Von der Idee bis zum Aufbau
Den Höhepunkt der Feierlichkeiten anläßlich der 350. Wiederkehr des Friedensschlusses von Münster und Osnabrück im Jahre 1648, des sogenannten Westfälischen Friedens, bildet die 26. Europaratsausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa", die in den beiden ehemaligen Kongreßstädten gezeigt wird. Sie ist zugleich der Höhepunkt und der Abschluß einer Fülle von Veranstaltungen zu diesem Ereignis in Westfalen, im Osnabrücker Land und in ganz Europa.

Die Idee, diese "Friedensfeiern" gemeinsam mit anderen Interessierten zu veranstalten, stammt vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Die Planungen reichen bis zum Anfang der neunziger Jahre zurück, als der Kulturausschuß des Landschaftsverbandes unter dem Vorsitz von Dr. Walter Hostert von der Abteilung für Kulturpflege unter der Leitung von Landesrat Friedhelm Nolte beauftragt wurde, Vorschläge über die Gestaltung des Jubiläumsjahres auszuarbeiten. Dies wurde Anfang 1992 in einem Facharbeitskreis unter dem Vorsitz von Dr. Norbert Reimann, dem Leiter des Westfälischen Archivamtes konkretisiert. Unterstützt wurden diese Planungen von Beginn an durch die beiden Städte Münster und Osnabrück, den dortigen Universitäten und Staatsarchiven, dem Landkreis Osnabrück und auch vom Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Zur Durchführung und Koordinierung der westfalenweiten Veranstaltungen beschloß der Landschaftsverband die Schaffung einer Geschäftsstelle, die im Mai 1993 unter der Leitung von Dr. Gunnar Teske beim westfälischen Archivamt eingerichtet wurde. Als erster finanzieller Förderer wurde die Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege gewonnen.

Während die Ausstellung sowie die begleitenden Kongresse zum Ziel haben, den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden in ihrer nationalen und europäischen Bedeutung zu erforschen und einer breiten Öffentlichkeit darzustellen, sind die dezentralen Veranstaltungen in Westfalen-Lippe und im Osnabrücker Land auf das historische Geschehen im regionalen und lokalen Bereich ausgerichtet. Die Geschäftsstelle informierte die einzelnen Kreise und kreisfreien Städte über das Gesamtprojekt und regte damit in zahlreichen Kommunen Ausstellungen und ergänzende Gedenkfeiern über den Dreißigjährigen Krieg in der Region an. Auch andere Einrichtungen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, wie z.B. das Westfälische Freilichtmuseum in Hagen, die Landesbildstelle Westfalen oder das Westfälische Archivamt haben sich mit Ausstellungen und Vortragsreihen beteiligt.

Mit der Intention, die Verbreitung der Ideen des Westfälischen Friedens vor allem durch die Organisation der Ausstellung sowie durch die Unterstützung zweier begleitender wissenschaftlicher Kongresse zu fördern, entschlossen sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Städte Münster und Osnabrück, der Kreis Steinfurt und der Landkreis Osnabrück, die Veranstaltungsgesellschaft 350 Jahre Westfälischer Friede mbH zu gründen, wobei sie von den beiden Ländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie auch dem Bundesinnenministerium unterstützt wurden.

Den Vorsitz im Aufsichtsrat sowie in der Gesellschafterversammlung übernahm der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, zunächst Dr. Manfred Scholle, ab Juli 1998 Herr Wolfgang Schäfer. Die Geschäftsführung obliegt dem Landesrat für Kultur des Landschaftsverbandes, Herrn Friedhelm Nolte, der in seiner Tätigkeit von Herrn Guido Kohlenbach als Assistent der Geschäftsführung unterstützt wird. Der Aufsichtsrat wurde bei seinen Entscheidungen durch einen Fachbeirat unterstützt, der unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Hans-Joachim Behr stand.

Im Herbst 1994 übernahm die Veranstaltungsgesellschaft 350 Jahre Westfälischer Friede mbH die Vorbereitungen der Ausstellung. Es war allen klar,daß nur eine Institution mit genügend Reputation und Erfahrung im Organisieren großer internationaler Kunstausstellungen wie das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte die Hauptlast der Arbeiten und die Verantwortung für ein derart großes Projekt tragen könnte. Diese Veranstaltungsgesellschaft bat Prof. Dr. Klaus Bußmann, den Direktor des Landesmuseums, als Kommissar die Leitung der Ausstellung zu übernehmen. Er konnte sich dabei auf die Infrastruktur des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe stützen, der als Träger des Landesmuseums mit seinen Mitarbeitern in den folgenden Jahren den Löwenanteil der Arbeiten übernahm.

