HEINZ DUCHHARDT
Münster und der Westfälische Friede - Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskultur im Wandel der Zeiten
Am 21. Februar 1649 feierte man in Münster im großen Stil den Austausch der Ratifikationsurkunden des fünf Monate zuvor geschlossenen Friedens. Es war ein Freudenfest, das lange hatte vorbereitet werden können, das an Pracht die abendlichen Freudenbekundungen vom 24. Oktober 1648 bei weitem übertraf, das die ganze Stadt auf die Beine brachte. Zu den spektakulären Festelementen zählte ein Feuerwerk, und zwar ein ganz besonderes: Vor dem Rathaus hatte man ein Feuerwerksschloß errichtet, das von einem vom Lambertiturm aus in Bewegung gesetzten und an einer Schnur geführten Drachen entzündet werden sollte - ein Meisterwerk barocker Feuerwerksarchitektur und Feuerwerkskunst.

Die Sache hatte einen Haken: Der Drache verfing sich in dem Seil, wurde zurückkatapultiert und verbrannte auf dem Lambertiturm, ohne an dem kunstvollen Schloß die gewünschten pyrotechnischen Effekte auszulösen. Die Enttäuschung der Stadtväter, des Publikums und vor allem der verantwortlichen Handwerker wird groß gewesen sein - eine wochenlange Vorbereitung hatte sich nicht gelohnt.

Ernüchterung - traf das über diese Episode hinaus vielleicht auch die allgemeine Grundstimmung der Münsteraner am Ende eines - ihres - Friedenskongresses? Ihre Stadt hatte, seit sie in den sogenannten Hamburger Präliminarien vom Weihnachtstag 1641 neben dem benachbarten Osnabrück endgültig den Zuschlag für den Generalkongreß erhalten hatte, für mehr als sieben Jahre im Blickpunkt Europas gestanden und war in den Regierungskanzleien und Ständeversammlungen, in den Poststellen und Nachrichtenzentralen, in Druckwerkstätten, Verlagshäusern, Bildungsanstalten des tertiären Sektors, in Moskau wie in Lissabon, in Stockholm wie in Istanbul, längst zu einem festen Begriff geworden, zu einem Synonym für Frieden und das Ringen um Frieden. Die Stadt hatte eine hochkarätige soziale und Funktionselite in ihren Mauern beherbergt und war für die vielen adligen und gelehrten Diplomaten zu einer wichtigen Etappe in der je individuellen Karriere geworden. Sie hatte von dem Kongreß sicher auch profitiert: durch die Verbesserungen der kommunalen Infrastruktur, die für dieses europäische Ereignis getätigt worden waren, durch die Gelder, die hier geblieben waren, vielleicht auch - um anderes, was zur Vergnügungsszene gezählt werden könnte, hier auszuklammern - durch eine neue Stufe von Lebensqualität, die Komödianten und Schausteller, Künstler, Illuminationen und Feuerwerke hergestellt hatten. Durch ihre Einbeziehung in die öffentliche Akte der Vertragsunterzeichnungen und des Austauschs der Ratifikationsurkunden war ihr schließlich sogar eine rechtserhebliche Funktion zugewachsen; das Rechtsdenken der Vormoderne hielt ja daran fest, daß Rechtsakte der (begrenzten) Öffentlichkeit und der Mündlichkeit bedurften, also eines allgemeinen Konsenses, weswegen es mit der bloßen Veröffentlichung eines Friedensvertrags im Druck nie allein getan war, sondern immer die öffentliche Promulgation hinzuzukommen hatte - die Münstersche Bevölkerung stand bei den verschiedenen Akten - am 30. Januar, am 15. Mai, am 24. Oktober 1648 und am 18. bzw. 22. Februar 1649 - stellvertretend für die europäische Öffentlichkeit. Eine vergleichsweise bescheidene, eher noch ackerbürgerliche Züge tragende Stadt von kaum mehr als 10.000 Einwohnern, der ein beeindruckendes Residenzschloß noch fehlte, deren Universitätspläne versandet waren, in der der westfälische Adel noch nicht im großen Stil zu bauen begonnen hatte, die alles in allem die Augen von Besuchern nicht gerade zum Leuchten brachte, diese Stadt begegnete einer neuen, der großen Welt und spürte den Atem der großen Geschichte - so hätte man diesen Prozeß im 19. Jahrhundert vielleicht umschrieben.

