ARNE LOSMAN
Carl Gustaf Wrangel, Skokloster und Europa - Manifestation von Macht und Ehre in schwedischer Großmachtzeit

I. Der Obsiegende

"Heerpaucken/ Trompeten/ Carthaunen/ Mußqueten/ bluttriffende Degen/ Hellblinckende Waffen/ das puffen das paffen/ der rollenden Wägen/ rauchdämpffende Blitz/ rüllt/ brüllet mit donrendem Wrangels Geschütz." Mit tosend martialischer Lautmalerei wurde Carl Gustaf Wrangel (1613-1676) einige Wochen nach dem westfälischen Friedensschluß die Aufwartung gemacht. Der schwedische Feldherr hielt sich zu diesem Zeitpunkt mit seinen Truppen in Schwabach auf und besuchte auch das nahegelegene Nürnberg. Der Nürnberger Dichter und Patrizier Georg Philipp Harsdörffer schrieb diesen "Lobgesang", der die Wrangelschen Kriegstaten während der letzten vier Jahre des Dreißigjährigen Krieges pries: vom Sieg 1644 gegen die Dänen in der Seeschlacht bei Fehmarn bis zur Verheerung Bayerns 1648. Das Gedicht wurde von dem Nürnberger Komponisten Sigmund Theophil Staden vertont, und Text und Musik wurden von Heinrich Pillenhofer gedruckt.

Der Lobgesang paßte nicht zur Neutralitätspolitik der Freien Reichsstadt Nürnberg, unter anderem wegen der antikaiserlichen Tendenz des Gedichts. Harsdörffer hatte in der Stadt eine offizielle Stellung und schrieb außerdem in den ersten Zeilen des Gedichts, daß dies Nürnbergs Huldigung an den schwedischen Helden sei. So wurde der Lobgesang 1648 zu einer Cause célèbre. Ein schneller gerichtlicher Prozeß führte zur Beschlagnahme der gedruckten Auflage und zu kleineren Strafen und Verwarnungen für Dichter, Komponist und Drucker. Wrangel hatte Verständnis für die politischen Komplikationen, denn er war über die politischen Verhältnisse in Nürnberg durch Schwedens Agenten in der Stadt gut informiert. Von einem von ihnen, Jacob Barth, erhielt er in der Periode von April bis Dezember 1648 mehr als 100 Briefe. Georg Forstenheuser, der Agent von Herzog August von Braunschweig-Lüneburg in Nürnberg, berichtete dem Herzog von Harsdörffers diplomatischem Fehltritt. Forstenheuser zufolge war Wrangel der Ansicht gewesen, "dass der sachen zuviel getan seie, und da mans zum andern mal singen, nichts weitres hören wollen" [1].

Wrangel fühlte sich wohl dennoch geschmeichelt. Ihm wurde von einem sozial hochgestellten Dichter und einem der führenden Musiker Nürnbergs die Aufwartung gemacht. Der Lobgesang huldigte ihm als Kriegshelden auf der europäischen Bühne. Wahrscheinlich war er noch zufriedener, als er im folgenden Jahr unter dem Namen "Der Obsiegende" Mitglied der "Fruchtbringenden Gesellschaft" wurde. Er wurde als 523. Mitglied in die berühmte Gesellschaft gewählt, die aus hohen Politikern und Militärs, aber auch aus Gelehrten und Dichtern bestand. In einem "Reimgesetz", das man zu seinem Eintritt schrieb, wurde Wrangel "Ein held der seinen feind mit ehren sucht Zu schmeissen" genannt. Diederich von dem Werder schrieb in einem Gedicht für denselben Anlaß, daß Wrangels Siege den Frieden geschaffen hätten. Der schwedische Feldmarschall hat die beiden Gedichte, die sich als Handschrift in seinem Archiv befinden, sicher geschätzt. [2] Vielleicht hatte er sogar ungeduldig auf seine Wahl in die "Fruchtbringende Gesellschaft" gewartet. Ungefähr gleichaltrige Militärs in schwedischen Diensten - wie Robert Douglas und Gaspard Corneille de Mortaigne - waren bereits 1644 Mitglieder geworden. Die Mitgliedschaft 1649 bestätigte Wrangel, daß er zur zentraleuropäischen Elite gehörte.

Die Rolle des Kriegshelden war für den beim westfälischen Friedensschluß knapp 35jährigen Carl Gustaf Wrangel nicht neu. Er war der Sohn von Herman Wrangel, einem schwedischen Feldmarschall baltischer Herkunft; seine Mutter stammte aus dem alten schwedischen Adelsgeschlecht Grip. Am 5. Dezember 1613 wurde Carl Gustaf Wrangel in dem ziemlich bescheidenen väterlichen Schlößchen in Skokloster (zwischen Stockholm und Uppsala) geboren. Nach dem Westfälischen Frieden sollte er neben seinem Geburtshaus das neue Schloß von Skokloster bauen. Der Kontrast zwischen dem Gebäude des Vaters und dem mächtigen Schloß des Sohnes führt noch heute mit aller Deutlichkeit die schnell wachsenden Ambitionen der neuen schwedischen Großmacht vor Augen.

Bereits als 18jähriger schloß sich Wrangel den schwedischen Truppen in Deutschland an. Sein Studium war also nur von kurzer Dauer, erfüllte jedoch die Anforderungen des adligen Bildungsideals nach universaler ziviler und militärischer Bildung. Das Fundament wurde durch Privatlehrer und - wahrscheinlich - in einer Adelsschule in Stockholm gelegt. Auch wenn er nie ein guter Latinist war, widmete er sich natürlich der schwedischen Variante des politischen Humanismus. Die römischen Helden waren Vorbilder und Gustav II. Adolf der neue Augustus. Die übliche Bildungsreise führte nach Leiden und Paris, Studienorte, die erst kürzlich zu Lieblingszielen junger schwedischer Aristokraten geworden waren. Wrangel war Repräsentant eines neuen Kriegeradels, der während des Dreißigjährigen Krieges Karriere machte und sich von neuen, französisch inspirierten Modeströmungen beeindrucken ließ. Ihm fehlte jedoch die tiefe humanistische Bildung einiger etwas älterer schwedischer Aristokraten wie Axel Oxenstierna und Per Brahe d.J.

Wrangel machte rasch militärisch Karriere. Als Mitglied des Generalstabs unter dem schwedischen Oberbefehlshaber Lennart Torstenson leistete er 1641 und 1642 in den Schlachten bei Wolfenbüttel und Leipzig Bedeutendes. Zu Wasser leitete er 1644 eine schwedisch-holländische Flotte, die eine zahlenmäßig unterlegene dänische Flotte bei Fehmarn besiegte. Im Dezember 1645 war Lennart Torstenson wegen Krankheit gezwungen, einen immer größeren Teil der operativen Leitung Wrangel zu überlassen. Dessen Bedürfnis, die neugewonnene Macht und Ehre zur Schau zu stellen, wuchs. Im Januar 1646 erteilte er den Befehl, Baumaterial für das neue Schloß in Skokloster einzulagern. Im Frühjahr 1646 wurde der 32jährige Wrangel Feldmarschall und war danach zwei Jahre Oberbefehlshaber der schwedischen Truppen in Deutschland. Sein Nachfolger war Königin Christinas Cousin, Pfalzgraf Karl Gustav, der jedoch anweisungsgemäß dem Rat des erfahreneren Wrangel folgen sollte.

