WOLFGANG HARMS
Das illustrierte Flugblatt als meinungsbildendes Medium in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges*
Das Flugblatt ist neben der mehrblättrigen Flugschrift und der periodisch erscheinenden Zeitung ein wichtiger Bestandteil der Publizistik in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Es handelt sich um ein einseitig bedrucktes Einzelblatt, das oft wegen des Blickfangs und der besseren Aussagedifferenzierung mit Graphiken versehen ist, relativ schnell herstellbar und auch für breitere Schichten nicht unerschwinglich ist. Mit der Wahl unterschiedlicher ästhetischer Mittel in Wort und Bild können sehr verschiedene Ansprüche und Fähigkeiten der einzelnen Teile des Publikums erreicht werden. Das Flugblatt nimmt in der Regel in seinen Voraussetzungen und Zwecken auf eine historische Situation Bezug und wendet sich hierbei oft appellartig an den Leser. Dadurch wird besonders hinsichtlich der Einstellung zu gegenwärtigen Ereignissen eine meinungsbildende Wirkung erzeugt.

Die Publizistik, die sich in den Jahren 1619 bis 1621 für Friedrich V. von der Pfalz als König von Böhmen eingesetzt hat, wird bereits im Jahre 1621 zum Ziel öffentlicher Kritik.

Das illustrierte Flugblatt "Ambassador des Lucifers" [1], das seinen eigenen parteilichen Standort - eher lutherisch als katholisch - nicht preisgibt, weist am Beispiel der calvinistischen Publizistik auf Mängel des gesamten politischen Nachrichtenwesens der Zeit hin. Dabei wird erkennbar, daß die einzelnen hieran beteiligten Medien terminologisch nicht unterschieden werden, daß also ein Interesse daran, zwischen Zeitung, Flugblatt und Flugschrift zu differenzieren, zunächst noch gering war. Eher unterschied man nach inhaltlicher und formaler Vorgehensweise, etwa zwischen dem verunglimpfenden "Pasquill" oder "Famoslibell" einerseits und Neuigkeiten referierenden "Zeitungen" (Flugblättern oder Zeitungen) andererseits. Es handelt sich um einen Medienverbund, in dem die einzelnen Teile nach und nach Funktionsteilungen vornahmen und dabei zu anderen Medien (z.B. Lied und Theater) die Grenzen offenhalten konnten.

Dieser Verbund ist angesichts der Vielfalt der Publikationen zum böhmischen Teil des Dreißigjährigen Krieges auf eine erste große Probe gestellt: Neben den etablierten Formen der Flugschrift mit ihrer Möglichkeit zu breiterer Argumentation und Dokumentation für ein lesegewohntes Publikum und dem meist illustrierten Flugblatt mit seinen unmittelbar wirksamen appellativen und situationsbezogenen Möglichkeiten hat sich spätestens seit 1605 die periodisch erscheinende Zeitung gesellt. Diese konzentriert sich in ihren ersten Jahrzehnten auf beschreibende, weitgehend auf parteiliche Wertung verzichtende Information über Ereignisse, unter denen wiederum politische und militärische dominieren. Andere Ereignisse (z.B. Naturkatastrophen) sind dort eher nur im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Kriegsführung Gegenstand von Nachrichten.

