STEFAN HANHEIDE
Kompositionen zum Westfälischen Frieden

I. Zur Tradition von Friedensfeiermusiken

Der Abschluß eines politischen Friedens gab seit jeher Anlaß für musikalische Kompositionen. In Zeiten absolutistischer Herrschaft war damit die Huldigung an denjenigen Herrscher verbunden, der den Frieden herbeigeführt hatte. In aller Regel war dieser auch als Sieger aus der dem Frieden vorausgegangenen Schlacht hervorgegangen. Als die populärste Komposition dieser Art läßt sich Händels "Music for the Royal Fireworks", seine Feuerwerksmusik nennen, komponiert zur Feier des Friedens von Aachen 1748, der den Österreichischen Erbfolgekrieg beendete. Aber schon im Hundertjährigen Krieg gab es solche Kompositionen, auf englischer Seite zum Beispiel von John Dunstable. Im 15. und 16. Jahrhundert läßt sich eine Fülle von Kompositionen zu Friedensabschlüssen sowie anläßlich von Zusammentreffen von Potentaten zu Verhandlungen nachweisen. Sehr häufig handelt es sich dabei um Auftragskompositionen der jeweiligen Hofkapellmeister. Als wichtigste Komponisten seien Guillaume Dufay, Jacobus Obrecht, Loyset Compère, Heinrich Isaac, Cristobál de Morales und Orlando di Lasso genannt. [1] Spuren dieser Tradition finden sich bis ins 20. Jahrhundert: So vergab der Schweizer Rundfunksender Radio Genf 1944 einen Auftrag an den Schweizer Komponisten Frank Martin, ein Werk für das bevorstehende Kriegsende zu komponieren, woraus dann das Oratorium "In terra pax" entstand. [2] Und auch Benjamin Brittens "War Requiem", von seiner Gestalt her eine Kriegsklage, entstand als Auftragswerk der BBC zur Einweihung der von deutschen Bomben zerstörten und neuerbauten Kathedrale von Coventry.

So ist verständlich, daß auch der Westfälische Frieden die musikalische Produktion angeregt hat. Aber nicht erst nach seiner Verkündigung, sondern schon zu etlichen Anlässen während des Dreißigjährigen Krieges entstanden Feier- und Huldigungskompositionen. Chronologisch am Beginn der Reihe kriegsbezogener Kompositionen stehen zwei Werke von Heinrich Schütz (1585-1672) aus dem Jahre 1621. Als der sächsische Kurfürst am 3. November des Jahres die Huldigung der schlesischen Stände stellvertretend für Kaiser Ferdinand II. in Breslau empfing, nahm Johann Georg I. seinen Hofkapellmeister Schütz und die Hofkapelle zu den Feierlichkeiten mit. Schütz komponierte zu diesem Anlaß zwei Werke in lateinischer Sprache, in deren textlichem Mittelpunkt der gegenwärtige Krieg und der erwartete Friede stehen. Die erste Komposition, das "Syncharma musicum" [3], verehrt den Kurfürsten als Bringer der Gaben des Friedens. In der zweiten Komposition [4], deren Bezug zu der Huldigungsfeier die Schütz-Forschung nur als wahrscheinlich darstellt [5], heißt es am Anfang: "Dunkle Gefahren belasten so lange schon Deutschland". In die einzelnen Textglieder ist rondoartig immer wieder der Vers "Holdester Friede, von dir komme uns tausendfach Freud!" hineingearbeitet. In diesen beiden frühen Kompositionen ist von dem großen Leid und Unheil, das der Dreißigjährige Krieg mit sich bringen wird, noch nicht viel zu spüren. Es sind politische Huldigungskompositionen, in denen die aktuellen Ereignisse um Krieg und Frieden mit hineinspielen.

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II. Königsberger Friedenskompositionen

Der Königsberger Kantor und kurfürstlich brandenburgisch-preußische Kapellmeister Johann Stobaeus trat 1630 mit zwei Kompositionen zum Waffenstillstand zwischen Polen und Schweden hervor, die bei Lorentz Segebad in Königsberg gedruckt wurden. Die erste ist betitelt: "Lob- unnd Danck Lied Dem grossen Gott zu schuldigen Ehren, daß er seinen gerechten Zorn wegen des erbärmlichen Kriegswesens nunmehro von diesem Lande und dessen Einwohnern in allen Gnaden so fern abgewendet, durch den zwischen beyden Königreichen Pohlen unn Schweden getroffenen und confirmirten sechsjährigen Stillstand[...]", die zweite Komposition lautet: "Ein anderes auf denselben von Gott gnädigste verliehenen sechsjährigen Stillstand". Als Dichter der sechs- und fünfstrophigen Texte ist "G. W." vermerkt, womit Georg Weissel gemeint sein dürfte, eines der Mitglieder des Königsberger Dichterkreises, deren Texte von Stobaeus häufig vertont wurden. Bei dem sechsstimmigen polyphonen Satz handelt es sich um eine Choralbearbeitung mit der Kirchenliedmelodie in der Oberstimme, im ersten Falle ist es "Herzlich tut mich verlangen". 1635 schuf Stobaeus ein Werk gleicher Art aus Anlaß des Waffenstillstands von Stuhmsdorf zwischen Polen und Schweden, das er "Preußisches Alleluja" nannte. Gedruckt wurde es bei Georg Rheten in Danzig. [6] Wie schon anläßlich des vorigen Waffenstillstands aus dem Jahre 1630 schuf Stobaeus auch zum Waffenstillstand von Stuhmsdorf zwei voneinander unabhängige Motetten, von denen nur der erste Teil erhalten ist. Wiederum handelt es sich um eine sechsstimmige polyphone Choralbearbeitung, diesmal auf die Melodie "Ach Gott, tu dich erbarmen", mit sechs Strophen. Es ist davon auszugehen, daß Stobaeus diese Werke im Auftrag des Rates der Stadt Königsberg oder der preußischen Landesregierung schuf. [7] Alle drei Sätze publizierte Stobaeus ein zweites Mal in der von ihm 1642 und 1644 herausgegebenen Sammlung "Preußische Festlieder". Darin veröffentlichte er Sätze seines Lehrers Johann Eccard, die er um eigene, im gleichen Geiste des späten 16. Jahrhunderts verfaßte Werke vermehrte. Stobaeus vertritt vor allem durch den Verzicht auf den Generalbaß und auf konzertierende Elemente den älteren Stil. Fortschrittlicher, wenn auch weniger kunstvoll, erscheint dagegen eine Komposition zum gleichen Anlaß von seinem Kollegen, dem Königsberger DomorganistenHeinrich Albert. Er schrieb eine zweistimmig homophone "Aria" mit Generalbaß auf einen von ihm selbst gedichteten siebenstrophigen Text mit dem Titel: "Lob der Könige. Nach erhaltenem Frieden in Preußen". [8]