Ein wissenschaftlicher Beirat unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz Schilling von der Humboldt-Universität in Berlin wurde einberufen, um die konzeptionellen Vorbereitungen der Ausstellung beratend zu begleiten. Mit der Projektleitung wurde Dr. Hermann Arnhold beauftragt, der bis dahin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Westfälischen Landesmuseum war.

Die vorgegebenen Aufgaben waren denkbar schwierig: Die Ausstellung sollte als eine Einheit in Münster und Osnabrück stattfinden - den beiden historischen Orten, in denen die Friedenverträge 1648 geschlossen worden waren. Neben dem Westfälischen Landesmuseum in Münster wurden das Kulturgeschichtliche Museum und die Kunsthalle Dominikanerkirche in Osnabrück als Ausstellungsstätten bestimmt.

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Europäische Dimensionen

Im Vordergrund stand zunächst die Frage, welches Bild vom Dreißigjährigen Krieg und vom Westfälischen Frieden die Ausstellung vermitteln sollte. Man war sich dabei einig, daß nur Originale den direkten Kontakt mit der Geschichte ermöglichen sollten, unterstützt durch eine Didaktik, die dem Besucher die Aussagen dieser Objekte vermittelt. Es wurde schnell klar, daß der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Frieden nicht nur ein deutsches Thema sind, sondern daß sie eine europäische Tragweite besitzen, deren Konsequenzen noch heute lebendig sind. Um diese europäische Dimension in der Ausstellung widerzuspiegeln, wurden die wichtigsten internationalen Spezialisten aus Museen, Archiven, Bibliotheken und der universitären Forschung eingeladen, an der Erarbeitung der Ausstellungskonzeption und der Objektsuche teilzunehmen. Mehrere Arbeitsgruppen u.a. in den Niederlanden, in Schweden, in Tschechien und in Frankreich unterstützten die Vorbereitungen durch ihre Anregungen, die von Themenpapieren bis zu konkreten Objektvorschlägen reichten. Besonders beeindruckend war dabei die Mitarbeit vieler Kollegen, die ihr Engagement vor allem aus der Einsicht zogen, daß auch 350 Jahre nach dem Westfälischen Frieden Teile Europas von Krieg, Unterdrückung und religiöser bzw. ethnischer Intoleranz überzogen sind. Diese Gegenwart zeige die Aktualität der Geschichte und lege die Notwendigkeit nahe, mittels einer großen, gemeinsam erarbeiteten Ausstellung ein Zeichen zu setzen. Die Gespräche zeigten außerdem, daß der europäische Charakter des Themas gerade in der Unterschiedlichkeit der nationalen und regionalen Perspektiven zum Ausdruck kommt: So zählt beispielsweise für die Tschechen die Schlacht am Weißen Berg 1620 - der tragische Kampf der nach Unabhängigkeit strebenden Böhmen gegen die habsburgische Übermacht - noch heute zu den zentralen Ereignissen ihrer Geschichte. Für die Niederländer dagegen ist der Achtzigjährige Krieg um Freiheit gegen die Spanier von besonderer Bedeutung, da er mit der Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande 1648 endete. Christian IV. für die Dänen, Gustav II. Adolf für die Schweden, Frederik Hendrik für die Niederländer sind noch immer - wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen - nationale Heldengestalten, die Teil der Geschichte von Krieg und Frieden im 17. Jahrhundert sind. Die Verknüpfung verschiedener Konflikte machten den Dreißigjährigen Krieg zu einem europäischen Flächenbrand, der erst nach langwierigen, komplizierten Verhandlungen 1648 im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück sein Ende fand. Und dieses galt es nun in der Ausstellung zu visualisieren.