Es ist nun bezeichnend, daß das illustrierte Flugblatt der publizistische Ort ist, an dem die Schwächen dieses Medienverbunds diskutiert werden. Die Tatsache, daß unzuverlässige Nachrichten publiziert worden sind, wird moralisch als menschliche Entgleisung ("Lügn in folio") und als Nähe und Beeinflussung durch den Teufel gebrandmarkt; beide, die unzuverlässigen Journalisten und der Teufel, hätten dasselbe Ziel, die einfache Leserschaft mit unglaubwürdigen, aber interessant erscheinenden Nachrichten in die Irre zu führen ("die armen Leute zubethören"). Mit der Behandlung dieses Themas durch diese Erklärung stehen auch erste, in Buchform geäußerte theoretische Äußerungen im Einklang - so etwa die 1676 formulierte Kritik des Publizistiktheoretikers Ahasver Fritsch an dem Vergnügen, "Neue Zeitungen zu erfinden und durch deren wahllose Verbreitung besonders einfache Menschen zu täuschen", was als Sünde gegenüber Gott, dem Staat und den Nächsten zu werten sei. Kaspar Stieler stimmt in seiner historisch, theoretisch und praktisch ausgerichteten Monographie von 1695 über das Nachrichten- und speziell das Zeitungswesen diesen und weiteren Bemerkungen Fritschs zu, wonach ein unzuverlässig informierender Journalist nicht damit entschuldigt werden könne, daß "die Welt wolle betrogen seyn" und daß eben auch auf die sensationslüsterne Form der Neugierde im breiten Publikum eine Mitschuld entfalle. Stieler verlangt vom Journalismus ein hohes Maß an Quellenkritik und damit an Zuverlässigkeit der Information; er sieht insbesondere die Zeitungen als Instrument der Vermehrung verläßlichen Wissens an und gibt nur am Rande zu, daß die von Tag zu Tag aus Zeitungslektüre entstehende "Klugheit" je "nach der Sachen Lauf" nichts Konstantes ergebe, sondern von Tag zu Tag auch wieder "eine andere Klugheit" angenommen werden müsse, die ihre Vorstufe "wiederlegen / ja verdammen" müsse. Diesen Wandel in der Einschätzung vorausgegangener und vorliegender neuer Nachrichten angemessen einzuschätzen, fällt mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges immer regelmäßiger dem illustrierten Flugblatt zu, das zugleich mehr und mehr die ältere Aufgabe der Primärinformation aufgibt. Wenn in dem Blatt "Einred vnd Antwort" [2] von etwa 1621 in Bild und Text 11 Flugblätter aus den unmittelbar vorausgegangenen zwei Jahren des böhmischen Krieges zitiert und ihre Inhalte werbend empfohlen werden, so wird der Leser auf eine parteiliche Serie von kommentierenden Wertungen einzelner Ereignisse hingewiesen. Sämtliche 12 Blätter richten sich gegen Friedrich V. von der Pfalz und rechnen mit Verständnis beim "gmain Mann", mit dem etwa der lesefähige Teil des Publikums außerhalb des Bereichs der Regierenden gemeint ist. Es soll also eine Nachdenklichkeit bei diesem Publikum nicht durch Neuigkeiten der ersten Information, sondern durch Perspektivierungen wertender Art erzeugt werden, die überzeugend erscheinen, aber nicht unparteiisch sein wollen.

Dieser breite Adressatenkreis, den das illustrierte Flugblatt mit Kommentaren zu Zeitereignissen politischer Art zu erreichen versucht, kann im Blatt selbst als ein Identifikationsangebot vergegenwärtigt werden. Ein undatiertes Blatt, das bereits den Beginn der Geldentwertung der Kipper- und Wipperzeit voraussetzt und daher wohl um 1622 erschienen ist ("Stachlichte Donnerdistel" [3]), zeigt das redende Ich des Blattes als "arm Mann", der einst wohlhabend war, "Kauffleut / Burger vnd Bawerßmann "als seinesgleichen ansah und sich mit ihnen zum "gmeinen Mann" zählte, nach wie vor Respekt vor der Obrigkeit hat, aber angesichts seiner Verarmung sich genötigt sieht, sich durch Raub am Leben zu erhalten. Hier wird eine Kommentierung des wirtschaftlichen Niedergangs der Gegenwart aus der Sicht eines redlichen, aber zu unrechtem Handeln gezwungenen Zeitgenossen vorgenommen, der selbst die Zielgruppe dieses Blatts verkörpern dürfte. Diese Perspektivierung könnte auch anderen Lesern, etwa den Repräsentanten des Staates oder Angehörigen anderer Stände, zu denken geben, aber die eigentliche meinungsbildende Leistung des Blattes liegt in der sonst raren öffentlich zugänglichen Artikulation der Notlage von Angehörigen der niederen, neuerdings verarmten Stände. In vergleichbarer Weise stellt sich auch ein anonymer, ebenfalls keinem Territorium und keiner Konfession zugeordneter "Gemein Mann" auf dem Flugblatt "CVRRVS CVRSVS MVNDI" [4] dar. Er steht als wehrloses Opfer widerstreitender Mächte in einer in Unordnung befindlichen Welt. Daß das Blatt neben einem auf einfache Weise eine plausible Klage darlegenden deutschen Text auch einen anders akzentuierenden, anspielungsreichen lateinischen aufweist, zeigt, daß es deutlich auch unter gelehrten Lesern und damit potentiell auch im Umkreis der Herrschenden die Adressaten seiner Vorwürfe und Ratschläge sucht.