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III. Musik zu den Nürnberger Friedensexekutionstraktaten

Nürnberg gehört zusammen mit Hamburg, Leipzig und Dresden zu den führenden Musikzentren im Deutschland des 17. Jahrhunderts. Die Stadt kann innerhalb von vier Generationen durchgängig namhafte Musiker aufweisen: Zur ersten Generation gehören Hans Leo Hassler (1564-1612), der sich in Italien ausbilden ließ, und Johann Staden (1581-1634); Staden ist Lehrer seines Sohnes Sigmund Theophil (1607-1655), Johann Erasmus Kindermann (1616-1655) und David Schedlich (1607-1687), die dritte Generation vertreten die Kindermann-Schüler Schwemmer, Wecker und Lunssdörffer, in der vierten Generation erscheint wiederum als Schüler der letzteren Johann Pachelbel, von dem aus die Lehrtradition zu Johann Sebastian Bach weist. Trotz gravierender Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf die Stadt blieben die Musiker in ihren Anstellungen. Musikalische Kultur war der Stolz und das Aushängeschild der alten Bürgerstadt Nürnberg. Besonders nach 1635, als die gravierendesten Kriegs- und Pestjahre für die Stadt an der Pegnitz vorüber waren, erhielt die bürgerliche Musikpflege neuen Aufschwung. Einen gewichtigen Anteil an dieser Entwicklung nahmen die erneuerten oder neugeschaffenen "Musikkränzchen". Vor allem in dem "Pegnesischen Blumenorden", den die Dichter Harsdörffer und Klaj gegründet hatten, spielte die Musik eine wichtige Rolle. Sigmund Theophil Staden, Organist an St. Lorenz, veranstaltete 1643 ein "großes historisches Konzert" und trat 1644 mit dem allegorischen Singspiel "Seelewig" hervor. Dieses älteste erhaltene deutsche Musiktheaterwerk wurde in Harsdörffers "Frauenzimmer Gesprechsspiele" zuerst veröffentlicht.

So steht es in der Tradition der Stadt, daß auch die Feiern zum Westfälischen Frieden mit großem musikalischem Aufwand begangen wurden. Ein Bericht über ein Friedensbankett am 25. September 1649, der sich in einer handschriftlichen Quelle in Stockholm erhalten hat, gibt davon einen Eindruck. Anlaß war die Anwesenheit Karl Gustavs, des schwedischen Feldmarschalls und späteren schwedischen Königs, in der Reichsstadt. An der musikalischen Umrahmung des Bankettes nahmen insgesamt 43 Musiker teil, die sich auf vier Chöre aufteilten. Hinzu kamen vier Kalkanten, die die Luftbälge der vier Orgeln traten, und vier Aufseher. In jedem Chor wirkten neben den Sängern der verschiedenen Stimmlagen auch Instrumente und die obligatorische Continuo-Gruppe mit. Im ersten Chor hatten die Sänger das Übergewicht, im zweiten waren acht Violinisten vorherrschend, der dritte Chor setzte sich vor allem aus Posaunen und Harfen zusammen, und im vierten prägten Dulzian und Fagott die Klangfarbe. Die Gesamtleitung lag in den Händen von Sigmund Theophil Staden. Von dieser Veranstaltung schuf Joachim von Sandrart ein Gemälde in Öl [9], nach dem zahlreiche Stiche angefertigt wurden. Auf diesen Abbildungen sind die vier Chöre in den vier Ecken des Saales deutlich zu erkennen [10], vorne rechts zeigt sich Sigmund Theophil Staden als Gesamtleiter vor dem ersten Chor stehend (Abb. 1). Die aufgeführte Musik war meistenteils von Nürnberger Musikern komponiert worden. Beim Einzug der Potentaten erklang ein dreiundzwanzigstimmiges "Herr Gott, dich loben wir" des Hl.-Geist-Organisten David Schedlich, der als Organist des dritten Chores mitwirkte. Nach dem Gebet folgte ein zweiundzwanzigstimmiges "Laudate Dominum" eines mit "M.A." bezeichneten Komponisten, dessen Initialen nicht entschlüsselt werden können. [11] Die nun folgenden Vokalwerke wechselten jeweils mit instrumentalen Geigenstücken ab, deren Komponisten ungenannt blieben. Vokaliter erklang ein "Ihr Himmel, lobet den Herrn" von Staden, worauf ein dreichöriges "Te Deum laudamus" von Georg Walch gesungen wurde, der als Bassist im ersten Chor mitwirkte. An nächster Stelle ist ein "Gloria in excelsis Deo per Choros. auth: Giov: Rovettj" verzeichnet. Bei dem Komponisten dürfte es sich um Giovanni Rovetta handeln, den Kapellmeister von San Marco in Venedig, dessen gedruckte Werke in zahlreichen Auflagen verbreitet waren. Eine Verbindung zu diesem venezianischen Meister war kurz zuvor durch den Nürnberger Musiker Paul Hainlein (1626-1686) geknüpft worden. Hainlein befand sich auf Betreiben seines "Patrons" Lukas Friedrich Behaim 1647 und 1648 zu musikalischen Studien in Venedig und an anderen Orten Norditaliens. Dort stand er auch in Kontakt zu Rovetta. In den Briefen, die Hainlein an Behaim schrieb, ist von einem direkten Lehrer-Schüler-Verhältnis allerdings nicht die Rede. Hainlein schrieb auch Briefe an Sigmund Theophil Staden, in denen er von seinen Italien-Erfahrungen berichtete. Diese Briefe sind jedoch nicht erhalten. [12] Bei dem hier vorgestellten Musikprogramm zum Nürnberger Friedensbankett (Abb. 2) spielte Paul Hainlein, ebenso wie sein Vater Sebastian, die Posaune. Die Hainleins waren angesehene Nürnberger Trompeten- und Posaunenmacher. Als letztes Werk des Musikprogramms nennt die Quelle den 150. Psalm "Lobet den Herrn inn seinem Heyligthumb" von Sigmund Theophil Staden. [13] Hierbei könnte es sich um dieselbe vierzigstimmige Komposition handeln, die bei dem erwähnten historischen Konzert von 1643 erklungen war. Alle bei dem Friedensbankett 1649 aufgeführten Werke müssen als verloren oder nicht mehr eindeutig identifizierbar gelten.