Noch während des Dreißigjährigen Krieges versuchte Wrangel energisch, die Einschätzung seiner kriegerischen Einsätze durch Zeitgenossen und Nachwelt zu steuern. Besonders erfolgreich war er, als Matthäus Merian d.Ä. die Herausgabe des fünften Teils des "Theatrum Europaeum" vorbereitete, der 1647 mit Text von Johann Peter Lotichius erschien. Der Band wird durch Merians Widmung an Wrangel eingeleitet, der "zu gegenwärtiger Wercks Publication, mit Vbersendung vnderschiedlicher schöner Delineationen und Abrissen, nebenst andern gnädigen Bezeygungen, mir grosse angenehme Beförderung erwiesen" habe. Die Zeichnungen, die Merian hier erwähnt, waren von Georg Wilhelm Kleinsträttl, Offizier in Wrangels Armee, angefertigt worden. Das Ende des zitierten Satzes findet seine Erklärung in Wrangels Rechnungsbüchern und seiner Korrespondenz mit Merian: Er förderte das Buch im Juni 1647 mit einhundert Dukaten und zahlte weitere einhundert Dukaten, nachdem er drei Exemplare des fertigen Werkes erhalten hatte. Er hatte allen Anlaß zur Zufriedenheit. Außer der Widmung in Merians "Widmungsschrift" enthält der Band einen Portraitstich Wrangels mit seinem Wappen und Wahlspruch "Non est mortale quod opto" (Nicht das Vergängliche ist es, wonach ich strebe). Unter dem Portrait steht ein Gedicht, in dem Lotichius Wrangels süddeutschen Feldzug mit Hannibals Zug über die Alpen gleichsetzt. Auf sieben Kupferstichen von schwedischen Eroberungen ist angegeben, daß Wrangel 1646/47 persönlich Höxter, Paderborn, Stadtberg (Obermarsberg), Bregenz, Mainau (im Bodensee), Schweinfurt sowie Eger erobert habe. Sicherlich freute es Wrangel, daß die drei erstgenannten Triumphe außerdem in Merians "Topographia Westfaliae" veröffentlicht wurden, die ebenfalls 1647 erschien. [3] Der fünfte Teil des "Theatrum Europaeum" zeigt, daß Wrangel während der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges gelernt hatte, die Medien seiner Zeit effektiv zu nutzen.

⇑ Zum Seitenanfang

II. Vor dem Westfälischen Frieden

Carl Gustaf Wrangel schuf einen transportablen Feldherrnhof mit wachsenden Sammlungen von Kunsthandwerk, vor allem Silber und Schmuck. Dabei arbeitete er mit seiner jungen Ehefrau zusammen. 1640 hatte er Anna Margareta von Haugwitz (geboren 1622 in Calbe an der Saale), eine schöne und arme deutsche Adlige, geheiratet; das Vermögen ihrer Familie war 1631 bei der Verwüstung Magdeburgs verlorengegangen. Mit ihr zusammen hatte er viele Kinder, unter ihnen die Söhne Hannibal, Augustus Gideon und Achilles, deren Namen die Hoffnung auf zukünftige Wrangelsche Feldmarschälle erkennen lassen. [4]

Auf die ältere schwedische Generation wirkte Wrangels französisch inspiriertes Auftreten anstößig. In einem Brief an Axel Oxenstierna klagte Feldherr Johan Banér darüber, daß "Generalmajor Wrangel mir gantz undt nichts nützlich ist, denn desselben actiones nur kinder- und lauter à la mode-händel sein unndt hat er in Franckreich und Hollandt dererselben sitten so gar angenommen, das er sich auch in kleidung und tractament wie ein gebohrner Frantzoss halten thut". Der französische Einfluß verstärkte sich noch, als Wrangel später während der engen militärischen Zusammenarbeit in Süddeutschland mit Turenne und anderen französischen Militärs verkehrte. Als Wrangels Sohn Carl Philip im Sommer 1648 im Feldlager bei Dingolfing nordwestlich von München getauft wurde, war beispielsweise der französische Marschall unter den Paten; das soziale Rollenspiel bei der Taufe der Wrangelschen Kinder während des Dreißigjährigen Krieges wäre eine gesonderte Studie wert. 1647 wird in den Büchern ein französischer Schneider genannt. Auch wenn die dominierende Sprache an Wrangels Hof Deutsch war, drückte sich der Feldherr gern französisch aus. [5]

Einen Teil der wachsenden Sammlungen Wrangels an Kunst und Kunsthandwerk bildeten in diesen Jahren Kriegsbeuten und Kriegstrophäen. In der Schlacht bei Leipzig 1642 erbeutete er eine bedeutende Sammlung an Prachtsilber von Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich. Wie sich später noch zeigen wird, nahm diese Trophäe in den Wrangelschen Kunstsammlungen eine Sonderstellung ein. Bisweilen wird behauptet, daß Wrangel verschiedenes aus der kaiserlichen Kunstkammer in Prag bekommen habe, aber diese Angaben sind sehr fragwürdig. An der schwedischen Erstürmung der Prager Kleinseite im Sommer 1648 war er nicht beteiligt; sein erster Besuch in Prag fand erst nach dem Westfälischen Frieden statt, im Zusammenhang mit einleitenden Verhandlungen der sogenannten Prager Konferenz um die Satisfaktionsmittel. Es sind jedoch gute Gründe dafür angeführt worden, daß ein berühmter Prachtschild in der Wrangelschen Rüstkammer auf Skokloster, der sogenannte "Skoklosterschild", aus der Kunstkammer in Prag stammen könnte. Der Schild wurde um 1560 von Elisaeus Libaerts in Antwerpen angefertigt. Ein schöner Pegasus aus Silber, der einen uhrwerkbetriebenen Himmelsglobus trägt (im Metropolitan Museum of Art, New York), angefertigt 1597 von dem Uhrmacher Gerhard Emmoser in Wien, wurde ebenfalls mit Wrangel in Zusammenhang gebracht. Dieser soll den Kunstgegenstand aus der Kunstkammer genommen und ihn anschließend Königin Christina geschenkt haben. Die Königin scheint diesen Prachtgegenstand jedoch durch den alten Reichsmarschall Jacob de la Gardie erhalten zu haben. Arcimboldos berühmtes Portrait "Kaiser Rudolf II. als Vertumnus" in den Sammlungen von Skokloster pflegt in diesem Zusammenhang ebenfalls genannt zu werden. Wahrscheinlich war der erste schwedische Besitzer des Gemäldes jedoch Reichsdrost Per Brahe d.J. (1602-1680); nach Skokloster kam es erst im 19. Jahrhundert. Natürlich aber war der junge Feldherr an den berühmten kaiserlichen Sammlungen interessiert, und er war über ihren Inhalt gut unterrichtet. In seinem Archiv befinden sich zwei - seit langem publizierte - Inventarverzeichnisse. Er ließ sich aber auch von anderen mitteleuropäischen Kunstkammern beeindrucken. Eine der für Wrangel wichtigsten war die Sammlung des Architekten und Ratsherrn Joseph Furttenbach in Ulm. Zu Beginn des Jahres 1647 hatte er im Zusammenhang mit den Verhandlungen in Ulm, die zum Waffenstillstand mit Bayern führten, Gelegenheit, sie zu studieren. Die Wrangelsche Rüstkammer auf Skokloster - darüber im folgenden mehr - ist durch Furttenbachs Kunstkammer inspiriert. [6]