Eine Beziehung zwischen einer bestimmten politischen Situation und der Abgehobenheit des Handelns der politisch führenden Personen einerseits und der ohnmächtigen Situation und Perspektive derer, die sich als bloße Objekte der Mächtigen verstehen andererseits, machen zwei Blätter in Wort und Bild anschaulich: Das niederländische Blatt "Het Vorstlijck Raffel-spel om Schencken-Schants" [5] von 1636 stellt aus der protestantischen Sicht eines bestimmten Territoriums die europäischen Mächte als Spieler eines Würfelspiels dar, in dem es derzeit um das Gewinnen der Schenkenschanze bei Kleve geht. Die Potentaten äußern sich zu ihren Chancen in der Auseinandersetzung, die die Grenzen zwischen Spiel und Politik verwischt; nur die Bauern, die unter dem Spieltisch verborgen liegen, sich von allen anderen bedrängt sehen und klagend nach Rache rufen, erhalten weder Antwort noch Unterstützung. Ähnlich legt das nach 1643 verfaßte Blatt "Groß Europisch Kriegs-Balet" [6] mit seinem Bildfeld den Verdacht nahe, daß im politischen Geschehen Europas Verantwortungslosigkeit und Ziellosigkeit herrschen; wie beim Spiel um die Schenkenschanze sind die Potentaten hier beim Tanz unter die Perspektive derer gerückt, die unter den Zeitumständen leiden und vergeblich nach einem verantwortungsvollen Politiker suchen, der sich ihrer Not annimmt. In beiden Fällen führt allein schon die Wahl dieser Perspektive zu einem ungewohnten Kommentarinhalt, wie er sich in Zeitungen der Zeit so nicht findet. Auch im illustrierten Flugblatt ist unter seinen vielen parteilichen Kommentierungen die Wahrnehmung der Sicht der Machtlosen eher die Ausnahme; dennoch gewinnt dieses Medium eine Möglichkeit, das Spektrum der artikulierbaren Positionen zu erweitern, und macht so jenseits aller Haupt- und Staatsaktionen auch den normalen, in seinem Selbstverständnis schwer dokumentierbaren Zeitgenossen vorstellbar. Dies gilt wie im politischen Bereich so auch hinsichtlich der konfessionellen Auseinandersetzungen: Das wohl um 1619 erschienene Blatt "Geistlicher Rauffhandel" [7] stellt den handgreiflich streitenden Repräsentanten der drei Konfessionen - Papst, Luther und Calvin - die Hoffnungen der "Einfalt" gegenüber, die in Gestalt eines betenden Schäfers für die Gesamtheit der christlichen Zeitgenossen außerhalb der politischen und konfessionellen Führerschicht steht; im Sinne des längst vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges einsetzenden Irenismus wird dem Konfessionsstreit eine Absage erteilt und als wichtigere Aufgabe die Suche nach den Gemeinsamkeiten im Sinne des Urchristentums erkannt.