1650 ließ der Nürnberger Egidien-Organist Johann Erasmus Kindermann eine Sammlung mit dem Titel "Musicalische Friedensfreud" drucken. Das Werk besteht aus vierzehn Einzelgesängen zu drei bis zehn Strophen. Die Dichtungen der ersten acht Sätze stammen von Johann Vogel, Rektor zu St. Sebald, die weiteren Texte von Johann Klaj, Pfarrherr zu Kitzingen. Die Gedichte des letzteren waren zuerst in dessen Sammlung "Schwedisches Fried- und Freudenmahl zu Nürnberg den 25. des Herbstmonates im Heiljahr 1649[...]" erschienen, wodurch der Bezug zum oben beschriebenen Friedensbankett aufgezeigt ist. Johann Vogels Gedicht Nr. 3 war in seinem Werk "Meditationes Emblematicae De Restaurata Pace Germaniae" 1649 erschienen. Zu allen 14 Texten sind in Kindermanns Sammlung bekannte Kirchenmelodien angegeben, eine sehr häufig anzutreffende Verfahrensweise. Sie läßt darauf schließen, daß die Texte auch zum gesanglichen Gebrauch breiterer Bevölkerungsschichten, etwa einer Gemeinde, gedacht waren. Auch Klajs Textdruck der Gedichte verzeichnet schon die Angabe von Kirchenliedmelodien. Während die Texte Vogels noch stärker den vergangenen Krieg beleuchten, sind Klajs Gedichte ganz von der gegenwärtigen Friedensfreude erfüllt. Kindermann hat diese Texte dann für eine und zwei Gesangsstimmen und Generalbaß neu vertont und den einzelnen Stücken Sinfonias und Ritornelle für zwei Violinen und Baß hinzugefügt, die zwischen den Gesangsteilen, in einem Falle auch gleichzeitig musiziert werden sollten.

Die Funktion der Sammlung ist aus der Widmung klar zu entnehmen. Indem die Teilnehmer der Friedensexekutionsverhandlungen namentlich angesprochen sind - Pfalzgraf Karl Gustav, Albert, Markgraf zu Brandenburg, Christian August, Carl Gustav Wrangel, Alexander Erskein und Benedict Oxenstierna - und auch auf die Versammlung selbst hingewiesen wird, ist ersichtlich, daß Kindermann seine "Friedensfreud" zur musikalischen Umrahmung dieser Verhandlungen komponiert hat. [14] Der Druck dieser Komposition wurde 1650 in den Messekatalogen der Frühjahrsmessen in Frankfurt und Leipzig angezeigt. [15]

Ein ebenfalls für die Nürnberger Verhandlungen komponiertes Werk ist Sigmund Theophil Stadens Sammlung "Musikalische Friedensgesänge", die 1651 von Michael Endter in Nürnberg verlegt wurde. [16] Sie besteht aus zwölf Teilen, die teilweise in sich wieder mehrteilig sind. Manche Teile haben bis zu sechs Strophen. Besetzt ist die Sammlung mit drei Singstimmen - zwei Sopranen und Baß - und drei Instrumenten: in der Regel zwei Violinen und Viola. Als Alternative zu den Streichinstrumenten sind in einigen Teilen Blasinstrumente angegeben - Pommer, Schalmei, Fagott, Posaune, aber auchFlöte und Harfe. Die Texte sind, wie das Titelblatt ausweist, "Von underschiedlichen berümbten Poëten gedichtet". Drei Teile tragen im Druck ein Monogramm, aus dem auf den Dichter geschlossen werden kann: Am Ende des vierten Teils deutet das Monogramm "G.P.H." auf Georg Philipp Harsdörffer, die Buchstaben "J.K." am Ende des fünften Teils weisen auf Johann Klaj hin, die Initialen "A.S." am Ende des siebten Teils könnten für Adam Staden, den Bruder Sigmund Theophils stehen, der mit Lieddichtungen hervortrat.

Der erste Teil der Komposition richtet sich an den Kaiser und ist betitelt "Friedens=Freude der drei Hauptströme des H. Reichs Donaw / Elbe und Rhein". In drei Abschnitten treten die Flüsse einzeln hervor, zunächst einstimmig, im dritten Teil dreistimmig, eingeleitet und unterbrochen von instrumentalen Ritornellen; beim abschließenden Höhepunkt treten die Instrumente zu den drei Stimmen hinzu. Die beiden ersten Abschnitte münden in den Ruf "weil Ferdinand bringet den Frieden zustand", am Ende des dritten heißt es: "dem Kaiser zu Ehren, der Deutschland gesetzet in friedlichen Stand".

Der zweite Teil richtet sich "An die Königin" und lautet "Lied der Bellona / Nice und Irene / wie es von einem hohen Gen: gestellt und angegeben". Bellona ist die römische Kriegsgöttin, Nike personifiziert in der griechischen Mythologie den Sieg, und Irene steht im Griechischen für Frieden. Der Text des Liedes der Irene lautet: "Oh schöner Friedensstern, du strahlest weit und fern, und kriegst den Ruhm der Friedenszeit zu Lohne. Die ganze Welt wird fröhlich über dir, umb daß sich deinetwegen, der Krieg muß wider legen, und Mars die Brust entwappnet für und für". Die drei einstimmigen Gesänge werden von kurzen instrumentalen Stücken, die "Sonata" genannt sind, eingeleitet. Für diesen zweiten Teil der Sammlung sind im Druck die oben genannten Blasinstrumente als Alternative zu den Streichern angegeben und ihrem Klangcharakter entsprechend der jeweiligen Person zugeordnet. Für das Lied der Bellona schlägt Staden Blechblasinstrumente und Pommern vor, für das Lied der Nike Schalmeien und für das Lied der Irene Flöten und eine Harfe (Abb. 3).

