zum Pfalzgrafen Karl Gustav und redete ihn direkt als den Ehrengast an, der zum krönenden Feuerwerk "den anfang machen / und mit dieser Zündrute (die er jhm damit überreichete)" das Ganze in Gang setzen solle. [78] Zwar folgten noch mehrere lebende Bilder, die Vulkan in direkter Anrede an die Gäste erläuterte und die allesamt die Dienstbarkeit der im ersten und dritten Aufzug vorgeführten Gottheiten für die Friedenswelt andeuteten; doch dann entfernte sich das theatralische "Waldgezelt", wie es gekommen war.

Damit kam den Zuschauern

"das Castell oder Feuerwerkschloß wider ins Gesicht / aussen mit mehr als tausend brennenden Ampeln behängt und besetzt / welches durch die Finstere der Nacht einem mit viel tausend Goldglänzenden Sternlein geziereten Firmament oder Feuerhimmel sich verglieche / und die Augen der Anschauenden wundersam belustigte." [79]

Die Gesellschaft begab sich vor das Festgebäude, und der Pfalzgraf Karl Gustav entzündete, der Spielanweisung gemäß, im Vorfeld eine als Cupido geformte Rakete, welche auf einer Laufschnur zum Bild des Friedens auf der zentral plazierten Säule emporschoß und um die Säule herum eine prächtige Feuerwerksillumination in Gang setzte. Auf dem Höhepunkt dieses Spektakels fuhr vom Siegeskranz der Friedensfigur aus eine zweite schnurgeleitete Rakete in das Castell hinein und löste dort ein überaus effektvoll nach dem Ablaufsmuster von Angriff und Verteidigung komponiertes, auch das Umfeld einbeziehendes Feuerwerk aus. Nach einer der Beschreibungen gab es

"den Augen und Ohren eine angenehme Lust / weil nicht allein [...] es schiene / als ob viel hundert Mann in und ausser dem Castell Feuer gäben / sondern auch die Flamme und der Rauch deß liechterloh=brennenden Mittelthurms sich biß an die Wolken waltzete."

Im Castell mußte Discordia,

"im Staub und Aschen ligend / jhre Verbannung und Untergang der gantzen Welt zeigen: da hingegen der Friede / in dem er auf seiner Seule unter soviel tausend auf und üm jhn herümfliegenden Feuern zu männiglichs Verwunderung / von Fuß auf gantz unversehrt [...] stehen blieben / seinen Vorzug / Preiß und Ehre vor aller Welt Augen behaubtet."

Raumarrangement, Ausstattung des Festgebäudes innen und außen, Ausrichtung des Festmahls, Art und Terminierung des Schauspiels, des Feuerwerks, das Ineinander von Fest und Darstellung, die Einbeziehung der Zuschauer: es war ein bis ins kleinste wohl von Sigmund von Birken durchkomponiertes Gesamtkunstwerk, das im Feuerwerk seinen wohlinszenierten Höhepunkt hatte. [80] Es übertraf alles Bisherige bei weitem. Der Lärm dürfte gewaltig gewesen sein:

"Unterdessen wurde noch die gantze Nacht durch / biß an den Morgen mit Stücken unnd Raketen gespielet / auch nach geendigtem Lustfeur ein schöner Tantz gehalten / und also dieses hochansehnliche kostbare Freud= und Friedens=Mahl mit aller nur ersinnlicher Ergetzung beschlossen." [81]

Piccolomini wurde am frühen Morgen ebenso heimbegleitet, wie er abgeholt worden war. [82]

Es gab einige Nachspiele. Am folgenden Sonntag, dem 7./17. Juli, bewirtete Piccolominis Hofmeister im Festgebäude, das am Tag darauf abgetragen wurde, die jungen Patrizier, die den Fürsten eskortiert und ihm beim Fest aufgewartet hatten, mit ihren Damen. Es gab einen Bauerntanz und abermals ein - diesmal kleineres - Feuerwerk. [83] Das zuvor wunschgemäß günstige Wetter sorgte diesmal für Nachdenklichkeit: "Diesen Tag ward das Friedensbild von einem urplötzlichen Windsturm auf die Erde geschmissen und beschädiget / worüber sich jhrer viele vielerley Gedanken macheten." [84]

Auch die Jugend wollte ihren Anteil:

"Deme zu folg von den gemeinen Bürger=Knaben über tausend in der Anzahl sich versamlet / jedweder jhm ein Steckenpferd geschaffet / und darauff ins gesampt vor Jhr Fürstl. Gn. Behausung geritten / und einmühtiglich umb ein Friedensgedächtnis angehalten. Worauff Jhr Fürstl. Gn. sie den nächsten Sontag wieder vorbescheiden / und inzwischen eine viereckigte Silber=Müntz prägen lassen / worauff einseits unter dem Reichs=Adler / die Wort: VIVAT FERDINANDUS III. ROM: IMP. VIVAT. anderseits umb einen Steckenreutter / nebenst der Jahrzahl 1650. die Wort: FRIEDEN-GEDACHTNUS IN NURNBERG. zu sehen und zu lesen war." [85]

Gleich nach dem Abschlußfest begann sich die Versammlung aufzulösen. Am 13./23. Juli verabschiedeten sich der Pfalzgraf Karl Gustav und Feldmarschall Wrangel, in den Tagen danach die anderen; das "Theatrum Europaeum" gibt genaueste Auskunft. [86] Viel Zeit ließ sich Piccolomini; erst am 28. August/7. September verließ er die Stadt, mit gewaltigem Ehrengepränge vom Rat verabschiedet und begleitet [87], nach der größten und bedeutendsten Feierlichkeit, welche Nürnberg je erlebt und die er ihr ausgerichtet hatte.