Zu breiter Kritik an der Obrigkeit selbst stiftet das Flugblatt in seinen parteilichen Darstellungen auch dann nur selten an, wenn es um einen Monarchen der politischen Gegenseite geht. Die vernichtend spöttische Kritik an Friedrich V. von der Pfalz als König von Böhmen ist ein seltenes Gegenbeispiel. Wenn Kritik am Kaiser intendiert ist, dann wird nicht er selbst, sondern seine Ratgeber (Jesuiten) oder Heerführer angegriffen. Dann allerdings zögert die persuasive Rhetorik des Flugblatts nicht, Feindbilder negativster Konnotation zu erzeugen, nicht zuletzt mit einer konkret in Bild und Text vorgenommenen Verteufelung des Gegners.

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Die Artikulation sich bildender Meinungen oder erste Schritte auf dem Wege zu künftigen Meinungen leistet das illustrierte Flugblatt gelegentlich auch innerhalb von Machtzentren. Das in schwierigem Latein verfaßte, im Text hochartifiziell gestaltete Blatt "Triga heroum" von 1632 stellt Luther - flankiert von Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen und König Gustav II. Adolf von Schweden als den Beschützern der wahren Lehre - dar. [8] Der Verfasser Abraham Lehmann ist Hofprediger und des sächsischen Heerführers Johann Georg von Arnim (Arnheim) Feldprediger und nennt sich mit vollem Namen. Die Schwierigkeit des Textes engt den Adressatenkreis auf Gelehrte ein, die erkennbare politische Strategie auf Politiker vorrangig am sächsischen Hof. Der auf "laudatio" (Lob) und "persuasio" (Überredung und Überzeugung) angelegte Text gibt die Gründe dafür an, daß die im Bild dargestellte ideale Situation notwendig auch real herbeizuführen ist. Der sächsische Kurfürst wird in eine von ihm bisher abgelehnte, hier aber als äußerst rühmlich dargestellte Konstellation mit Mitteln hineinkomplimentiert, die dem literarischen Genus der Panegyrik oder der Tätigkeit des Hofpredigers gleichermaßen entnommen sind: Der Herrscher wird für eine Position oder Tätigkeit gelobt, die er noch nicht wahrnimmt, aber wahrnehmen sollte; das Lob antizipiert die vom Verfasser erhoffte Tat. In diesem Flugblatt geht es darum, Johann Georg als dem Schwedenkönig gleichrangig hinzustellen, um die Fortsetzung und Verbesserung schwedisch-sächsischen gemeinsamen militärischen und politischen Handelns zu propagieren.

Innerhalb der aspekt- und argumentationsreichen proschwedischen Publizistik um Gustav Adolfs Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg finden sich wiederholt suggestiv angelegte, um Vertrauen werbende Blätter, die dazu geeignet waren, nicht nur meinungsbildende, sondern speziell auch meinungsändernde Wirkung zu erzeugen. So ist etwa das Blatt "Schwedischer Hercules" um 1630 darauf angelegt, Gustav Adolf als eine lautere, Vertrauen verdienende Helferfigur zu verstehen, die in allen Taten von Gott selbst gelenkt wird und gegenüber den eigenen Anhängern überzeugend handelt. [9] Wehrlose Fromme, denen das als Antichrist vergegenwärtigte Papsttum die Kirche (oder die Religionsausübung) nimmt, empfangen ihn als Retter, der im Begriff ist, Nattern- und Otterngezücht zu zertreten. Man blickt in sein offen zugängliches Herz, in das die Linien der Wege des göttlichen Worts führen, und von dem seine Rede ihren Ausgang nimmt zu denen, die seine Anhänger sind und sein werden. Die Kombination, die Gustav Adolf als Garanten von Vertrauen und Macht in einer religiös ausgerichteten Retter- und Beschützerrolle zeigt, ist auf Flugblättern vielfach variiert worden. Ihre Wirkung wurde u.a. auf dem katholischen Blatt "Vlmer Wehklag vnd Augspurgische Warnung" in Form einer Klage der Gegenpartei und daher glaubwürdig bezeugt. [10] Nach dem Tod Gustav Adolfs blickt das Blatt auf dessen Überschätzung auch unter Katholiken zurück; für einen Gott habe man ihn gehalten, und als Heiligen habe ihn mancher gläubige Katholik angerufen:

"Ich sags vnd ist nur gar zu wahr /
Die Weber vnd ein jeder Narr
Sein Bildniß hett an der Kammer Thür /
Vnd betteten: Lieber Schwed hilff mir."