Seit Wrangel 1646 schwedischer Oberbefehlshaber geworden war, bekam er von Vertretern der alliierten oder neutralen Städte und Länder diplomatische Geschenke. In einem Brief, der den schwedischen Feldherrn gegen Ende des Jahres in Babenhausen erreichte, gratulierte ihm der minderjährige Ludwig XIV. und drückte seine Freude über Wrangels Zusammenarbeit mit Turenne aus. Im März des folgenden Jahres sandte Kardinal Mazarin an Wrangel und dessen Frau Geschenke vom König und von Anna von Österreich: einen Degen bzw. ein Portrait des französischen Königs und seiner Mutter ("La Reyne a voulu que Madame vostre femme eust le portrait du Roy et le Sien, et le Roy que V. Exc. receut une Espée"). Wrangels Antwort wird damit eingeleitet, daß ihm die Worte fehlten - "Je n'ay point de paroles" - seine Dankbarkeit auszudrücken, die er daraufhin beredt formuliert. [7]

1647 bestellte die Stadt Nürnberg bei dem Glaskünstler Georg Schwanhardt d.Ä. gravierte Gläser, die Wrangel überreicht wurden. Einer von diesen Pokalen mit der Inschrift "Willkommen Ihr Herren" befindet sich noch heute auf Skokloster. [8] Fürstbischof Veit Adam von Gepeckh in Freising schenkte Wrangel und seiner Familie einen Nashornbecher und Schmuck. Das geschah 1648, als die Truppen Wrangels und Turennes Freising und das umliegende Gebiet verheerten. Der Becher mag, da seine Unterseite mit einem sich liebenden Paar verziert ist, zur erotischen Stimulation gedacht gewesen sein, aber auch als vorbeugend gegen Vergiftung. Wahrscheinlich weckte die exotische Herkunft des Materials Wrangels Interesse, denn Exotismus war ein durchgängiges Thema in seiner Sammlertätigkeit. Aus dem Tierpark des Fürstbischofs stammte übrigens auch der Strauß, den Wrangel im selben Jahr Königin Christina schenkte. Der Transport ging über Wismar, und am 4. November (alten Stils), zwei Tage nach der Nachricht vom Westfälischen Frieden, kam der Vogel lebend in Stockholm an. [9]

Gleichzeitig ist es wichtig festzuhalten, daß Wrangel mitten im Krieg Kunsthandwerk und anderes, was für seine Hofhaltung gebraucht wurde, kaufte. Rechnungen aus dem Sommer 1647 belegen beispielsweise, daß Wrangel und seine Frau für 5.813 Reichstaler große Mengen Tafelsilber kauften. Es wurde über Nürnberg gekauft, war jedoch von Hans Georg Lang und Martin Riedel in Augsburg hergestellt worden. Auch Musik war ein selbstverständlicher Bestandteil seines Feldherrnhofes. Bereits 1644 bestellte Wrangel bei dem dänischen Orgelbauer Peter Karstens in Viborg eine Orgel. [10]

Ein großartiges diplomatisches Geschenk nahm Wrangel 1647 entgegen, als Herzog August von Braunschweig-Lüneburg ihm den letzten von Philip Hainhofers vier berühmten großen Kunstschränken schenkte. Der Herzog hatte den Schrank kurz vor Hainhofers Tod im selben Jahr gekauft. Das Geschäft wurde durch Georg Forstenheuser in Nürnberg vermittelt. Leider sind die reichhaltigen Sammlungen in diesem Miniaturmuseum seit langem verstreut; nur das Möbelstück selbst ist in veränderter Form im Kunsthistorischen Museum in Wien erhalten. Wrangel erkundigte sich schnell nach dem finanziellen Wert des Geschenks, 6.000 Reichstaler, was, da es sich um ein diplomatisches Geschenk handelte, nur natürlich war. Vielleicht war er sich auch über den künstlerischen Wert nicht im klaren, denn lange Zeit, 1634-1646, hatte Hainhofer ohne Erfolg versucht, den Schrank zu verkaufen. Wrangel mußte also den Eindruck bekommen, daß ein solches Möbel nicht mehr à la mode war. Hainhofers ausführliche Beschreibung des Schrankes und seiner Besonderheiten aber befindet sich im Wrangelschen Archiv. Wrangel hatte also die Möglichkeit, sich über die Intentionen dieses bemerkenswerten Museums en miniature zu informieren. Aus diesem Versuch, in einem Kunstschrank die Welt zusammenzufassen, mag er Anregungen zur späteren Gestaltung Skoklosters gewonnen haben, das man auch als einen großartigen, vergrößerten Kunstschrank interpretieren kann. [11]

⇑ Zum Seitenanfang

III. Schwedisches Heldenbuch

Im Winter 1647/48 nahm Wrangel den Portraitmaler Matthäus Merian d.J. in seine Dienste. Merian, der u.a. bei Joachim von Sandrart in Amsterdam und bei Anthonis van Dyck in London gut ausgebildet worden war, klagte später in seiner Autobiographie über die Kälte und das beschwerliche Soldatenleben, aber ein Hofmaler erhöhte das Prestige des beweglichen Feldherrnhofes: Alexander der Große hatte seinen Apelles gehabt, und Wrangel hatte nun seinen Merian. Als der Vater des Malers, Matthäus Merian d.Ä., starb, übernahm der Sohn - zusammen mit seinem Bruder Caspar - im Sommer 1650 die Leitung des Verlags- und Handelshauses in Frankfurt am Main. Aber auch nach 1650 arbeitete er zeitweise für Wrangel und fertigte für ihn rund sechzig Portraits an. Außerdem war er für Wrangel als Handelsagent in Frankfurt tätig, u.a. wickelte er die vielen Weinbestellungen des Feldherrn ab.