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ANMERKUNGEN

1.Zu den Nürnberger Verhandlungen vgl. Oschmann 1991.
2.Vgl. Paas 1995.
3.Wie sehr Nürnberg gleichwohl gelitten hat, besonders durch die Doppelbelagerung von 1632 und ihre Folgen, verdeutlicht u.a. die Autobiographie Sigmund von Birkens, in Jöns/Laufhütte 1988, S. 17, S. 66.
4.Die Menge der überlieferten Nürnberger Einblattdrucke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und den Jahren danach ist ein deutliches Indiz. Vgl. Harms 1980ff., bes. II und IV.
5.Vgl. Garber 1974; Garber 1976.
6.Vgl. Jöns 1972; Blaufuß 1991.
7.Vgl. Goldmann 1971; Wietfeldt 1975; Peil 1978; Dilherr/Harsdörffer 1994.
8.Vgl. Böttcher 1984; Krebs 1995.
9.Vgl. Conrad Wiedemanns Nachworte in seinen beiden Klaj-Editionen Klaj 1965 und Klaj 1968.
10.Zu Birkens Heimreise nach Nürnberg des Kongresses wegen vgl. seine Autobiographie, S. 41-43, S. 91-93.
11.TE, VI.
12.Schon die zeitgenössischen Beobachter würdigten das gute Einvernehmen der beiden Hauptrepräsentanten; vgl. Birken 1652, S. 33: "Diese Gleichheit jhrer Verhängnisse / benebenst jhrer dapfren Gemüter / machete in kurtzem zwischen jhnen beyden eine verträuliche Freundschaft."
13.TE, VI, Sp. 723b-725b. Die Doppeldatierungen hier und im folgenden tragen der in TE, VI durchgeführten Praxis Rechnung: Die Protestanten datierten nach dem alten (Julianischen), die Katholiken nach dem neuen (Gregorianischen) Kalender, der jenem um 10 Tage voraus war.
14.TE, VI.
15.TE, VI, Sp. 750a.
16.TE, VI, Sp. 911b-912a.
17.TE, VI, Sp. 926a/b.
18.TE, VI, Sp. 914a.
19.TE, VI, Sp. 927a-936b.
20.Es gibt z.B. in mehreren der handschriftlichen Gedichtsammlungen Sigmund von Birkens Gedichte für oder auf Mitglieder der verschiedenen Delegationen. Manche dürften Auftragsarbeiten gewesen und auch gedruckt worden sein. Auch der Tod der Kaiserin hat seine Muse beflügelt; vgl. Birken 1652, S. 38-55. Die anderen Literaten dürften es ähnlich gehalten haben. Wir kennen aktuelle Flugblätter mit Texten von Birken und Klaj.
21.Birken 1649.
22.TE, VI, Sp. 937a.
23.TE, VI, Sp. 937a-938b.
24.Vgl. Sandrart 1675, S. 19. Diese Darstellung zeigt eindrucksvoll, wie erfolgreich der Maler die Chancen genutzt hat, die der Nürnberger Kongreß ihm bot.
25.Sandrarts Gemälde war die Vorlage für eine ganze Anzahl leicht variierender Kupferstich-Reproduktionen; sie sind nachgewiesen bei Harms 1980ff., II, S. 562. Vgl. auch Anm. 29.
26.TE, VI, Sp. 938b-939b.
27.TE, VI, Sp. 939a.
28.Birken 1652, S. 68f.; Klaj 1651, S. 41f.; TE, VI, Sp. 939a/b.
29.Zwei Flugblätter, eines mit einem Gedicht von Sigmund von Birken, auf welches dieser in Birken 1652, S. 68, zitierend anspielt, das andere mit einem Gedicht Johann Klajs, teilt Harms 1980ff. mit: II, Nr. 324, 325, IV, Nr. 253. II, S. 546 und 566 Nachweis weiterer Varianten.
30.Birken 1652, S. 69.
31.Birken 1652, S. 58, Abbildung S. 57; vgl. Klaj 1651, S. 63-67; TE, VI, Sp. 939b-940b.
32.Birken 1652, S. 61; das folgende Zitat ebd., S. 62.
33.Angespielt wird auf den Felsen der Winde im ersten Buch der Aeneis.
34.Birken 1652, S. 62. Auch das zweite Schaugericht ist ebenfalls in Klaj 1651, S. 67-69 und in TE, VI, Sp. 940b-941a beschrieben.
35.Birken 1652, S. 63; die folgenden Zitate ebd., S. 70, 63, 70.
36.Vgl. dazu auch Fähler 1974.
37.Birken 1652, S. 70.
38.TE, VI, Sp. 949b-950a.
39.Vgl. TE, VI, Sp. 941aff., 948aff., 954a, 1031a/b.
40.Vgl. TE, VI, Sp. 1031a/b.
41.Vgl. TE, VI, Sp. 1031a, 1033b-1036b.
42.Vgl. TE, VI, Sp. 1037a, 1044b-1048a.
43.TE, VI, Sp. 1048a; Klaj 1651, S. 83-88; Birken 1652, S. 90-92.
44.Birken 1652, S. 90.
45.Klaj 1651, vor S. 83; Birken 1652, vor S. 91; TE, VI, vor S. 1049.
46.Birken 1652, S. 90f.
47.TE, VI, Sp. 1048a-1050a.
48.Sowohl die Kollationierung und Subskription auf der Burg als auch die Ausfahrt der Delegierten aus dem Rathaus zu diesem Vorgang sind in Flugblatt-Kupferstichen überliefert, beide mit Gedichten Sigmund von Birkens; vgl. Harms 1980ff., II, Nr. 326, 327. Ebd. S. 568 und 570 sind auch die Varianten dieser Darstellungen in Büchern nachgewiesen.
49.Ausführliche Darstellung des Vorgangs in TE, VI, Sp. 1050a-1053a; Klaj 1650, S. 15-29; Birken 1652, S. 93-96.