Einer Behandlung der Frage, wie das kollektive Gedächtnis der Stadt das Ereignis des größten Diplomatenkongresses Alteuropas verarbeitet und tradiert hat, muß eine politische Bilanz aus der Sicht der Kommune vorausgehen. Wie die Magistrate etlicher anderer Stadtgemeinden - Osnabrück, Erfurt, Braunschweig usw. -, hatten auch die Münsterschen Verantwortlichen die Situation und die staatsrechtliche exzeptionelle Lage, für die Dauer des Kongresses aus allen Pflichten gegenüber dem Landesherrn entlassen worden zu sein, zu nutzen versucht, um ihrer Kommune den Status der Reichsfreiheit zuerkennen zu lassen. Es gehörte in einen allgemeinen verfassungsgeschichtlichen Prozeß, daß namentlich Bischofsstädte im ausgehenden Mittelalter die relative Labilität der Landesherrschaft für Emanzipationsversuche zu nutzen versuchten; etlichen von ihnen - Straßburg, Regensburg, Köln, Worms, um nur einige zu nennen - gelang es in der Tat ja auch, auf Dauer Reichsfreiheit und damit Reichsstandschaft mit dem entsprechenden Zuwachs an politischem Prestige zu erlangen bzw. zu bewahren. In Münster war dieser Gedanke zwar im ganzen 16. Jahrhundert noch lebendig, aber das Anziehen der landesherrlichen Zügel nach dem Kollaps des Täuferreichs und vollends dann die energischen, gegen alle autonomen Relikte gerichtete Politik der wittelsbachischen Fürstbischöfe seit dem Ausgang des 16. Jahrhunderts hatten allen entsprechenden Träumen in Münster ein definitives Ende bereitet. Auf dem Kongreß in Münster hüteten sich zudem sowohl der Kaiser als auch die Reichsstände, solchen kommunalen Emanzipationsversuchen das Wort zu reden oder sie gar zu begünstigen, so daß Münsters Hoffnungen sich in nichts verflüchtigten. Das kollektive Gedächtnis in Münster verband diesen Mißerfolg dann aber auch noch mit dem, was ein gutes Jahrzehnt später folgen sollte: mit der spektakulären Unterwerfung der Stadt durch den Bischof, mit der Beseitigung der letzten Überreste der städtischen Freiheit. Der Nicht-Erfolg bei den Friedensverhandlungen in Münster war der Anfang vom Ende, so mußte es den Bürgern erscheinen, und einem solchen Ereigniszusammenhang bewahrt das kollektive Gedächtnis im allgemeinen nicht gerade einen Ehrenplatz. Die Kommune hatte sich während des Kongresses finanziell kräftig ins Zeug gelegt und vielleicht - auch wenn ihren entsprechenden Klagen partiell Toposcharakter zukommen mag - sogar übernommen; am Ende stand sie politisch mit leeren Händen da, hatte für ihr politisches Engagement keinen politischen Preis erzielt.

Mit dem Ende aller Hoffnungen auf Zuerkennung der Reichsfreiheit war ein zweites verbunden: Bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts hatte Münster immer eine beachtliche protestantische Minorität aufzuweisen gehabt, die erst unter den wittelsbachischen Fürstbischöfen durch rechtlichen und politischen Druck zum Verlassen der Stadt oder zur Konversion gezwungen worden war. Es hatten sich indes dessen ungeachtet durch die Jahrzehnte Kryptoprotestanten in der Stadt gehalten, und es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß den Führungsschichten in der Stadt, vor allem soweit sie mit dem Kommerz befaßt waren, eine Rückkehr zu einem konfessionellen Mischzustand und die Legalisierung des protestantischen Bekenntnisses um Längen lieber gewesen wäre als konfessionelle Abschottung. Auch von dieser Hoffnung galt es 1648 bzw. 1660 Abschied zu nehmen.