Merian malte Bildnisse der Familienmitglieder Wrangels. Seine Hauptaufgabe bestand aber darin, Portraits von Generälen und Obersten in schwedischen Diensten zu malen. Stiche nach diesen Kriegerportraits sollten ein großes Buchprojekt illustrieren, das "Schwedische Heldenbuch". Wurden während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden die schwedischen Diplomaten dargestellt, wurden nun in Kupferstich und Biographie die schwedischen Kriegshelden verherrlicht. [12] Wrangel wollte so eine Entsprechung zu den deutschen Heldenkatalogen schaffen, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts veröffentlicht worden waren. In dem frühesten bekannten Verzeichnis seiner Bibliothek, das am 29. Mai 1655 in Stockholm erstellt wurde, sind solche Bücher zahlreich vertreten. Unter anderem findet sich die Signatur von Nicolaus Bellus' [Michael Caspar Lundorp] "Heldenbuch" (Frankfurt a.M. 1629), in dem vierzig Kriegshelden aus den ersten zehn Jahren des "deutschen Krieges" mit Text und Portraitgravuren geehrt werden. [13]

Später zierten Merians Kriegerportraits die Wände in Wrangels Schloß, und der Künstler verwandte sie in vielen Teilen des "Theatrum Europaeum" als Vorlagen. Die Herausgabe des "Schwedischen Heldenbuchs" aber ließ auf sich warten. Ein Vierteljahrhundert arbeitete Matthäus Merian d.J. an diesem großen Verlagsprojekt. Es gab zahlreiche Schwierigkeiten; 1654 beklagte er sich beispielsweise darüber, daß schwedische Generäle nicht auf Briefe antworteten. Aber im darauffolgenden Jahr konnte er Königin Christina, die sich nach ihrer Abdankung auf dem Weg nach Rom befand, in Frankfurt achtzig Stiche zeigen. Die Königin unterstützte das Projekt und empfahl eine Ausgabe sowohl in deutscher als auch in lateinischer Sprache. Hierüber berichtet Merian in einem Brief an Wrangel aus dem Oktober 1655. Dort schreibt er, daß er nun ein dreibändiges Werk plane, das die Zeit Gustavs II. Adolf, Christinas und Karls X. Gustav umfasse. [14] Denkbar ist, daß auch das berühmte Portrait von "Gustav Adolf in polnischem Rock", das aus guten Gründen Merian zugeschrieben wird, als Vorlage für den ersten Teil des Heldenbuches gedacht war. [15]

Im Frühjahr 1674 schrieb Merian an Wrangel, daß er noch am "Heldenbuch" arbeite. Im Dezember desselben Jahres führte Wrangel einen glücklosen Feldzug gegen Brandenburg, dessen Kurfürst Friedrich Wilhelm ein wichtiger Kunde Merians war. Auch wenn Merians Ganzfigurenportrait Wrangels gerade in die Feldherrngalerie des Großen Kurfürsten in Potsdam aufgenommen worden war, erschien die Herausgabe eines schwedischen Heldenkatalogs zu diesem Zeitpunkt als unpassend. Das schwedische Heldenbuch über den "Obsiegenden" und seine Kameraden wurde nie vollendet. [16]

⇑ Zum Seitenanfang

IV. Der Nürnberger Exekutionstag 1649/50

"Gestern besuchte mich Wrangel, und er sprach und trat auf wie ein Mann von Welt", schrieb Ottavio Piccolomini im Mai 1649 zu Beginn des Exekutionstags an Kaiser Ferdinand III. [17] Piccolomini, Herzog von Amalfi, kaiserlicher Oberbefehlshaber und Chefdelegierter in Nürnberg, war ein Mann, dem Wrangel mehrere Male auf den Schlachtfeldern begegnet war. Im selben Jahr bat Wrangel seinen Hofmaler Merian, Piccolomini mit dem Orden des Goldenen Vlies auf der Rüstung zu portraitieren. [18] Wahrscheinlich war Piccolomini eines der Vorbilder, an denen sich Wrangel nach dem Kongreß mit immer prunkvollerer Hofhaltung und seinen Schloß- und Palastbauten in Norddeutschland und Schweden orientierte.

Pfalzgraf Karl Gustav, Schwedens Generalissimus und ab 1649 schwedischer Thronfolger, leitete mit Hilfe von Alexander Erskein und Bengt Oxenstierna die schwedische Delegation in Nürnberg. Als militärischer Berater und persönlicher Freund des Pfalzgrafen aber hatte Wrangel eine starke Stellung und konnte seine persönlichen Interessen erfolgreich vertreten - so erhielt er einen großen Teil der Entschädigungsgelder an den schwedischen Generalstab (60.000 Reichstaler). [19]

Im Frühjahr 1650 besuchte Wrangel Schwedisch-Pommern, wo er seit 1648 schwedischer Generalgouverneur war. Sein Hauptinteresse galt jedoch dem Nürnberger Kongreß. Enthusiastisch und aktiv nahm er an den großen Banketten - barocken Gesamtkunstwerken mit Feuerwerken, Theater und Gauklerspielen - teil. Seine Begeisterung für Feuerwerke ist von der Forschung bereits gewürdigt worden. [20] Im Zusammenhang mit diesen Festen kam er auch mit Nürnberger Dichtern und Musikern in Kontakt: Georg Philipp Harsdörffer, Johann Klaj, Johann Erasmus Kindermann, Sigmund Theophil Staden und Valentin Dretzel. Letzteren hörte Wrangel jeden Sonntag als Organisten, wenn er in der St. Sebalduskirche am Gottesdienst teilnahm. [21]

Wrangel war es auch, der für das Septemberbankett Pfalzgraf Karl Gustavs das abschließende wilde Schießen und das zweistündige Feuerwerk des folgenden Abends organisierte. Ein eigenes Bankett richtete er eine Woche später aus, mit Schauspielen, Tanzvorführungen, Feuerwerk und Ringreiten. Da es jedoch nicht den Charakter einer Staatsaktion hatte, widmeten die Chronisten diesem Bankett nur wenig Aufmerksamkeit. Für die Hofhaltung kauften Wrangel und seine Frau Tafelgerät und anderes Prachtsilber bei den Silberschmieden Lang und Riedel und dem Silberhändler Michael Spengler. Die geheime Konkurrenz zwischen den schwedischen Großen führte dazu, daß nach dem Kongreß große Mengen süddeutschen Kunsthandwerks nach Schweden gelangten. Am bedeutendsten sind hier sicherlich die Aufträge des Magnus Gabriel de la Gardie. Dieser schenkte unter anderem Königin Christina einen silbernen Thronsessel, der noch heute im Reichssaal des Stockholmer Schlosses steht. [22]