Dabei wird offenbar auf Flugblätter wie das Blatt "Salutatio quotidiana" [11] Bezug genommen, das in Analogie zu Heiligenbildern die tägliche Betrachtung des Verehrten nahelegt und deutsche und lateinische Gebetstexte anbietet. Bei der offenkundigen Wirkung eines solchen Blatt-Typs muß die Wirkung der gesamten Publizistik gleichen Ziels mit berücksichtigt werden. Hierzu gehört auch die scheinbar verhaltene Botschaft von Flugschriften, die nach der Landung von 1630 lediglich die Texte von Gebeten aufführen, die täglich im schwedischen Heer gebetet würden; es waren geringe Teile eines aus Flugblättern und Flugschriften zusammengesetzten Mosaiks, aus dem sich relativ schnell ein parteiliches, dabei aber attraktives und überzeugendes Bild des Schwedenkönigs ergab. Dieses konnte dann sogar dazu führen, daß nach seinem völlig unerwarteten Tod bei Lützen einerseits die Todesmeldungen verzögert und durch harmlose oder sogar erfreulich klingende Meldungen ersetzt wurden und andererseits bei der Mitteilung der vollen Wahrheit im Zeitungstext selbst oder in Form von beigefügten Extrablättern jede Neutralität oder Nüchternheit sonstiger Zeitungsmeldungen aufgegeben wurde und eine emotionale und emotionalisierende Verherrlichungs- und Trauerkundgabe in dieses Medium vom Flugblatt her übergriff.

Die Vielfalt der Strategien, mit denen die Überredungs- und Überzeugungskraft der Flugblätter intendiert und diese auch tatsächlich propagandistisch wirksam wurden, ist hier nur angedeutet worden. Die meinungsbildenden Leistungen des illustrierten Flugblatts im Dreißigjährigen Krieg können als Propaganda im weiten Sinne verstanden werden. Es geht um Veränderung oder Festigung von Auffassungen in Territorien, in Ständen, bei einzelnen Personen. Neben einer Wirkung auf politische Standpunkte oder Zuordnungen kann auch eine religiöse "propaganda fidei" und eine meist von Teilbereichen ausgehende Arbeit an weltlichen Wertvorstellungen zu den meinungsbildenden Leistungen des Flugblatts gehören. Das ganze Spektrum zwischen zurückhaltend vorgetragener Feststellung fingierter oder realer Sachverhalte über einfach dargelegte religiöse Inhalte bis hin zu dringenden Appellen und suggestiven Erwartungshaltungen wäre erst dann voll erkennbar, wenn eine systematische Rhetorik des Flugblatts erarbeitet wäre, die über vorliegende Ansätze hinauszugehen hätte.

Hierbei wäre dann mitzubeachten, daß ein großer Teil der religiösen oder erbaulichen Blätter der Zeit des Dreißigjährigen Krieges verbirgt, zu welcher Konfession die Verfasser gehören und ob als Adressaten nur Anhänger einer bestimmten Konfession angesehen werden. So zeigt etwa das Blatt "Querimoniae graves" [12], in welchem Ausmaß während des Dreißigjährigen Krieges in einem religiösen Blatt auf das Hervorheben von Inhalten, die zwischen den Konfessionen als kontrovers angesehen wurden, verzichtet werden konnte. Derartige Angebote, die einer überkonfessionellen Stärkung von religiöser Orientierung dienen, wirken an meinungsbildenden Prozessen mit, gerade auch hinsichtlich der Begrenzung der Wirkung konflikterzeugender oder -steigernder Blätter, die keine persuasive Wirkung auf Andersdenkende zu leisten vermögen.