Das kollektive Gedächtnis gerade solcher Kommunen, die in religionspolitischer Hinsicht von den Friedensregelungen von 1648 begünstigt worden waren, unterscheidet sich deswegen nicht zufällig von der Erinnerungskultur, wie sie sich in Münster ausbildete (oder auch nicht ausbildete). Ich will es am Beispiel Augsburgs und anderer oberschwäbischer Reichsstädte veranschaulichen, wo zum Teil - wie in Dinkelsbühl, Coburg oder Augsburg, auch wenn sie sich im letzteren Fall auf ein anderes Schlüsseldatum als den 24. Oktober bezogen - eigene Gedenktage eingerichtet wurden, wo gerade bei unterschiedlicher Konfession der Bevölkerung die Protestanten die Chance nutzten, der ausgeprägten katholischen Festkultur etwas Eigenes entgegenzusetzen, wo alljährliche memorative Theateraufführungen stattfanden und eine entsprechende literarische Gebrauchskunst - in Augsburg die sog. Friedensgemälde - nach sich zogen und wo es selbstverständlich war, des 100. Jahrestages des Westfälischen Friedens 1748 mit eigenen Medaillen zu gedenken. Es wird zu zeigen sein, daß all das in Münster fehlt; eine Erinnerungskultur entwickelte sich im Ancien Régime nicht um ihrer selbst willen, sondern primär dort, wo das zu erinnernde Ereignis mit einem lokalen Nutzen verknüpft war.

Nun wäre es auf der anderen Seite ebenso abwegig zu glauben, der Westfälische Friede sei bewußt oder unbewußt aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt verdrängt worden. Die Gesandtenporträts hingen im Rathaus und erinnerten an Münsters große Stunde, die wichtigen und umfänglichen Quellenpublikationen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts zum Frieden wie die von Meiern und Gärtner waren natürlich in der Stadt greifbar, in vielen Familien, die so oder so - finanziell, durch Sachwerte oder Erinnerungsstücke, durch Patenschaften - von der Anwesenheit der Diplomaten profitiert hatten, hielten sich sicher über Generationen hinweg Erinnerungen und Traditionen. Und die Erinnerungskultur wäre sicher noch um etliches intensiver geworden, wenn beispielsweise Münster - was in den 1630er Jahren ja durchaus beabsichtigt gewesen war - über eine Universität verfügt hätte, in deren Juristischer Fakultät die Analyse und Interpretation des zentralen Reichsgrundgesetzes eine Heimstatt hätte finden können. Denn daß die Interpretation und Anwendung des Westfälischen Friedens eine Überfülle von Fragen aufwarf, daß die bestehen gebliebenen Verfassungslücken zu thematisieren waren, daß die Friedensordnung von 1648 ständig mit der reichsrechtlichen und politischen Dynamik zu konfrontieren war, das wurde in den Jahrzehnten nach 1648 in hunderten und aberhunderten von Dissertationen der Hohen Schulen des Alten Reiches dokumentiert.

Aber wenn man den eher bescheidenen Grad der auf den Westfälischen Frieden bezogenen Erinnerungskultur in Münster konstatiert, muß man noch einmal auf den Rahmen zurückkommen. Der Westfälische Friede galt vor allem im und dem protestantischen Deutschland als eine Wegmarke, nicht im katholischen. Es war kein Zufall gewesen, daß sich viele katholische Fürsten - und nicht nur geistliche - mit der Akzeptanz der materiellen Ergebnisse der Friedensverhandlungen so ungeheuer schwer taten und erst von kompromißbereiten Glaubensgenossen gewissermaßen zum Beitritt gezwungen werden mußten, kein Zufall auch, daß die römische Kurie im vollen Bewußtsein der Vergeblichkeit dieses Schrittes gegen den Westfälischen Frieden protestierte. Eine solche Bewertung im Sinn eines Prestigeverlustes der katholischen Seite erscheint uns heute eher abwegig, weil uns der Kompromißcharakter des Westfälischen Friedens vor allem im Bereich des Konfessionellen evident zu sein scheint, aber in der Sicht des 17. und 18. Jahrhunderts galt der Friedensschluß von 1648 vor allem als ein politischer Erfolg der protestantischen Seite. Nochmals: dies war abwegig, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Reichsinstitutionen vom Prinzip der Parität ausgenommen wurden, wie der Kaiser freie Hand erhielt, rekatholisierend gegen die Untertanen seiner Erblande vorzugehen, wie der Protestantisierung geistlicher Stifte nach wie vor ein Riegel vorgeschoben blieb. Aber die Sicht war eben die, daß die Altgläubigen in vielfacher Hinsicht hatten zurückstecken müssen, daß der Westfälische Friede der Totenzettel der Dominanz des altgläubigen Lagers und die Geburtsurkunde einer Verfassungsordnung war, die - horribile dictu - das gleichberechtigte Nebeneinander der politisch-konfessionellen Kräfte dekretiert hatte, und insofern kann es dann auch nicht überraschen, daß sich nirgendwo im katholischen Deutschland eine positiv konnotierte Erinnerungskultur zum Westfälischen Frieden ausbildete. Es versteht sich, daß auch in Münster vom Fürstbischof oder vom Domkapitel keine Impulse ausgingen, sich hier gegenläufig zu verhalten.