50.Vgl. TE, VI, Sp. 1064a-1066b; Birken 1652, S. 101f. teilt mit, daß die ganze Stadt illuminiert und eine Amnestie erlassen worden sei.
51.Vgl. TE, VI, Sp. 1072a.
52.Birken 1650. Einer der Bestandteile dieses Werkes ist betitelt: "Eigentliche Beschreibung / auch Grund= und Perspektivischer Abriß des FRJED= und FREUDENMAHLS / SCHAUSPJELS und FEUERWERKS [...]". Er enthält als großformatige Faltbeilagen einen Lageplan mit Maßangaben und eine Kupferstichdarstellung der gesamten Anlage während des nächtlichen Feuerwerks. Beide Darstellungen ebenfalls in TE, VI, nach S. 1076 und 1080. Die Feuerwerkszene auch in Klaj 1650, nach S. 56, und in Birken 1652, nach S. 116.
53.Vgl. vor allem TE, VI, Sp. 1071b-1082a. Gästeverzeichnis und Sitzordnung Sp. 1078a-1081a. Selbst diejenigen Geladenen, die absagen mußten, und die Verhinderungsgründe kennen wir.
54.TE, VI, Sp. 1072a. Eine Abbildung dieser Figuration erscheint als Titelkupfer in Birken 1650, desgleichen in Birken 1652, S. 116. In Sigmund von Birkens Schauspiel (Birken 1650a) war sie als Element der Spielhandlung integriert (S. 12f.); vgl. Birken 1652, S. 128.
55.TE, VI, Sp. 1072b; ebd. die beiden folgenden Zitate.
56.TE, VI, Sp. 1072b - Das gesamte Sinnbildprogramm samt allen von ihm erfundenen Devisen hat Sigmund von Birken mehrmals mitgeteilt: Birken 1650, S. 3-8; Birken 1652, S. 116-121.
57.TE, VI, Sp. 1073a, 1075b; Birken 1650, S. 9; Birken 1652, S. 129f.
58.TE, VI, Sp. 1075b.
59.TE, VI, Sp. 1073a/b; Birken 1650, S. 9f.; Birken 1652, S. 130; eine leicht stilisierte Abbildung im Titelkupfer von Klaj 1650.
60.TE, VI, Sp. 1073b; vgl. Birken 1652, S. 118. Zur Beauftragung vgl. auch Birkens Autobiographie (Jöns/Laufhütte 1988), S. 45f., 95f., sowie Birken 1650, S. 10.
61.TE, VI, Sp. 1073b/1074a.
62.TE, VI, Sp. 1077b; vgl. Birken 1652, S. 124.
63.Birken 1650, S. 12; TE, VI, Sp. 1079a-1081a.
64.TE, VI, Sp. 1074b.
65.Birken 1650, S. 13-20; Birken 1652, S. 121-124.
66.TE, VI, Sp. 1074b-1075a. Alle Gesundheiten und der jeweils abgestufte Begleitlärm sind exakt verzeichnet: Sp. 1081a-1082a.
67.TE, VI, Sp. 1075a; vgl. Birken 1652, S. 125.
68.Vgl. Birken 1652, S. 139. Auch der Nürnberger Druck enthält offenbar nicht den vollständigen Text, wie der Vergleich mit Birkens Inhaltsangabe in Birken 1652, S. 125-138, zeigt. Der Autor selbst hat nach dem zweiten Aufzug einige hundert Exemplare unter die Festgäste verteilt: Birken 1652, S. 139.
69.Birken 1650a, S. 20.
70.Birken 1650a, S. 28.
71.Die Schauspieler sind benannt in Birken 1652, S. 125-137, in TE, VI, Sp. 1075a, in Birkens Autobiographie (Jöns/Laufhütte 1988), S. 46. Dort auch Erwähnung einer zweiten Aufführung auf der Burg am 1./11. August. - Das Folgende stützt sich auf die einzige Interpretation, die Birkens Drama bislang gefunden hat: Laufhütte 1981.
72.Birken 1650a, S. 3; die folgenden Zitate ebd., S. 4, 9, 14, 20.
73.Johann Rist läßt im Zwischenspiel seines Dramas "Das Friedejauchtzende Teutschland", das 1653 in Nürnberg gedruckt wurde, selbst die entwurzelten Bauern das Ende des Krieges mehr fürchten als wünschen. Vgl. Rist 1967ff., II, S. 205ff.
74.Vgl. Birken 1652, S. 133.
75.Birken 1650a, S. 29; die folgenden Zitate ebd., S. 30f.
76.Birken 1652, S. 135.
77.Birken 1650a, S. 36.
78.Birken 1652, S. 138. Auch der Dramentext enthält einen Hinweis auf diesen Vorgang: Birken 1650a, S. 40.
79.Birken 1652, S. 139; die folgenden Zitate ebd., S. 141f.
80.Mit der Entlohnung für sein Mühen war Birken freilich nicht zufrieden: Die Autobiographie (Jöns/Laufhütte 1988) notiert S. 45 den Empfang von 8 Dukaten von dem kaiserlichen Generalauditor Heinrich Graß am 7. Mai, von 50 Gulden von Piccolomini am 18. Mai, einige Einkünfte durch Verleger. 100 Taler erlöste er aus dem Verkauf der "vestes Scenicae" (S. 46). Die Passage endet mit einer Klage über nicht eingelöste Versprechungen.
81.TE, VI, Sp. 1077b, 1082a; vgl. Birken 1652, S. 142.
82.TE, VI, Sp. 1074a.
83.TE, VI, Sp. 1077b-1078a; Birken 1652, S. 144f.
84.Birken 1652, S. 145.
85.TE, VI, Sp. 1078a; vgl. Birken 1652, S. 145f. - Die berühmten Steckenreiter-Medaillen waren nicht die einzigen Münzprägungen anläßlich des Nürnberger Kongresses. Vgl. Dethlefs 1989.
86.TE, VI, Sp. 1082a-1083b.
87.TE, VI, Sp. 1083a.

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