Der dritte Teil der Sammlung ist überschrieben: "Friedensauffzug. & c. Carolo Gustavo Com: Palat: (Bey dessen Schaugerichten des Friedens-Panquets abgesehen) Fama, Victoria, Concordia. Mit drei Discänden gesungen." Zunächst singt Fama, die römische Personifizierung des Ruhmes, danach die Siegesgöttin Victoria und anschließend Concordia, die Verkörperung der Eintracht. Diese schließt ihre drei Strophen jeweils mit dem Votum: "Einigkeit machet nach feindlichen Streiten eiserne Jahre zu guldenen Zeiten." Danach singen die drei Protagonistinnen gemeinsam von den vier Planeten, womit Saturn, Jupiter, Mars und Merkur gemeint sind. In der zweiten der vier Strophen heißt es: "Mars lässet nicht schneiden den tapferen Degen, ihn decket die Scheiden, daß Felder und Wälder der Sicherheit pflegen." Die ersten drei Abschnitte werden von instrumentalen Takten eingeleitet, die nun als "Symph." bezeichnet sind. Ein satztechnischer Unterschied zwischen dem Ritornello in Teil eins, der Sonata in Teil zwei und der Symphonia in Teil drei läßt sich nicht ausmachen. Es handelt sich in allen Fällen um wenige Takte dreistimmiger Instrumentalmusik.

Der vierte Teil von Stadens Sammlung ist "Friedens=Willkom" betitelt. Die erste der sechs von Harsdörffer gedichteten Strophen sei hier zitiert: "Willkomm, oh guldne Friedenszeit, der Anker in dem Ungestimme, die Hoffnung in der Waffengrimme, Willkomm, verlangte Fröhlichkeit! Man höret nicht mehrers von Morden und Kriegen, es schlafen die Waffen in Friedensbesiegen, sie müssen ermüdet an müßigen Pfosten enthalten, erkalten, veralten und rosten." Der erste Teil der dritten Strophe lautet: "Was vor der Krieg genommen hat, bringt nun der Fried' beheglich wieder, die Kaufmannschaft lag vor darnieder, und hindert sie nun kein Soldat." Auch hier dienen einige Takte Instrumentalmusik, die nun unbenannt sind, als Einleitung. Die Strophen werden dreistimmig imitatorisch polyphon vorgetragen, im zweiten Teil, der entsprechend dem veränderten Metrum im Tripeltakt steht, treten die drei Streichinstrumente polyphon hinzu.

An fünfter Stelle steht ein "Friedens Danck=Lied" auf einen Text von Johann Klaj. Drei Stimmen und drei Instrumente sind polyphon gearbeitet. In diesem Teil arbeitet Staden mit Echo-Wirkungen.

Über dem sechsten Teil steht die Bemerkung: "Nachfolgende Gesänge seynd anfänglich nur mit einer Stimm gesetzt / die andern zwo nach Belieben gemacht worden." Dies weist darauf hin, daß die folgenden Teile insgesamt schlichter gehalten sind als die vorangehenden. Aus der Gestalt der drei Singstimmen ist ersichtlich, daß tatsächlich anfänglich nur die Oberstimme vorhanden war. Die Unterstimme ist in der komplettierten Form ganz eng an die Generalbaßstimme angelehnt, und die Mittelstimme fungiert als harmonische Füllstimme. Der Strophensatz ist nunmehr ganz homophon gestaltet. Unter- und Mittelstimme sind also verzichtbar, da sie ohnehin im Generalbaß enthalten sind. Instrumentaltakte, die stärker polyphon angelegt sind, dienen nur noch als Vor- und Zwischenspiele; die Instrumente werden nicht mehr zur Begleitung der Singstimmen herangezogen. In dieser Gestalt erscheinen die nachfolgenden Teile sechs bis zwölf, so daß es hier ausreichen darf, die Titel der einzelnen Teile aufzuführen: VII. "Frieden-Frewd", VIII. "Der Helden Lob", IX. "Fried und Freudenschals fröhliche Post", X. "Friedens=Wunsch", XI. "Aufmahnung zur Fröligkeit", XII. "Abschied=Lied".

Der Stimmdruck dieser Komposition wurde 1651 in den Messekatalogen der Frühjahrs- und Herbstmessen in Frankfurt und Leipzig angezeigt. [17] Das Werk umfaßt in einem nach heutigen Maßstäben angefertigten Partitursatz etwa 75 Seiten und ist damit für damalige Verhältnisse von beträchtlichem Umfang. Eine vergleichbare musikkulturelle Betätigung wie in Nürnberg läßt sich für die Friedensverhandlungsorte Osnabrück und Münster nicht nachweisen.

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IV. Musik auf den Frieden in den deutschen Städten

Johann Andreas Herbst (1588-1666) komponierte für die Friedensfeier 1649 in Frankfurt am Main einen "Danck- und Lobgesang Auß dem 107. Psalm des Königlichen Propheten Davids". [18] Die Psalmvertonung ist dreichörig in zwölf Stimmen für Streicher, Posaunen und Singstimmen und Generalbaß angelegt und umfaßt 177 Takte. Refrainartig tritt der erste Psalmvers "Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich" wiederholt auf, zwischen den sich die Verse 2, 6, 8 und 32 strophenartig einfügen. Damit kommt die Komposition der Gesamtstruktur des Psalms, der 43 Verse umfaßt, nahe. Denn auch darin wird die Bedrängnis des Menschen, aus der Gott ihn erlöst hat, immer wieder der Aufforderung, Gott zu danken, gegenübergestellt.