So feierte man, um das Gesagte nur mit einem Beispiel zu illustrieren, den Jahrhunderttag 1748 - der im übrigen fast auf den Tag mit dem Abschluß des Aachener Friedens zusammenfiel - zwar in Osnabrück, das 1648 ja ganz unmittelbar von den Friedensregelungen profitiert hatte: durch die singuläre und fast den Curiosa der Reichsverfassung zuzurechnende Konstruktion des Alternats im Bischofsamt, also des Wechsels zwischen katholischen und evangelischen, welfischen Amtsinhabern. In Osnabrück fand am 25. Oktober 1748, einem als "arbeitsfrei" erklärten Freitag, u.a. eine vom Magistrat der Stadt organisierte öffentliche Feier statt, in deren Verlauf Justus Mösers berühmte Ode auf den Westfälischen Frieden von der Rathaustreppe aus rezitiert wurde, ein literarisches Werk, das insbesondere die konfessionspolitischen Aussagen und Konsequenzen des Friedenswerkes thematisierte und das ja durchaus regime- und sozialkritische Elemente enthält. In Münster dagegen sucht man derartiges in den Quellen vergeblich. An die hohe Festkultur, die 1748 die Vorstädte des deutschen Protestantismus - insbesondere Nürnberg und Augsburg - praktizierten, reichte im übrigen auch die Osnabrücker Feier nicht heran, obwohl sie mit Gottesdiensten, vollem Geläut, Ausschmückung der Stadt und musikalischen Darbietungen an sich auf einer beachtlichen Stufe der Kommemorativkultur stand.