Zu den Schriftstellern, denen Wrangel in Nürnberg begegnete, gehörte auch Christoph Arnold. Dieser widmete Wrangel und dessen Freund Lorens von der Linde seine Lobschrift auf die deutsche Sprache, "Kunst-spiegel" (Nürnberg 1649). Der Verfasser huldigt darin auf konventionelle Weise dem Kunstinteresse der beiden schwedischen Krieger. Später - Weihnachten 1650 - widmete Johann Klaj Wrangel seine "Geburt Christi", wobei er den schwedischen Feldmarschall mit dem Erzengel "Feldmarschall Michael" gleichsetzte. Der Theologe Johann Michael Dilherr, dessen Predigten Wrangel in der St. Sebalduskirche hörte, schickte ihm 1660 eine gedruckte und mit Stichen von Georg Strauch illustrierte Ausgabe dieser Predigten. [23] Zu den Schriftstellern kann vielleicht auch der produktive Astrologe Andreas Goldmayer gerechnet werden, der eigenen Angaben zufolge 1632 Gustav II. Adolf vor Lützen gewarnt hatte. Neben einer Untersuchung des Schicksals von Wrangels Tochter Margareta Juliana ist eine große, 539 Seiten umfassende astrologische Analyse von Wrangels Leben erhalten, datiert Nürnberg, den 24. August 1649. Sie enthält Auslegungen für die Jahre 1648-1665. Ob sich Wrangel von diesen Auslegungen beeinflussen ließ, ist schwer zu sagen, in anderen Zusammenhängen aber zeigte er Interesse für astrologische Vorhersagen, die seine Gesundheit und Krankheiten betrafen. [24]

Als Anselm van Hulle, der schon während der westfälischen Friedensverhandlungen als Portraitmaler hevorgetreten war, im Winter 1649/50 in Nürnberg weilte, erhielt er auch Aufträge von Wrangel. So entstand damals ein schönes lebensgroßes Portrait von Wrangels Ehefrau Anna Margareta, in dessen Hintergrund das Nürnberger Rathaus zu sehen ist. Es befindet sich heute auf Skokloster. Ein Portrait Wrangels wurde durch Pieter de Jode d.J. gestochen. Anfang 1650 bezahlte Wrangel dem "holländischen Maler" zweihundert Reichstaler. [25] Van Hulles Kupferstichserie der "Pacificatores" wurde 1655 als "Bildtnüße in Küpferstüche derer zu Oßnabrügk gewesene Legaten bey der friedens Tractaten" in Wrangels Bibliotheksinventar verzeichnet. Für den Maler war der Nürnbergaufenthalt eine gute Gelegenheit, seine schwedischen Kontakte zu pflegen. So ist im Archiv des Pfalzgrafen Karl Gustav ein in Nürnberg geschriebener Brief Hulles vom 8. Januar 1650 an Königin Christina erhalten, in dem er fragt, ob sein Kupferstichwerk der Friedensgesandten, das er vor acht Monaten geschickt habe, angekommen sei, "wie ich dann auch dergleichen bücher an alle Könige und Fürsten, welche ihre Abgesanden daselbsten gehabt haben, geschicket". [26]

Vor allem war es aber, wie bereits gezeigt, Matthäus Merian d.J., der in Nürnberg für Wrangel arbeitete. Dieser hatte in seinem früheren Lehrer Joachim von Sandrart allerdings einen bedeutenden Konkurrenten. So schuf Sandrart ein - heute verschollenes - Portrait von Wrangel als Kriegshelden. Sandrarts Beschreibung des Portraits führt uns das Selbstbild des schwedischen Feldherrn vor Augen: Wrangel war "in ganzer Statur und vollem Harnisch, neben dem blitz- und donnernden Geschütze unerschrocken im Feld stehend und dem streitenden Gegentheil die Spitze bietend" zu sehen. In seiner "Teutschen Academie" von 1675 berichtet Sandrart, daß Wrangel, als er 1648 Landshut einnahm, in der Jesuitenkirche Sandrarts "Die Pflege des heiligen Sebastian" und "Abschied der Apostel" bewunderte: "Er [hat] sofort diese zwey Altarblätter besuchet, sich davor niedergesetzet, sie lange beschauet und sowol den Künstler als die Kunst sehr berühmt" [27] - ein Bericht, den man jedoch mit der gebotenen Vorsicht lesen sollte.

Sandrarts wichtigster schwedischer Auftraggeber indes war der schwedische Thronfolger Karl Gustav. Unter anderem bestellte er das große Reiterportrait, das sich heute auf Skokloster befindet, damals jedoch nicht in Wrangels Besitz war. Karl Gustav gab auch den Auftrag zu dem berühmten "Friedensmahl im Nürnberger Rathaus". [28] Wrangel nimmt an der Tafel einen ehrenvollen Platz ein, der ihm allerdings erst nach heftigen Rangstreitigkeiten zugestanden wurde. Er hatte zwar keinen diplomatischen Status, stellte aber bis zur Abdankung der schwedischen Truppen einen wichtigen Machtfaktor dar. Bei dem großen Bankett Piccolominis am 24. Juni 1650, das den Nürnberger Kongreß abschloß, saß Wrangel ebenfalls auf einem Ehrenplatz - wieder nach Rangstreitigkeiten, diesmal sowohl mit schwedischen als auch mit kaiserlichen Delegierten.

Gemeinsam mit dem schwedischen Thronfolger reiste Wrangel im Anschluß an den Kongreß in die neue schwedische Provinz Bremen-Verden. In seiner dortigen Residenz Bremervörde arrangierte er, angeregt durch die Nürnberger Monate, ein Ballett, in dem der Pfalzgraf als Friedensfürst verherrlicht wurde: Junge Damen, in "ägyptischem" Stil gekleidet, repräsentierten die Buchstaben V.C.G.P.P.D.R.L.P. (Vive Charles Gustave Prince Pal. du Rhyn, Le Pacifique). [29] Dies zeigt, welche kulturellen Impulse der schwedische Feldherr und mit ihm viele andere schwedischen Aristokraten in Nürnberg empfangen haben. Die den Dreißigjährigen Krieg abschließende Konferenz trug entscheidend zur Europäisierung der jungen schwedischen Großmacht bei.

⇑ Zum Seitenanfang

V. Ein kunstsammelnder Landesvater

In Nürnberg hatte Carl Gustaf Wrangel dreizehn prachtvolle Hellebarden bestellt. Diese Hellebarden wurden von seinen Trabanten getragen, als er nach dem Kongreß zeremoniell in der Rolle des Generalgouverneurs von Schwedisch-Pommern aufzutreten begann. Sie waren mit Emblemen verziert, u.a. nach Vorlagen in Peter Isselburgs "Emblemata politica" (Nürnberg 1617). [30] Wrangel wurde bereits 1648 zum Generalgouverneur ernannt und behielt dieses Amt mit einer Unterbrechung (1653-1656) bis zu seinem Tode. Schwedisch-Pommern gehörte der schwedischen Krone und zugleich - als "Reichsstand" - dem Heiligen Römischen Reich an. Wrangel etablierte sich schnell als eine Art norddeutscher Fürst.