Zu den meinungsbildenden Blättern, die vor allem wertstabilisierend wirkten, zählte auch die Mehrzahl der vielen moralischen Blätter. An ihrer Verbreitung dürfte während des Dreißigjährigen Krieges in Not geratenen, ratlos gewordenen Bevölkerungsteilen (wie im oben genannten Fall des "Stachlichte Donnerdistel"-Blattes) gelegen gewesen sein, daneben spricht einiges dafür, daß die Obrigkeit an publizistischen Beiträgen wertstabilisierender Art Interesse gezeigt hat.

Auch alle weiteren, über Politik und Krieg hinausreichenden Ereignisse, die in Zeitungen gemeldet wurden und Furcht und Ratlosigkeit oder einfach Unklarheit nach sich ziehen konnten, führten zu dem Verlangen nach Erklärungen, von denen nicht nur Erläuterungen natürlicher Ursachen, sondern auch ebenso intensiv sinngebende Einordnungen in den von Gott bestimmten Wettlauf erhofft wurden. In diesem Sinne leistet ein Augsburger Blatt eine tröstliche Einordnung einer Feuersbrunst und der ihr folgenden Not im Jahr 1620 [13], oder leistet wiederum ein Augsburger Blatt im Jahr 1621 eine Erklärung von Himmelserscheinungen aus christlichem Weltverständnis [14]. Daß vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges ein Komet erschien, bestärkte erneut den schon nachlassenden Aberglauben, daß Kometen Kriege anzeigen. Zu einem europäischen publizistischen Ereignis ersten Ranges gab der Vesuvausbruch vom Dezember 1631 Anlaß. Vom Lehrgedicht bis zur Flugschrift sind neben einer Vielfalt von beschreibenden auch viele physisch und prognostisch erklärende Schriften erschienen. Naturerscheinungen dieser Art wurden oft auch dann, wenn das Flugblatt erhebliche beschreibende und sachlich erklärende Leistungen enthält, mit einer gebetartigen oder moralischen Wendung versehen, die den Betrachter zur Buße oder zu moralischer Besserung anleiten will, so etwa zum Vesuvausbruch das Blatt "Warhaffter Bericht". [15] Diese meinungsbildenden Teile in illustrierten Flugblättern zu Naturphänomenen (auch der Astronomie, Medizin, Zoologie, Botanik) wirkten auf des Menschen Selbsteinordnung in der Welt ein, konnten indirekt auf seine Furcht oder seine Hoffnung, auf seine Unsicherheit oder auf seine Orientierung Einfluß nehmen und auf diese Weise mittelbar auch seine politische Meinung berühren.

In dem Blatt "Der Schildkröten Politische Natur vnd Eygenschafft" von 1621 liegt eine Deutung eines Teils der Natur vor, die nur scheinbar zu überzeitlichen Aussagen führt. [16] Bild und Text stellen das Verhalten der Schildkröte bei Sonne und Regen gegenüber; ihr wetterwendisches Verhalten wird als Zeichen der Heuchelei verstanden. Daraus wird als Aussage an den Leser die Aufforderung abgeleitet, daran zu denken, daß jedes Fehlverhalten aufgedeckt werde, und daher auf opportunistisches Verhalten zu verzichten. Das könnte man als einen allgemeinen Beitrag zur Stabilisierung von Werten und als Arbeit an der Grundlage von Meinungsbildung aller Art verstehen. Es könnte sich aber auch - je nach historischer Situation der Wahrnehmenden - um eine Anleitung zum rechten politischen Verhalten in einer speziellen Lage handeln, etwa für die unterlegenen Anhänger des Böhmenkönigs Friedrich. Es wäre dann als Aufforderung zum Festhalten an einmal gefaßten politischen Meinungen oder Positionen zu verstehen. Da werden diese Meinungen mit dem Vorzug verbunden, daß sie in Einklang mit anerkannten moralischen Wertvorstellungen stehen. Dieses ist charakteristisch für die häufigen Versuche des illustrierten Flugblatts, Meinungen zu neueren Ereignissen herzustellen, zu festigen oder zu korrigieren.