Hundert Jahre später, 1848, hatten die Mentalitäten in Münster sich sicher nicht grundlegend verändert - allenfalls hatten sie einen Perspektivenwechsel erlebt. Hatten bis zum Ende des Ancien Régime die katholischen Vorbehalte gegenüber dem Westfälischen Frieden die Entwicklung einer wirklichen Erinnerungskultur beeinträchtigt, so kam seitdem etwas hinzu, was man wertneutral mit einer neuen Sicht des Alten Reiches bezeichnen könnte; aber vielleicht wird es der Sache eher gerecht, von einem Prozeß der Verächtlichmachung des Alten Reiches, seiner Institutionen, seiner Zerrissenheit, seiner politischen Unbedarftheit, vor allem aber seiner mangelnden Ausrichtung auf den Nationalstaat zu sprechen. Hatte noch Schiller 1792 in seiner "Geschichte des dreißigjährigen Krieges" vom "berühmten, unverletzlichen und heiligen Frieden" gesprochen, vom "teuren und dauernden Werk der Staatskunst", so hatte sich der Ton unter dem Vorzeichen gebrochener Optik nach der Auflösung des Alten Reiches rasch geändert, indem nun - festzumachen etwa an dem Berliner Historiker Friedrich Rühs - Momente wie die vorgebliche Fremdsteuerung Deutschlands durch Frankreich interpretativ immer mehr in den Vordergrund geschoben wurden. Eine solche Attitude war in Preußen, dem Münster nach dem Wiener Kongreß eingegliedert worden war, sozusagen die offiziöse Sprachregelung, und selbst wenn die 1773 gegründete Universität noch am Florieren gewesen wäre, hätten die dortigen Historiker und Juristen mit Gewißheit keine abweichende Linie artikulieren können. So waren es nur vordergründig die Revolutionswirren, die Frage, wie die Märzrevolution in stabile Staatlichkeit unter den Vorgaben eines Mehr an Nationalstaat, an Liberalismus und an Demokratie umgegossen werden könne, die im Herbst 1848 Gedenkfeierlichkeiten verhinderten; der Zeitgeist in Preußen stand dem ganz einfach entgegen, sicher aber auch die Tatsache, daß die Männer fehlten, um etwas derartiges energisch anzupacken. Daß es nicht überall so sein mußte, wegen der Revolution das Gedenken an den Frieden zurückzustellen, belegen außerhalb Preußens etliche Gedenkpredigten und Jubiläumsveröffentlichungen. In Nürnberg beispielsweise fand am 29. Oktober 1848 in der Peterskirche eine Säkularfeier mit einer Festpredigt des zuständigen Pfarrers Konrad Rüdel statt, die auch im Druck vorliegt und die u.a. die drohende Auflösung aller Ordnung beschwört. Seiner Themenvielfalt wegen, die von der Glaubensentscheidung bis zum Staatenleben und vom Zusammenspiel von Institutionen bis zu ökonomischen Fragen reichte, war der Westfälische Friede ein geradezu "klassischer" Steinbruch für Aktualisierungen und Brückenschläge und damit für politisch-gesellschaftliche Instrumentalisierungen.

Alles in allem aber: der Westfälische Friede war als Ereignis einer Epoche, die man hinter sich gebracht hatte und an die man vor der Folie der Fixierung auf den Nationalstaat nicht anknüpfen wollte, nicht geeignet, um zu einem nationalen Kommemorativdatum und -ereignis zu werden, die man im damaligen Deutschen Bund ja an sich durchaus suchte. Einen Mythos "Westfälischer Friede" im Sinn eines Schlüsseldokuments der nationalen Geschichte konnte es nicht geben. Das heißt, um nicht mißverstanden zu werden, nicht, daß die lokale Erinnerungskultur völlig verblaßt wäre; bei den verschiedenen Besuchen von Mitgliedern des Königshauses oder sonstigen dynastischen Anlässen wurden kleinere Ausstellungen mit "Überresten" der Friedensverhandlungen im Friedenssaal zusammengestellt. Aber zum Ansatz, um aus dem Westfälischen Frieden als der zentralen Charta der neueren Geschichte eine überlokale Erinnerungskultur erwachsen zu lassen, konnte das nicht werden.