Für die Friedensfeier in Hamburg am 22. Oktober 1648 verfaßte Thomas Selle (1599-1663), der Musikdirektor der Hamburger Hauptkirchen, eine Vertonung des 150. Psalms "Lobet den Herrn in seinem Heiligtum". [19] Dabei handelt es sich um ein Werk größter Dimension im Rahmen des 17. Jahrhunderts. Die 15 Stimmen verteilen sich auf vier Chöre, und an Instrumenten zieht er neben den Geigen Posaunen, cornetti und clarini heran, um der Klangpracht genüge zu tun und die im Psalmtext angesprochenen Instrumente zu versinnlichen. Das Werk wurde bei einer Friedensfeier am 15. September 1650 abermals aufgeführt. [20] Aus diesem Anlaß erschien auch Johann Rists "Hamburgisches Fried- und Freudenfeur" bei Jacob Rebenlein im Druck [21], aus dessen Vorrede hervorgeht, daß an diesem Tag tatsächlich ein Feuerwerk stattfand. Der Druck beinhaltet nach den üblichen Vorreden zunächst ein siebenseitiges Gedicht über die politischen Gegebenheiten. Darauf folgt ein "Neues Frieden und Freudenlied" zu 32 Strophen, an das sich die zweistimmige Melodie für Discant und Baß anschließt. Als Komponist wird Johann Schop (um 1590-1667) genannt, der Hamburger erste Ratsviolinist, von dem sich einige Liedkompositionen im evangelischen Repertoire gehalten haben. Beim gleichen Drucker war schon 1645 Johann Martin Ruberts "Friedens=Frewde" herausgekommen, eine Aria für zwei Tenöre mit Zwischenspielen für zwei Violinen. [22] Der Anlaß und die Aufführung dieser Komposition sind nicht genauer bekannt. Vielleicht bilden die beginnenden Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster und die allgemeine Friedensentwicklung im norddeutschen Raum den Hintergrund des Werkes. Aufgrund der fast durchgehenden Terzparallelen ist es musikalisch als zweitrangig anzusehen.

Ein Werk mit dem Titel "Jubilum Sionis, das ist: Fried und Freudens=Jauchtzer Christgläubiger danckbarer Hertzen / Wegen des bißhero im Heiligen Römischen Reich so lang gewünschten / nunmehro aber (Gott Lob) beschlossenen Friedens" ist 1649 in Jena bei Georg Sengenwald gedruckt worden. [23] Die Verfasser-Angabe lautet "Johanne Mullero, Gossitio-Varisco, Musicæ". Im 17. Jahrhundert tauchen in der Musikgeschichte mehrere Komponisten dieses Namens auf, so daß eine eindeutige Zuweisung schwierig ist. Ob es sich um den Organisten handelt, der sich 1627 in der sächsischen Hofkapelle unter der Leitung von Heinrich Schütz befand [24], bleibt fraglich. Dem Werk liegt als Textvorlage der 98. Psalm in der dichterischen Version Martin Rinckarts zugrunde, wie das Titelblatt ausweist. Die Komposition ist achtstimmig in zwei Chören und Basso continuo angelegt, wobei die beiden Chöre häufig antiphonal gegeneinander gesetzt sind. Es gibt einen Refrain und sechs Strophen. Der Text des Refrains lautet: "Jetzt ist es Zeit, wir sind bereit, unserm Gott anzusingen. Alleluja, der Fried ist da. Des sind wir froh, singen in dulci jubilo." In den sechs Strophen werden in Erweiterung der Psalmvorlage der vergangene Krieg und der erreichte Friede verschiedentlich angesprochen. So heißt es in der ersten Strophe: "Gott sieget mit seinen sieghaften Händen: Das blutige Kriegesunwesen zu wenden, Erhebet er seinen Allmächtigen Arm."

Für eine Friedensfeier in Weimar am 19. August 1650 komponierte Johann Ernst Löber ein Werk mit dem Titel: "Musikalischer Friedenstext. Mit 1. 2. 4. 5. 8 oder 13 sowohl Instrumental als Vocalstimmen in Concerto v. per Choros nebenst dem Basso per Organo". Das Werk befindet sich im Besitz des Historischen Archivs der Stadt Weimar, ist gegenwärtig aber ausgelagert und nicht zugänglich.

Für die Friedensfeier in Leipzig am 7. September 1650 komponierte der Thomaskantor Tobias Michael drei konzertante Festmotetten zu acht Stimmen in zwei Chören und Basso continuo. Die drei Werke tragen die Titel "Israel hat dennoch Gott zum Trost", "Singet dem Herrn ein neues Lied" und "Alleluja. Danket dem Herrn". Die Manuskripte der Werke befanden sich vor dem Zweiten Weltkrieg in Königsberg. Arnold Schering hat in seiner Musikgeschichte Leipzigs den Anfang der dritten Motette abgedruckt. [25] Gegenwärtig gelten die Werke als verloren.

Das gleiche Schicksal hat auch das Werk "Fried-, Freud- und Jubelgeschrey" des Mühlhauser Kantors Johann Rudolf Ahle (1625-1673) erfahren. Diese Psalmtextvertonung "Singet dem Herrn ein neues Lied" weist schon im Untertitel "Mit 15, 20, 24 und mehr Stimmen auf unterschiedliche Chore componirt" auf eine besonders große Klangpracht hin. Ein Exemplar des 1650 in Erfurt bei Fr. M. Dedekind gedruckten Werkes befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls in der Universitätsbibliothek Königsberg - in mehreren Veröffentlichungen vor 1945 hat es Erwähnung gefunden. Seitdem ist es nicht wieder aufgetaucht. Damit sind zwei gewichtige Kompositionen zum Westfälischen Frieden in den Wirrnissen des Zweiten Weltkrieges offenbar verlorengegangen.