Ein Grafentitel brachte im Frühjahr 1651 weiteren Glanz über den Hof des Generalgouverneurs. Zu diesem Zeitpunkt tätigte Wrangel einen seiner berühmtesten Kunstkäufe. Der schwedische Diplomat Harald Appelboom erwarb auf einer Auktion in Den Haag auf seine Rechnung zwölf Gemälde von hoher künstlerischer Qualität. Unter diesen Gemälden, die nach Pommern geschickt wurden, waren vier Arbeiten von Jan Steen ("Die fette Küche", "Die magere Küche", "Die Geschichte Hagars" und eine Winterlandschaft; die Winterlandschaft befindet sich heute auf Skokloster). Auf dieser Auktion wurden auch zwei Seestücke erworben; für diese drückte Wrangel sowohl in der Korrespondenz von 1651 als auch später eine besondere Begeisterung aus. Im Juli und September desselben Jahres - auf dem Weg zum Kurort Spa und zurück - besuchte er Amsterdam und hatte Gelegenheit, holländische Malerei und außerdem das sich im Bau befindliche Stadthaus des Jacob von Campen zu sehen. [31]

Nach der Rückkehr nach Pommern entstand 1652 das weitbekannte Reiterportrait Wrangels von seinem damaligen Hofmaler David Klöckner (später königlich-schwedischer Hofmaler und geadelter Ehrenstrahl), der während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden Schreiber in der schwedischen Kanzlei in Osnabrück gewesen war. In diesem Portrait spiegelt sich vielleicht am deutlichsten Wrangels Anspruch, zugleich Fürst und Kriegsheld zu sein. Wrangels früherer Hofmaler Matthäus Merian d.J. hielt sich im Winter 1651/52 bei seinem ehemaligen Dienstherrn in Wolgast auf und war zu dieser Zeit Lehrer des jungen Klöcker; möglicherweise ist das Gesicht des Feldmarschalls mit dem Pinsel des erfahreneren Meisters gemalt worden.

Nur ein weiteres Reiterbildnis einer nicht-königlichen Person aus der schwedischen Großmachtszeit ist bekannt. Daß dieses sich in der Wrangelschen Grabkapelle neben der mittelalterlichen Kirche von Skokloster befindet, mag als Indiz für Wrangels Ehrgeiz gelten. Die martialische Reiterstatue des Feldmarschalls Herman Wrangel (gest. 1643), Wrangels Vater, entstand ungefähr zur gleichen Zeit, als Ehrenstrahl das Portrait malte und wird dem deutschen Stukkateur Daniel Anckermann zugeschrieben. [32]

Als Generalgouverneur in Schwedisch-Pommern residierte Wrangel in den alten Herzogschlössern in Stettin und Wolgast. Außerdem hatte er große Besitzungen in Pommern, wo er eine reiche private Bautätigkeit entfaltete. Es entstanden das luxuriöse Schloß Wrangelsburg und ein Stadtpalais in Stralsund sowie ein Umbau des Schlosses Spycker auf Rügen. Wrangel hatte bedeutenden Einfluß auf das Kulturleben in Pommern, u.a. seit 1660 als Kanzler der Universität Greifswald. Sein Auftreten als Generalgouverneur war fürstlich, und er wurde Pommerns "Landesvater" genannt. [33] Johann Joachim Zeuner nennt ihn in seinen mit lavierten Bleistiftzeichnungen geschmückten "Emblematica arcis regiae Stettinensis" von 1674 denn auch einen Landesvater, der Pommern mit der Kraft eines Herkules lenkte - übrigens im selben Jahr, als in Versailles Ludwig XIV. als einem unbesiegbaren Herkules gehuldigt wurde. [34]

Der herkulische Landesvater blieb aber vor allem Kriegsheld, verständlich angesichts seiner Teilnahme an den schwedischen Kriegen nach 1648 (1655-1660 in Polen und Dänemark, 1666 die Belagerung von Bremen und von 1674 an der Krieg gegen Brandenburg). In den Huldigungschor für den Kriegshelden stimmte auch ein portraitiertes Wildschwein ein, das Wrangel 1664 bei Eldena in der Nähe von Greifswald schoß. In der Bildinschrift drückt der Keiler seine Genugtuung darüber aus, vom wohlgerichteten Schuß des gotischen Mars getötet worden zu sein. [35] In einem von der schwedischen Exkönigin Christina 1667 in Hamburg arrangierten Schauspiel trat Wrangel als Gottfried von Bouillon auf. Im selben Jahr schrieb die Königin an ihren Freund Kardinal Azzolino in Rom, daß Wrangel bereit sei, gegen die Türken zu kämpfen, und daß er für sie bis ans Ende der Welt Krieg und Ehre suchen werde. [36] Wahrscheinlich hat Christina die Wrangelsche Beredsamkeit angemessen wiedergegeben.

David Klöcker Ehrenstrahl plante später eine weitere Verherrlichung des Feldherrn im Gemälde, ein Projekt, das wahrscheinlich nicht ausgeführt wurde. Beabsichtigt war, Wrangel in seinem Stockholmer Palais mit monumentalen Gemälden als kriegerischen Triumphator und zugleich als Beschützer des Friedens und der Musen darzustellen. [37] Damit wird unser Augenmerk nun auf das eigentliche Schweden gelenkt, wo Wrangel ebenfalls hohe Ämter innehatte, u.a. als Reichsadmiral und später Reichsfeldherr in der Vormundschaftsregierung Karls XI. Auch in Schweden betrieb er bedeutende Bauprojekte: Er baute einige kleinere Lust- und Jagdschlösser, Ekebyhov westlich von Stockholm und Gripenberg östlich des Vättersees. Sein Palais in Stockholm war prachtvoll. Am deutlichsten jedoch - jedenfalls für die Nachwelt - wurden seine Macht und Ehre auf Schloß Skokloster demonstriert.

⇑ Zum Seitenanfang

VI. Skokloster - Stätte der Erinnerung und Gedächtnispalast

Mit dem Bau von Schloß Skokloster wurde 1654 begonnen. Der westliche Teil des Schlosses wurde zuletzt gebaut, und als Wrangel 1676 starb, war ein Großteil der Innenausstattung in diesem Teil des Gebäudes noch unvollendet. Die Arbeiten an dem gewaltigen Festsaal wurden nie fortgesetzt, und so ist er noch heute eine Baustelle - gleichsam ein Symbol für die großen Ambitionen der schwedischen Großmacht, die nie verwirklicht wurden.