Um so auffälliger ist es, daß sich die Situation 1898 geändert hatte. Nicht in dem Sinn, daß die bisherigen Verdikte über den Westfälischen Frieden als Ort der tiefsten Erniedrigung der Deutschen und als Ausgangspunkt einer verhängnisvollen Außensteuerung Deutschlands der Vergangenheit angehört hätten und einer neuen Sicht gewichen wären, nicht in dem Sinn, in 1648 einen Anknüpfungspunkt für den Bismarckschen Nationalstaat zu finden, aber im Sinn einer neuartigen Kommemorativkultur, die in der Literatur u.a. als Wendung gegen die Modernisierungstendenzen der Zeit interpretiert wird. In Münster wird diese Erinnerungskultur nun zum ersten Mal massiv faßbar, wobei auch bereits touristische und damit finanzielle Gesichtspunkte eine Rolle gespielt haben. Diesmal gab es Männer, die die Gunst der Stunde nutzten, diesmal gab es ein neues Bewußtsein von regionaler Geschichte, das etwa in der 1896 erfolgten Gründung der Historischen Kommission für Westfalen faßbar wird, diesmal gab es eine - nach der deutlichen Vermehrung gerade der in der Philosophischen Fakultät angesiedelten Lehrstühle 1875 kurz vor ihrer Erhebung zur Volluniversität stehende - Hochschule, der bewußt war, sich bei dieser Gelegenheit wissenschaftliche Meriten erwerben zu können. Die Aktivitäten können sich deswegen durchaus sehen lassen. Der Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine hielt Anfang Oktober 1898 seine Jahreskonferenz in Münster ab und ließ sich durch Vorträge und Führungen mit dem Westfälischen Frieden und seinem Ort vertraut machen, die Stadt unterstützte die Produktion der Meyerbeer-Oper "Der Prophet", die ja einen ganz direkten Münster-Bezug hat, und gab bei dem aus Münster stammenden Maler Fritz Grotemeyer ein historisierendes Monumentalgemälde in Auftrag, dessen Fertigstellung sich allerdings bis nach der Jahrhundertwende verzögerte und das mit seinen gigantischen Maßen noch heute Respekt einflößt, gemeinsam mit der Schwesterstadt Osnabrück wurde schließlich eine federführend von dem münsterschen Archivar Friedrich Philippi verantwortete hochkarätige Festschrift herausgegeben, die zwar überwiegend kulturgeschichtlich orientiert war, aber immerhin auch eine Reihe bemerkenswerter allgemeiner Aufsätze und vor allem die erste neuere Edition der beiden Instrumenta pacis enthielt, die heute noch durchaus ihren Wert haben.

Mit 1898 und den städtischen Bemühungen, der Bevölkerung das Ereignis nahezubringen, war der Bann gebrochen; man hatte in Münster erkannt, daß dies das Ereignis der Stadtgeschichte war, das sich - viel besser als das Täuferreich - auch "vermarkten" ließ. Nach dem Versailler Frieden, der ja durchaus parallel und im Sinn der traditionellen Sicht des Westfälischen Friedens als Tiefpunkt Deutschlands interpretiert werden konnte - noch 1940 konnte der renommierte österreichische Historiker Heinrich Ritter von Sbrik in einer der "Kriegsschriften der Reichsstudentenführung" den Versailler Frieden geradezu als "zweiten Westfälischen Frieden" bezeichnen -, nach dem Versailler Frieden also kam es in Münster zu Überlegungen, einen Spielfilm über den Westfälischen Frieden produzieren zu lassen - der im übrigen auch tatsächlich zustande kam, in seinen historischen Teilen aber am Ende stark beschnitten und auch überhaupt kein Kassenschlager wurde. Sie verknüpften sich erstmals mit dem Namen des späteren münsterschen Stadtarchivars Dr. Eduard Schulte, der in den 20er und 30er Jahren unter volkspädagogischen Auspizien und somit eher populärwissenschaftlich zu einer Art Trommler für den Westfälischen Frieden wurde und nicht nur früh - bereits seit 1913 - über ihn zu publizieren begann, sondern dann auch - nun schon in der NS-Zeit und als Parteimitglied - den Gedanken entwickelte, eine große Reichsausstellung zu konzipieren, die das Kontinuum des Kampfes Frankreichs gegen Deutschland thematisieren sollte. Schulte fand bei den NS-Oberen in Berlin offene Ohren, die eine ganze Zeitlang ernsthaft den Gedanken verfolgten und in einer Pressekampagne ventilierten, vor dem Hintergrund der vorgeblichen Parallelen zwischen dem 30jährigen Krieg und dem 2. Weltkrieg letzteren in Münster zu beenden, als in einem 2. Münsterschen Friedensvertrag. Am münsterschen Stadtarchiv wurde eine eigene Forschungsstelle eingerichtet, die über großzügige Mittel verfügte, um bedeutende Exponate zu erwerben oder zu leihen. Der Friede mit Frankreich und der Wunsch nach einem besseren Einvernehmen mit den Nachbarn kam dazwischen und veränderte alle Pläne mit ihren antifranzösischen Spitzen, so daß die große Ausstellung zwar noch aufgebaut und fotographiert, aber nicht mehr öffentlich zugänglich gemacht wurde. Das Projekt, sie unter nationalsozialistischen Vorzeichen zum 300. Jahrestag des Friedens in veränderter Gestalt wieder aufzubauen, zerschlug sich aus bekannten Gründen.