Als ein weiteres nicht erhaltenes Werk zum Friedensschluß sei das "Magnum Tricinium tergeminum in memoriam Belli Germanici finiti & Pacis tandem reductae" von Andreas Berger (1584-1656) genannt. Die in Ulm gedruckte Komposition ist nur auf Grund einer Anzeige in den Katalogen der Frühjahrsmessen in Frankfurt und Leipzig 1650 bekannt. [26] Der Komponist hat vor allem die Venezianische Mehrchörigkeit gepflegt. Ein zehnstimmiges doppelchöriges "Da Pacem Domine", das in Augsburg 1635 gedruckt worden war, ist erhalten geblieben. [27] Auch dieses Werk dürfte mit Bezug auf die politischen Zeitereignisse entstanden sein. Im Titel des Ulmer Druckes bedeutet der Begriff "Tricinium" ein von der Norm der Vierstimmigkeit abweichendes dreistimmiges Stück, der Begriff "tergeminum" weist ebenso auf die Zahl drei hin, so daß es sich vielleicht um ein dreiteiliges dreistimmiges Werk handeln könnte. Wahrscheinlicher und dem Komponisten näherstehend läßt sich aber auf ein dreichöriges Werk zu neun Stimmen schließen. Der weitergehende Werktitel erwähnt den beendeten deutschen Krieg und den wiedererlangten Frieden.

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V. Friedensfeste in Coburg

Musik ist als Bestandteil barocker Festkultur unverzichtbar. Das gilt nicht nur für die pompösen Feierlichkeiten in den großen Städten, sondern auch für kleinere Verhältnisse. Dafür sind die Friedensfeiern in Coburg ein Beleg. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Mitarbeiter an der lateinischen Ratsschule Michael Franck (1609-1667). Sein Name ist als Autor des Kirchenliedes "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" bis heute bekannt.

1649 veröffentlichte er ein Werk mit dem vielsagenden Titel: "Davidischer / und aller frommer in diesem Dreissig=Jährigen teutschen Krieg / geplagt und verjagter Davids=Herzen Traur= und Trostgesang auch Der darauff erfolgt über alle maß freudige Harppfen=Klang und Jetzo wegen des im H. Röm. Reich / Gottlob / getroffenen Friedenschlusses gebührender Hertz= und Lippendanck / Aus dem edlen Psalterbüchlein auffs neu widerholet / angestimmet und mit drei Stimen gesetzet Durch Michael Francken von Schleusingen / bey der Stad=Schule zu Coburgk Mitarbeitern." (Abb. 4) Es handelt sich um Versdichtungen des 13. und 66. Psalms für zwei Oberstimmen und Baß. Die sieben bzw. acht Strophen sind syllabisch gesetzt. Die Vertonung des 13. Psalms weist teils polyphone Strukturen auf, der 66. Psalm ist weitestgehend homophon komponiert. Die Sätze sind zwar schlicht, in ihrer Einfachheit aber durchaus nicht ohne Reiz.

1651 ließ Michael Franck ein "Coburgisches Friedens-Danck-Fest" drucken. [28] Darin beschreibt er in einem umfangreichen Gedicht das Friedensfest vom 19. August 1650 in Coburg. Der historische Druck des Gedichts umfaßt 53 Seiten zu 32 bis 36 Zeilen, bringt es also auf mehr als 1700 Zeilen! Im Verlauf der Beschreibung werden 22 evangelische Kirchenlieder erwähnt, die - großteils vom Chor - vorgetragen wurden. Auch von einer "Cantorey" ist die Rede und von einer Vielzahl von Instrumenten. Dreimal erklang der Luther-Choral "Ein feste Burg ist unser Gott", zweimal "Nun lob mein Seel den Herren". Am Schluß des 64 Seiten starken Druckes erscheint ein von Michael Franck gedichtetes Lied mit 14 Strophen, dessen erste Strophe lautet: "Wolauff mein gantzes Ich und lasse Gott zu Ehren auf deinem PsalterSpiel ein feines Danck Lied hören / Daß er das Kriegsgetümmel getrieben aus dem Land / und dir vom hohen Himmel hat wieder Fried gesandt". Auch die weiteren Strophen sprechen den vergangenen Krieg und den wiedererlangten Frieden an. Der Text ist vierstimmig im Kantionalsatz-Stil vertont und trägt die Initialen M.F.S. (Melchior Franck von Schleusingen). Eine spätere Auflage des "Friedens-Danck-Festes" enthält eine weitere Vertonung des gleichen Textes mit dem Namen Adam Dresse, womit Adam Drese (1620-1701) gemeint sein dürfte. Vom gleichen Musiker enthält diese Auflage ( [3]1657) auch weitere Liedsätze.

1658 erschien in Coburg ein weiterer Musikdruck mit folgendem Titel im Druck: "Bußfertiges Friedens=Seuffzerlein / Oder Das beste Mittel / dadurch der edle werthe Fried in der Christenheit von dem lieben GOtt zu erlangen und zu erhalten / in einem Christlichen Gesänglein / bey der am 19. Augusti allhier zu Coburg nunmehr / Gott Lob / zum Neundten=mahl feyerlicher Begehung des Friedens-Danck-Festes aus wohlmeynendem Gemüth gezeiget / und Mit einer von Herrn Hammerschmidt anmuthig gesetzten Melodey in dreyen Stimmen zu gebrauchen / Sonsten auch in dem Thon: Keinen hat GOtt verlassen / zu singen / fürgestellet von Michaël Francken / Mit=Arbeitern bey der Stadt=Schul allhier." Der eifrige Michael Franck tritt hier also ein weiteres Mal mit einer Friedensfeiermusik hervor. Auch erfahren wir dadurch, daß in Coburg seit 1650 jedes Jahr am 19. August, dem Sebalds-Tag, das "Friedens-Danck-Fest" begangen wurde. Bei diesem Werk tritt Franck nur als Dichter der neun Strophen hervor, die durchaus gefällig erscheinen. Als Komponist ist ein "Herr Hammerschmid" genannt, dessen Name auch über den drei Einzelstimmen verzeichnet ist. Allgemein wird darin der Zittauer Johannis-Organist Andreas Hammerschmidt (1611-1675) gesehen. [29] Die Melodie hat eine gewisse Qualität; die Harmonisierung weist allerdings manche Ungeschicklichkeit auf, so daß die Autorenschaft des achtbaren und in seiner Zeit hoch angesehenen Komponisten Andreas Hammerschmidt zweifelhaft erscheinen muß, es sei denn, man würde Druckfehler vermuten. Eine Verbindung Hammerschmidts nach Coburg ist durch keine weitere Quelle gestützt.