In der bereits zur Zeit der Planung altertümlichen Architektur Skoklosters - die vier Ecktürme und das mächtige quadratische Gebäude um einen geschlossenen Hof mit hineingebauten Arkadengängen - drückt sich Wrangels Wunsch aus, eine mächtige "Stammburg" zu schaffen. Daß die Fassaden eine moderne Gestalt erhielten, zeigt Wrangels typischen Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne - dasselbe trifft für die Planlösungen in den Wohngeschossen zu. Der Bauherr hatte sehr genaue Vorstellungen von der Gestalt des Schlosses, mit der Realisierung waren die Architekten Caspar Vogel aus Erfurt, Nicodemus Tessin d.Ä. und Jean de la Vallée betraut, letzterer lieferte auch die Entwürfe für die teilweise realisierte Gartenanlage. [38]

Die Frage nach den Vorbildern für Skokloster ist noch nicht beantwortet. Neben vielen anderen Schlössern werden in der Diskussion immer wieder auch zwei deutsche Schlösser genannt: Friedenstein in Gotha und Schloß Johannisburg in Aschaffenburg. Wrangel sah beide im Jahre 1646, zu dessen Beginn er bereits Anweisung gegeben hatte, in Skokloster Baumaterial zu sammeln. Im April hielt er sich mit seiner Armee in der Nähe von Gotha und dem damals neuerbauten Friedenstein auf. Im August nahm er zusammen mit Turenne Aschaffenburg ein. Eine Äußerung des Johannes Loccenius, Jurist und Historiker an der Universität in Uppsala, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Aschaffenburger Schloß. Dieser formulierte 1662, also noch zu Lebzeiten Wrangels, sehr vorsichtig, das Äußere von Schloß Skokloster könne beinahe mit dem Schloß in Aschaffenburg verglichen werden. [39] Trotz der Unterschiede zwischen den beiden Schlössern ist Loccenius' Äußerung sehr interessant, da sie möglicherweise auf Wrangel selbst zurückgeht. Loccenius' Text war für Erik Dahlbergs Tafelwerk "Suecia antiqua et hodierna" bestimmt, ein Projekt, das Wrangel mit Interesse verfolgte. So empfahl er - ohne Erfolg -, das Werk im Verlag Merians in Frankfurt zu publizieren, wo schon das Vorbild des Suecia-Werkes, die "Topographia Germaniae", erschienen war.

Wrangel ließ große Teile seiner Kunstsammlung nach Skokloster bringen, und ab 1665 beherbergte das Schloß den Hauptteil seiner ständig wachsenden Bibliothek. Leider ist nur ein Viertel dieser Sammlungen in Skokloster geblieben; durch Erbteilung wurde der Besitz zerstreut: Von den ca. 770 im Nachlaßverzeichnis Wrangels genannten Gemälden befinden sich heute nur noch ca. 150 auf Skokloster. [40] Die Rüstkammer dagegen ist noch vollständig: Wrangel hatte in seinem Testament festgelegt, die Rüstkammer solle als eine ewige Stätte der Erinnerung auf Skokloster bewahrt bleiben. In dem Testament spiegelt sich so die Auffassung des Bauherrn von Skokloster als einer Stätte der Erinnerung an seine Verdienste als Feldherr. [41]

Die Zahl der Kriegsbeutestücke in Wrangelschem Besitz wird häufig übertrieben. Seine umfangreichen Käufe von Kunst, Kunsthandwerk, Büchern, Vermessungs- und Navigationsinstrumenten, Werkzeugen, Textilien u.a. in Hamburg, Amsterdam und anderen europäischen Zentren sind sehr genau dokumentiert. [42] Beutestücke bildeten aber zweifellos einen bedeutenden Grundstock seiner Sammlungen. Das erste bekannte Verzeichnis seiner Gemälde, das im September 1658 auf Spycker erstellt wurde, umfaßt ca. 140 Stück: Portraits (vorwiegend Fürsten), Landschaften, Stilleben und biblische Motive. [43] Einige dieser Gemälde waren kurz zuvor in Dänemark erbeutet worden und befinden sich noch heute auf Skokloster. Weitere Stücke aus dänischen Sammlungen kamen bald hinzu: Aus Kronborg stammen fünf Gemälde mit Szenen aus der dänischen Geschichte von Claes Moeyaert, Isaac Isaacsz, Adriaen van Nieulandt und Salomon Koninck, aus Fredriksborg fünf Portraits holländischer Seehelden von Karel van Mander. [44]

Auf zwei dieser holländischen Admirale (Opdam und Witte de Witt) traf Wrangel im Herbst 1658 in der Schlacht im Öresund, als er vergebens versuchte, holländische Schiffe daran zu hindern, Kopenhagen zu Hilfe zu kommen. Eine Beschreibung dieser Niederlage in Nicolaas Witsens "Aeloude en hegendaegsche scheeps-bouw en bestier" (Amsterdam 1671) brachte Wrangel derart in Rage, daß er den Verfasser aufforderte, die Darstellung zu ändern. Daher findet sich in einem Teil der Auflage eine geschönte Beschreibung, die mit Wrangels Selbstbild vom Helden zu Wasser und zu Land eher übereinstimmt. [45]

Skokloster mit seinen Sammlungen kann sowohl als eine gewaltige Kunstkammer als auch als ein Theater der Erinnerung beschrieben werden. Als Kunstkammer gesehen, sind Sammlungen und Architektur Ausdruck des Strebens, die ganze Welt zusammenzufassen und damit beherrschen zu können. [46] Als Theater der Erinnerung aufgefaßt, erscheint die Architektur des Schlosses als gewaltige mnemotechnische Hilfe für einen Mann, der die aus ganz Europa eintreffenden Nachrichten strukturieren und verfügbar machen mußte. Die Ecktürme des Schlosses waren von Armillarsphären gekrönt, Modellen des Universums. In der wichtigsten Zimmerflucht, deren Bildprogramm sich vor allem an das erste Buch von Ovids "Metamorphosen" anlehnt, befindet sich eine 1663/64 entstandene Stuckdecke von Hans Zauch mit den vier Kontinenten um eine zentrale Szene mit Drachentöter (Apollo oder womöglich der Seeheld Jason). Die außereuropäische Welt wurde durch die exotischen Bäume und Gewächse des Gartens repräsentiert, durch die vielen ethnographischen Gegenstände und durch die vielen Reiseberichte und das reiche Kartenmaterial in der Bibliothek. Über den Türen zu den Gästezimmern waren Ansichten der bedeutendsten Städte Europas angebracht, die den Räumen ihren Namen gaben - sie dienten sicherlich nicht nur der Orientierung in dem großen Schloß, sondern zeugen von dem Streben, ganz Europa zusammenzufassen. So erscheint das Schloß als Versuch, die verwirrende Vielfalt der Welt zu strukturieren. [47]

Ein Gebäude und seine Einrichtung als eine mikrokosmische Zusammenfassung der Welt zu gestalten, ist natürlich kein für Skokloster originärer Gedanke. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang Jacob van Campens Stadthaus in Amsterdam [48], vor allem der große Saal, den man sich möglicherweise als Vorbild für Skoklosters "unvollendeten Saal" vorstellen muß. Wrangel und Nicodemus Tessin d.Ä. begannen wahrscheinlich 1666 mit der Detailplanung für die Einrichtung. [49] Der Schloßherr war genau über das Stadthaus in Amsterdam informiert. Die beiden Besuche in der Stadt im Jahr 1651 wurden bereits erwähnt. Daneben finden sich verschiedene Bücher über die Stadt Amsterdam mit Stichen des Rathauses in seiner Bibliothek, die er wahrscheinlich in der Planungsphase bestellte. [50]