Eine große Herausforderung für die Konzeption stellte die Notwendigkeit dar, eine optimale Aufteilung der Themen auf die drei Ausstellungsstätten zu finden, die sich in Größe, Raumverteilung und vorhandener Infrastruktur wesentlich voneinander unterscheiden.Um Wiederholungen zu vermeiden, den Zusammenhang der Ausstellung zwischen Münster und Osnabrück aber dennoch zu verdeutlichen, entschied sich die Ausstellungsleitung nach intensiven Gesprächen für eine komplementäre Struktur: In Osnabrück sollte im Kulturgeschichtlichen Museum die Geschichte von Krieg und Frieden chronologisch erzählt werden, während das Sonderthema der Konfessionen und ihre Bedeutung für Krieg und Frieden in der Kunsthalle Dominikanerkirche seinen Platz fand. Im renovierten Altbau des Westfälischen Landesmuseums sollte eine strukturgeschichtliche Zugangsweise im Mittelpunkt stehen, mit Themen wie etwa den europäischen Konfliktherden zu Beginn des 17. Jahrhunderts, der Politik der Mächtigen, der Kriegstechnik, dem Elend der Zivilbevölkerung, der Widerspiegelung von Krieg und Frieden in der Kunst sowie den Feiern aus Anlaß des Westfälischen Friedens.

Das Ausstellungsteam wuchs in den rund vier Jahren von zunächst drei wissenschaftlichen Mitarbeitern auf über 30 Mitglieder, die im wissenschaftlichen Sekretariat, der Abteilung für Kommunikation, dem Organisationsbüro und der Verwaltung arbeiten, wobei es durch die Geschäftsführung, den Aufsichtsrat und die Beiräte unterstützt wurde.

In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Beirat und den Spezialisten in den verschiedenen europäischen Ländern erarbeitete das wissenschaftliche Sekretariat die Ausstellungskonzeption, die laufend aktualisiert und ergänzt wurde. Einen zentralen Platz in der Zusammenfassung der neuesten Forschungsergebnisse in Form eines mehrmals erneuerten Regiebuches hatte, bis zu seinem plötzlichen Tod 1997, Dr. Karl Georg Kaster, Kurator am Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück und zugleich stellvertretender Ausstellungskommissar.

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Die Suche nach den Exponaten

Neben der Arbeit an der Konzeption wurden intensive Objektrecherchen in all den Ländern und Regionen betrieben, die direkt oder indirekt vom Dreißigjährigen Krieg und vom Westfälischen Frieden betroffen waren. Unter den in Frage kommenden Objekten kam insbesondere den großen Kunstwerken eine herausragende Rolle zu, da sie durch ihren bildhaften Charakter über eine Vielschichtigkeit verfügen, in der das Wesentliche dieser Epoche - Tradition und Motivation, Ängste und Sehnsüchte, das Elend des Krieges und die Befreiung durch den Frieden - am tiefsten zum Ausdruck kommt.

Prof. Bußmann und seine Mitarbeiter besuchten bereits früh die Sammlungen, die Objekte aus der Zeit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts besitzen. Bei ihren Gesprächen erhielten sie wichtige Hinweise zu bisher noch nie gezeigten Ausstellungsstücken oder zu Themen, die die Forschung noch nicht erschlossen hatte. Die Reisen führten - neben Deutschland - nicht nur in alle Länder West,- Süd, und Nordeuropas, sondern auch nach Tschechien, Ungarn, die Slowakei, Polen und die baltischen Staaten. Die Leihverhandlungen mit den Museen, Bibliotheken und Archiven nahmen viel Zeit in Anspruch. Es ging darum, die Leihgeber nicht nur vom Thema und seiner Umsetzung zu überzeugen, sondern auch die Bedeutung der Ausstellung als kulturellen Höhepunkt der Jubiläumsjahres 1998 herauszustellen.

Es kann daher als ein großer Erfolg gewertet werden, daß große europäische Museen wie die National Gallery in London, der Louvre in Paris, das Nationalmuseum in Stockholm, das Kunsthistorische Museum in Wien, das Rijksmuseum in Amsterdam, der Prado in Madrid oder die Alte Pinakothek in München wichtige Kunstwerke für die Ausstellung ausgeliehen haben.

In Schweden und den Niederlanden bildeten sich, angeregt durch die Gespräche mit dem Ausstellungsteam in Münster und Osnabrück, eigene Nationalkomitees und Arbeitsgruppen, die die Bedeutung der Erinnerung an den Westfälischen Frieden in ihren Ländern durch eigene Ausstellungsprojekte hervorhoben.

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Einsatz neuer Medien

Als Arbeitsinstrument sowie zur Dokumentation der Themen und der dazu in Frage kommenden Objekte initiierte das Ausstellungsteam eine Bilddatenbank, die ein rasches "Nachschlagen" von Objekten nach ikonographischen Sachbegriffen, Namen und Zeitrahmen ermöglicht. Die Zahl der aufgenommen Objekte in Bild und Text stieg so schnell an, daß die Kapazität der Datenbank mehrmals vergrößert werden mußte.