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VI. Der Westfälische Friede im Dritten Reich: Richard Strauss' Oper "Friedenstag"

Das bedeutendste Produkt musikalischer Rezeption, in dem der Westfälische Friede gefeiert wird, ist die Oper "Friedenstag" von Richard Strauss. Die inhaltliche Gestalt des Werkes, dessen Arbeitstitel lange "1648" lautete, wurde von Stefan Zweig entworfen. Diese Grundidee, die mit nur wenigen Veränderungen erhalten blieb, sei hier zitiert, um einen Einblick in das Werk zu eröffnen:

 "Lassen Sie meinen Plan scenisch erzählen. Zeit: das dreißigste Jahr des 30jährigen Krieges. Ort: das Innere einer Citadelle. Eine deutsche Festung wird von den Schweden belagert. Der Commandant hat geschworen, sie lebend nicht den Feinden in die Hand fallen zu lassen. Der belagernde Commandant hat geschworen, kein Pardon zu üben. Es herrscht gräßliche Not in der unteren Stadt unterhalb der Citadelle. Der Bürgermeister beschwört den Commandanten, die Festung zu übergeben. Das Volk dringt ein, die verschiedensten Stimmen der Not, der Angst, des Hungers personificieren sich (Einzelstimmen, verschlungenene, Massenscenen). Der Kommandant weicht nicht. Er läßt das Volk, das ihn verflucht, gewaltsam hinausdrängen. Allein mit seinen Officieren und Soldaten erklärt er, daß er die Festung nicht länger halten kann. Aber er wird sie nicht übergeben, sondern lieber in die Luft sprengen. Er stellt jedem frei, hinab in die Stadt zu gehen und vom Feinde Pardon zu nehmen, er nehme ihn nicht. Nun Einzelscenen (knapp aber jede sehr accentuiert. Einige gehen, einige bleiben (je nach den Characteren).

Die Zurückbleibenden: heroisch tragische Stimmung. Religiöse Scene. Es erscheint die Frau des Commandanten. Er befiehlt ihr zu gehen, ohne zu sagen, was er vorhat. Sie errät seine Absicht. Starke Scene. Sie sucht nicht ihm abzureden, da sie seinen Eid kennt. Aber sie geht nicht. Und bleibt bei ihm (- dies als lyrisches Element), um mit ihm zu sterben.

Vorbereitung zur Sprengung der Citadelle. Letzter Abschied. Alle umarmen sich. Die Lunte wird gelöst. Sie wird entzündet. Vollkommene Stille.

Da - ein Kanonenschuß. Alle fahren auf. Der Commandant erwartet einen Angriff. Die Lunte wird gelöscht. Sie sind glücklich, lieber im offenen Kampfe zu sterben. Aber kein zweiter Kanonenschuß. Alle warten. Verwundert. Beunruhigt.

Augenblick neuer starker Spannung.

Da von ferne aus einem Nachbardorf eine Glocke (sehr fern) in die Stille. Dann eine zweite aus einem andern. Dann (noch immer fern) eine dritte. Ein Trompetenstoß. Man meldet, ein Parlamentär nahe mit einer weißen Flagge. Dann mehr und mehr Glocken. Und plötzlich von unten der Ruf: Friede, Friede ist abgeschlossen. Die Glocken brausen mehr und mehr und mit dem Jubel des (unsichtbaren) Volkes zusammen.

Der Parlamentär erscheint. In Osnabrück ist der Friede abgeschlossen worden. Der feindliche Commandant bittet ihn begrüßen zu dürfen. Zustimmung. Scene des Erwachens. Immer wieder die Glocken, welche die ganze Scene wie Orgel durchfluten.

Der feindliche Commandant erscheint. Beide sehen sich finster an. Sie haben beide geschworen sich zu vernichten. Allmähliche Entspannung. Sie treten näher. Sie reichen sich die Hand. Sie umarmen sich.

Das Volk strömt herein. Bejubelt den Commandanten. Der hält eine Ansprache: jetzt müsse jeder ans Werk. Aufbau und Versöhnung. Alle für alle. Einzelne Antworten der Zustimmung. Ein Stand nach dem andern nimmt das Wort. Und aus all dem erbaut sich stufenmäßig der große Chor, in dem alle Aufgaben und Errungenschaften des Völkerfriedens im Sinne jedes Standes gefeiert werden und der sich zu machtvollem Schwung im Finale entfaltet: zum Hymnus an die Gemeinschaft.

Das wäre mein Plan. Nun kann man die Idee des Völkerfriedens, wenn man will, immer verächtlich pacifistisch nennen, aber hier scheint sie mir doch ganz an das heroische gebunden. Ich würde alles im Anonymen lassen, keinen Namen geben weder für die Stadt noch für den Commandanten, es soll alles nur Gestalt sein, Symbol und nicht einmaliges Individuum." [30]

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Strauss und Zweig bei der Oper "Die schweigsame Frau" - Zweig war als Strauss-Librettist an die Stelle des 1929 verstorbenen Hugo von Hofmannsthal getreten - hatten beide 18 Stoffe zur Vertonung diskutiert. Erörtert wurden unter anderem Kleists Amphitryon, eine Komödie über Ulrich von Liechtenstein und eine Oper über den Rattenfänger von Hameln. Am 31. Januar 1934 schrieb Zweig an Strauss, "auch glaube ich, daß man gerade jetzt von Ihnen etwas erwartet, was dem Deutschen in irgend einer Form verbunden ist" [31]. Zweig wird diese Empfehlung vor dem Hintergrund gegeben haben, daß Strauss im November 1933 zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt worden war. Am 2. Februar antwortet Strauss Zweig: "Gestern fiel mir ein ob man nicht zu Heinrich des dritten Sachsenkaiser berühmten Constanzer Frieden 1043 als Abschluß, ein schönes einaktiges Festspiel dichten könnte." [32] Obwohl Heinrich III. weder Sachsenkaiser - sondern Salier - war noch mit dem Konstanzer Frieden etwas zu tun hatte - dieser wurde erst 1183 geschlossen -, tritt Strauss hier als Ideengeber einer Oper zu einem Friedensschluß hervor. Strauss und Zweig trafen sich im August des Jahres bei den Salzburger Festspielen. Hier dürfte die Idee einer Oper über den Westfälischen Frieden geboren worden sein. Wenige Tage nach einem Gespräch mit Strauss skizzierte Zweig den oben zitierten Aufriß.