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ANMERKUNGEN

*Bibliographische Sammelnotiz: Adam 1990; Bangerter-Schmid 1986; Blühm 1982; Bohatcová 1966; Brednich 1974; Coupe 1966/67; Hänisch 1993; Hagelweide 1969; Harms 1980ff.; Ausst. Kat. Coburg 1983; Harms 1985; Harms 1987; Harms 1992; Lahne 1931; Leonhardt 1996; Schilling 1985; Schilling 1990; Tschopp 1991; Tschopp 1996; Weber 1992; Weber 1994; Zschoch 1994.
1."Ambassador des Lucifers", o.O. 1621, abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., IV, 127; vgl. mit ähnlicher kritischer Tendenz auch "Hie staht der Mann vor aller Welt", o.O. 1621, abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., IV, 13; "Der Bot mit den Newen Zeitungen", abgebildet und kommentiert in Ausst. Kat. Coburg 1983, Nr. 3 und "New außgebildeter jedoch wahrredenter [...] Auffschneider", Nürnberg o.J. (um 1650), abgebildet und erläutert bei Schilling 1990, Abb. 42 mit S. 135f.
2."Einred vnd Antwort / Das ist: Ein Gespräch deß Zeitungschreibers mit seinem Widersacher", o.O. (1621?), abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., II, 188.
3."Stachlichte Donnerdistel. Oder Dieser gegenwertigen Zeit Weltlauff", o.O. o.J. (1622?), abgebildet und erläutert bei Harms 1987, Abb. 11 mit S. 91f.
4."Cvrrvs cvrsvs mvndi Der Welt Lauff", o.O. (Nürnberg?) o.J. (ca. 1620/1635), abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., I, 55.
5."Het Vorstlijk Raffel-spel om Schencken-Schants", o.O. o.J. (1636), abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., II, 309.
6."Groß Europisch Kriegs-Balet / getantzet durch die Könige vnd Potentaten / Fürsten vnd Respubliken / auff dem Saal der betrübten Christenheit", o.O. o.J. (ca. 1643/1645), abgebildet und kommentiert in Ausst. Kat. Coburg 1983, Nr. 100.
7."Geistlicher Rauffhandel", o.O. o.J. (um 1619), abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., II, 148.
8."Triga Heroum Invictissimorum pro veritate Verbi Dei et Augustanae Confessionis [...]", o.O. (Dresden?) 1632, abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., II, 271.
9."Schwedischer Hercules, das ist Trost und Frevd der Frommen", 1630, abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., II, 222.
10."Vlmer Wehklag vnd Augspurgische Warnung. Dialogus oder Gespräch zwischen Vlm / Augspurg vnd König in Franckreich", o.O. o.J. (um 1633?), nach Coupe 1966/67, Nr. 338 mit S. 78.
11."Salutatio Quotidiana Intuentis Regiam Effigiem Täglicher Gruß In Anschawung Deß Königlichen Bildnuß", o.O. o.J. (um 1630/1632), nach Coupe 1966/67, Nr. 297 mit S. 78.
12."Querimoniae graves: piae et justae Das ist [...] Klag", Straßburg o.O. (um 1620/1647), abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., III, 5. Überkonfessionell sind auch viele erbauliche Blätter angelegt, die der führende Verleger illustrierter Flugblätter, Paul Fürst in Nürnberg, anbietet, u.a. das Blatt "Wer in der Zeit der noth", o.O. (Nürnberg) o.J. (um 1650), abgebildet und erläutert bei Bangerter-Schmid 1986, Abb. 30 mit S. 127.
13."Ein warhafftige vnd Erbärmlich geschicht / von einer grewlichen Fewers not", Augsburg 1620, abgebildet bei Brednich 1974, Abb. 128.
14."Ein Warhafftige vnd doch erbärmliche newe Zeitung", Augsburg 1621, abgebildet bei Brednich 1974, Abb. 94.
15."Warhaffter Bericht / vnd eigentliche Contrafactur der erschröcklichen Erdbidem", Augsburg o.J. (Anfang 1632), abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., I, 213.
16."Der Schildkröten politische Natur vnd Eygenschafft", o.O. 1621, abgebildet und kommentiert bei Harms 1980ff., II, 191.

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