Ausgehend von dieser Arbeit und angeregt durch die Forschungen von Prof. Jacques Thuillier im Bereich der digitalen Bildbearbeitung von Kunstwerken am Collège de France entstand das Projekt, eine CD-ROM zu erarbeiten, die die wichtigsten Objekte zum Thema des Dreißigjährigen Krieges und des Westfälischen Friedens zusammenfassen sollte. In Zusammenarbeit mit 15 Museen, Bibliotheken und Archiven in den Niederlanden, Schweden, und Frankreich entstand im März 1998 nach dreijähriger intensiver Arbeit unter der Federführung des Ausstellungsteams in Münster die CD-ROM "1648 - Krieg und Frieden in Europa", die eine Erschließung des Themas über Bilder und kurze Einführungen in fünf Sprachen ermöglicht.

Gleichzeitig wurde an dem dreibändigen, in deutscher und englischer Sprache publizierten Katalog zur Ausstellung gearbeitet. Über 120 internationalen Spezialisten reichten ihre Aufsatzmanuskripte ein, die übersetzt, redigiert und mit Abbildungen versehen werden mußten. Um die mehr als 1200 Abbildungen zu verwalten und richtig zuzuordnen, wurde eine Datenbank erstellt, in die alle Mitarbeiter der Redaktion Einblick nehmen konnten. Die Arbeit an dem Ausstellungskatalog mit den Exponaten konnte erst aufgenommen werden, nachdem die meisten Objekte als Leihgaben zusagt waren. In kürzester Zeit mußten dann für die etwa 1250 Werke Texte verfaßt und übersetzt werden, ebenfalls wieder unter der Beteiligung von internationalen Fachleuten.

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Der Architekt

Die Objektrecherchen, die konzeptionelle Ausarbeitung der Themen und ihre Zuordnung zu den Räumen in den Ausstellungsstätten und schließlich die letzten Leihverhandlungen dauerten noch bis in den Sommer 1998. Inzwischen hatte der Ausstellungsarchitekt Holger Wallat aus Köln bereits mit den konkreten Planungen zur Gestaltung der Räume und Präsentation der Objekte begonnen. Wieder stellte sich die Frage: Welches Bild soll die Ausstellung der Öffentlichkeit vermitteln, welche Aussagen stehen im Mittelpunkt, was soll die Erinnerung der Besucher an den Besuch der Ausstellung prägen? Im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster wurden die Porträtgalerie der "Akteure in Krieg und Frieden", der Raum mit den Friedensverträgen und das fulminante Ende der Ausstellung mit den großen gemalten europäischen Friedensallegorien besonders inszeniert. In Osnabrück zeichnete sich bald ab, daß neben dem dortigen sogenannten "Vertragsraum" die Stellung der Konfessionen in Krieg und Frieden sowie die Auswirkungen von Krieg und Frieden für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als zentrale Räume der Ausstellung mit gestalterischen Mitteln hervorzuheben seien.

Nach mehr als fünf Jahren gewann die gemeinsame Arbeit des Ausstellungsteams, unterstützt durch viele Kollegen aus dem In- und Ausland, konkrete Formen, das "Gesicht" der Ausstellung zeichnete sich immer deutlicher ab. Dies macht vor allem die besondere Faszination der Aufbauphase für alle aus, die an der Vorbereitung beteiligt waren und nun spüren konnten, daß jeder von ihnen einen Anteil hatte an dieser Formgebung.

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DER EUROPARATSTITEL
Nach intensiven Bemühungen von Prof. Bußmann und Dr. Arnhold erhielt die Ausstellung 1995 die Schirmherrschaft des Europarates. Sie wurde aufgrund der herausragenden - auch aktuellen - Bedeutung des Themas und der intensiven Zusammenarbeit mit den Spezialisten aus zahlreichen europäischen Ländern zur 26. Europaratsausstellung 1998 ernannt. Neben dem besonders für die Leihverhandlungen wichtigen Prestigegewinn war der Titel insofern von Bedeutung, als die "Group of Consultants" des Europarates, bestehend aus namhaften europäischen Museumsdirektoren, wie auch die in den einzelnen Ländern ernannten nationalen Kommissare die Ausstellung in allen wichtigen Fragen unterstützten.

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