Zweig lehnte sich bei der Abfassung des "Friedenstages" wie schon bei der "Schweigsamen Frau" an ein bereits vorhandenes Drama an, in diesem Fall an Calderons "La redención de Breda". Das diesem Ereignis gewidmete Gemälde von Velázquez hatte Strauss bereits 1898 im Prado gesehen. [33] Orientiert man sich an der Situation 1648, so könnte allenfalls die Belagerung Prags durch die Schweden gemeint sein. Aber Zweig wies ja jeden zu direkten Bezug auf ein historisches Ereignis zurück. Im Libretto wird nicht mehr, wie in Zweigs Entwurf, die Verhandlungsstadt Osnabrück genannt, sondern Münster.

Die Abfassung des Librettos mußte in der Folgezeit der österreichische Theatermann Joseph Gregor übernommen, nachdem Zweig aufgrund seiner Abstammung nicht als Autor gehalten werden konnte. Strauss hatte lange um Zweig gekämpft und mußte deshalb vom Amt des Präsidenten der Reichsmusikkammer zurücktreten.

Strauss beendete die Skizze der Reinschrift am 24. Januar 1936, die Partitur am 16. Juni 1936. Die wesentlichen Veränderungen gegenüber dem Entwurf von Stefan Zweig bestehen darin, daß der Frau des Kommandanten eine größere Rolle zukommt - Strauss hatte darauf gedrängt, weil ihm eine Oper ohne größere Frauenpartie undenkbar erschien -, daß die Idee des Wiederaufbaues rudimentär bleibt und daß die Friedensbereitschaft des Kommandanten sich nur sehr zögerlich zeigt.

Im obigen Brief spricht Zweig von einem "festlich erhobenen Einakter", Strauss nennt die Skizze im Antwortbrief "Festspielentwurf". Aus diesen und anderen Gründen - vor allem aufgrund der Verherrlichung einer Durchhaltementalität auf seiten des Kommandanten - hat man die Oper immer wieder in die Nähe der Nazi-Ideologie gerückt. Diese kaum eindeutig zu beantwortende Frage kann hier nicht umfassend diskutiert werden. [34]

Nach der Uraufführung am 24. Juli 1938 in München erfuhr das Werk bis 1940 zahlreiche Aufführungen, so in Dresden, Graz, Coburg, Kassel, Karlsruhe, Zürich, Berlin, schließlich am 10. Juni 1939 in Wien und zuletzt am 30. Januar 1940 im Teatro La Fenice in Venedig. [35] Mit der Eskalation des Zweiten Weltkrieges wurde das Werk nicht mehr gespielt. Von der Wiener Aufführung ist ein Mitschnitt erhalten. Heute zählt man "Friedenstag" zu den schwächsten Opern von Richard Strauss. Es ist auf den Bühnen kaum präsent, und der Tonträger-Handel bietet derzeit (Juli 1997) - neben der historischen Wiener Aufnahme - lediglich eine weitere Einspielung an. Man kann wohl Carl Dahlhaus nicht ganz widersprechen, der die lange, mehr als dreißigminütige Bejubelung des Friedens als "leer und ausgehöhlt, ja ästhetisch unglaubwürdig" bezeichnete. [36] Der französische Musikkritiker Gustave de Samazeuilh hielt die Oper dagegen für eines der größten Werke von Strauss, bejubelte deren friedensstiftende Aussage anläßlich einer Aufführung in Paris im Mai 1949 und empfand keinerlei Bezüge zur Ideologie des Dritten Reiches, das seinem Land soviel Leid beschert hatte. [37]

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ANMERKUNGEN

1.Dunning 1970.
2.Hanheide 1996.
3.SWV 49 für drei vierstimmige Chöre und Basso continuo.
4.Teutoniam dudum belli, SWV 338 für fünf Solostimmen, zwei Violinen und Basso continuo.
5.Breig 1985.
6.Exemplare der Drucke von Stobaeus besitzt das Preussische Staatsarchiv, ein Partitur-Neusatz wurde an der Universität Osnabrück erstellt.
7.Felt 1986, bes. S. 23 und 43.
8.Albert 1904, S. 163.
9.Städtische Kunstsammlungen Nürnberg (290 x 445 cm).
10.Die Anordnung der Chöre auf dem Bild scheint mit der Textquelle nicht übereinzustimmen.
11.Druener 1946, S. 126.
12.Gurlitt 1912f., S. 491-499.
13.Norlind 1905f.
14.Kindermann 1913.
15.Göhler 1902, S. 44.
16.Ein vollständiges Druckexemplar der Einzelstimmen besitzt die Zentralbibliothek Zürich. Ein Partitur-Neusatz wurde an der Universität Osnabrück erstellt.
17.Göhler 1902, S. 83.
18.Neudruck: Herbst 1937
19.Wiederabdruck im Jahrbuch Alte Musik 2 (1993), S. 265-304.
20.Eichhorn 1993, S. 140.
21.Ein Exemplar befindet sich in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.
22.Exemplare besitzen die Niedersächsische Landesbibliothek in Hannover und das Niedersächsische Staatsarchiv in Oldenburg. Ein Partitur-Neusatz wurde an der Universität Osnabrück erstellt.
23.Ein Partitur-Neusatz wurde an der Universität Osnabrück erstellt.
24.Schütz 1931, S. 86.
25.Schering 1926, S. 125-131.
26.Göhler 1902, S. 5.
27.Ein Partitur-Neusatz wurde an der Universität Osnabrück erstellt.
28.Ein Exemplar besitzt die Forschungsbibliothek in Gotha, Partitur-Neusätze von einigen Musikstücken wurden an der Universität Osnabrück erstellt.
29.So z.B. Kraner 1980, S. 77.
30.Zit. nach Strauss 1957, S. 74ff.
31.Strauss 1957, S. 58.
32.Strauss 1957, S. 59.
33.Axt 1989; Birkin 1989.
34.Die wichtigsten kontroversen Publikationen hierzu Potter 1983; Dahlhaus 1986; Jäger 1990.
35.Mueller 1959ff., hier II, S. 950.
36.Dahlhaus 1986.
37.Samazeuilh 1951, S. 14-16.

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