Im Unterschied zum Stadthaus von Amsterdam war Skokloster jedoch kaum ein Tempel des Friedens. Frieden bedeutete für Wrangel in erster Linie Waffenruhe. Im Planungsjahr 1666 belagerte er die Freie Reichsstadt Bremen. Im selben Jahr forderte er, daß Schweden sowohl Dänemark und Holland angreifen solle ("... mit Zaudern und Stillsitzen gewinnt man weder Sicherheit noch Ehre"). [51] Er blieb jedoch der Kriegsheld vom Schlachtfeld des Dreißigjährigen Krieges. Ein deutscher Reisender, der im August 1670 Skokloster besuchte, nannte das Schloß "das schöne Schloß Schoogkloster des Obsiegenden Stamhauß". [52] Heute ist das Schloß ein Museum und ein Theater der Erinnerung, das den Traum des kunst- und büchersammelnden Feldherrn von Macht und Ehre zeigt. Aber vor allem spiegelt das Schloß einen wesentlichen Teil der Geschichte Europas in den Jahren um den Westfälischen Frieden.

⇑ Zum Seitenanfang

ANMERKUNGEN

1.Paas 1979; Losman 1980, S. 58f., S. 77f.
2.Conermann 1985, II, Nr. 523 und III, S. 670ff.; Losman 1978, S. 165f.
3.Losman 1980, S. 110ff.; Wüthrich 1966ff., III, S. 130-195; IV, S. 220-223.
4.Losman 1980, S. 21ff.
5.Losman 1980, S. 31, 46ff.
6.Reichsarchiv Stockholm: Signatur E 8578; Dudík 1867, S. XXXIII-XLIV; Granberg 1930, S. 40, 179; Meyerson/Rangström 1984, S. 20-24, 27-33, 333f.
7.Briefe im Reichsarchiv, Stockholm: E 8361, E 8416, E 8259. Vgl. Meyerson/Rangström 1984, S. 42.
8.Meyer-Heisig 1963, S. 37f., 78, 221; Ausst.kat. Skokloster 1993, S. 10, 13, 60.
9.Weber 1972, S. 195f.; Losman 1980, S. 113f.; Bengtsson/Losman 1995, S. 12f., 36, 68.
10.Losman 1980, S. 61, 81.
11.Losman 1980, S. 63-71; Losman 1982; Losman 1985 und dort angegebene Literatur; Boström 1995; Boström 1995.
12.Über Wrangels und M. Merians d.J. langjährige Kontakte siehe Losman 1980, S. 114-129 und Losman 1996. Auf Skokloster befinden sich vierzehn von Merian signierte Portraits sowie einige, die man wahrscheinlich dem Künstler zuschreiben kann. Womöglich sehen wir auf einer feinen Merianzeichnung im Kupferstichkabinett Berlin eines der Wrangelschen Kinder, vgl. Groß 1996, S. 47.
13.Zu Wrangels Bibliothekskatalogen siehe Losman 1978, S. 160.
14.Losman 1980, S. 118f.
15.Heyde 1995, S. 297-300.
16.Losman 1980, S. 119.
17.Toegel 1981, S. 401.
18.Losman 1996, S. 36ff.
19.Oschmann 1991, S. 658 und passim.
20.Fähler 1974, S. 151f.
21.Losman 1980, S. 80ff. Ausführlich über Wrangel und die Musik in Kjellberg 1993.
22.Bengtsson/Losman 1995, S. 13ff. und dort angegebene Literatur.
23.Losman 1980, S. 85-90.
24.Losman 1980, S. 76ff., 90ff.
25.Losman 1980, S. 85. Der in der früheren Literatur zu findenden Angabe, das Gemälde sei 1648 in Münster entstanden, mangelt es an Beweiskraft.
26.Brief an die Königin in Karl Gustavs Korrespondenz, Reichsarchiv Stockholm: Stegeborgsammlung E 144-145.
27.Klemm 1986, S. 130ff., 180.
28.Klemm 1986, S. 171-191. Das Reiterportrait von Karl Gustav hing 1675 im "Pferdesaal" auf Schloß Visingsborg, damals in Besitz Per Brahes d.J., vgl. Granberg 1930, S. 41.
29.Losman 1980, S. 76.
30.Meyerson/Rangström 1984, S. 42, 312ff.
31.Losman 1980, S. 195ff.; Ausst.kat. Washington/Amsterdam 1996, S. 100-108. Appelbooms Rechnung im Reichsarchiv Stockholm: E 8302.
32.Nisser 1939, S. 140ff.
33.Eimer 1961a; Losman 1980, Kapitel "Stettin och Greifswald"; Backhaus 1996; Asmus 1996.
34.Eimer 1997, S. 27f.; Burke 1992, S. 78. Zu Zeuner siehe Backhaus 1965.
35.Meyerson 1970/71.
36.Losman 1980, S. 176ff.
37.Ellenius 1966, S. 31-54.
38.Grundlegend für die Baugeschichte von Skokloster ist Andrén 1948. Zuletzt zur Architektenfrage Eimer 1961, S. 138ff.
39.Zuletzt hierzu Spies 1986.
40.Die nachgelassene Gemäldesammlung laut Reichsarchiv, Stockholm, E 6103. Zu Wrangels Bibliothek siehe Losman 1978. Schloß Skokloster beherbergt heute auch mehrere Sammlungen anderer schwedischer Adelsfamilien (vor allem Brahe, Bielke und Scheffer), hinzugekommen ca. 1550-1850.
41.Meyerson/Rangström 1984, S. 11, 25ff., 56; Bengtsson/Losman 1995, S. 8f.
42.Siehe Losman 1980, passim.
43.Ivo Asmus, Greifswald, hat das Verzeichnis kürzlich im Reichsarchiv Stockholm wiedergefunden: E 8072.
44.Schepelern/Houkjær 1988, insbesondere S. 112, 117, 119f., 128f.; Eller 1971.
45.Losman 1978, S. 171f.
46.DaCosta Kaufmann 1978; DaCosta Kaufmann 1993, Kap. 7.
47.Losman 1994, S. 47-52, 144 (deutsche Übersetzung in Ausst.kat. Bonn 1994, S. 146-149).
48.Goossens 1996.
49.Andrén 1948, S. 79, 166, 191, 314ff.
50.Losman 1980, S. 206; Losman 1978, S. 165.
51.Fahlborg 1949, S. 416, 498f.
52.Albrecht 1678, S. 258; Bepler 1988, S. 144.

⇑ Zum Seitenanfang