Aber, und das ist für unsere Fragestellung am wichtigsten, durch die Bemühungen um den Westfälischen Frieden in den 1930er Jahren, die viele Münsteraner ansprachen und in vielen Formen künstlerische Versuche nach sich zogen, war eine Atmosphäre entstanden, die dafür sorgte, ihn auch nach dem tiefen Einschnitt von 1945 nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Die Pervertierung des Friedensgedankens und die ideologische Politisierung des Friedens waren in Münster - notabene durch Zufall und politische Entscheidungen in der Reichshauptstadt - nicht zum Tragen gekommen, jetzt, nach Kriegsende, wurden der Westfälische Friede und sein anstehendes Jubiläum als Chance verstanden, Europa zu signalisieren, daß ein neues, geläutertes Deutschland in den Kreis der friedliebenden und zivilisierten Völker zurückkehren wolle. Es nötigt noch heute Respekt ab, wie vor dem Hintergrund des bevorstehenden Gedenktages viele Kräfte in der Stadt und in der Region gebündelt wurden, um in einer weitgehend zerstörten Stadt ein Denkmal wiedererstehen zu lassen: den Friedenssaal; es war und ist ebenso bemerkenswert, wie das halbzerstörte Landesmuseum kurzfristig wieder instandgesetzt wurde, um hier als erste größere Veranstaltung nach dem Krieg eine Gedenkausstellung mit gar nicht so mäßigem Niveau durchführen zu können, auch wenn es noch nicht möglich war, sie in Katalogform zu dokumentieren. Es muß eine ganz eigene Atmosphäre gewesen sein, als im Oktober 1948 eine Stadt in Trümmern in Anwesenheit prominenter Landespolitiker und Wissenschaftler mit den damals möglichen Mitteln einen Gedenktag beging und unter das Thema des friedlichen und einigen Europa stellte. Dies war keine Geschichtsklitterung, denn der Text und die indirekten Ergebnisse des Westfälischen Friedens lassen als eine - freilich nicht sehr langlebige - europäische Friedensordnung und als eine Wegmarke in der Geschichte des Völkerrechts eine solche Interpretation zu. In einer Phase der europäischen Geschichte, als nach einer tiefen Fundamentalkrise die Weichen für die Zukunft neu gestellt werden mußten, war dies auch die Botschaft, die am ehesten und am weitesten Resonanz finden konnte. Die Europa-Thematik erfreute sich ja generell in der ganz frühen Nachkriegszeit - so etwa auch bei den ersten Organisierungsversuchen der deutschen Geschichtswissenschaft - allerhöchster Wertschätzung.

Lassen Sie mich zum Ende kommen. Münster als die eine der Gastgeberstädte des Westfälischen Friedenskongresses hat im Blick auf das mit Abstand wichtigste politische Ereignis in seinen Mauern zunächst keine sehr ausgeprägte Erinnerungskultur aufbauen können, weil die Stadt selbst nicht entscheidend von dem Frieden profitiert hatte, weil der Friedensschluß in der öffentlichen Meinung als ein "protestantisches" Ereignis eingestuft wurde und weil sich ein Ereignis von für das gesamte Ancien Régime hohem Aktualitätsbezug zur Mythenbildung auch nicht eignete. Im 19. Jahrhundert stand die allgemeine Diskreditierung des Westfälischen Friedens als Beginn der Fremdbestimmung Deutschlands dem Entstehen einer neuen Festkultur zunächst im Wege. Das kollektive Bewußtsein der Stadt erhielt erst durch das Gedenkjahr 1898 einen nachhaltigen Schub, um seitdem im Frieden von 1648 mit wechselnden Zwischentönen einen Höhepunkt der lokalen Vergangenheit zu sehen. Im Vergleich zu 1898 und 1948 wird die Vermarktung eines zentralen Elements des kollektiven Bewußtseins in dem bevorstehenden Jubiläumsjahr ungeahnte Dimensionen erreichen. Hier gilt es freilich nun auch, rechtzeitig zu warnen; es kann weder im Interesse der Wissenschaft noch der Kommune liegen, wenn das Gedenken des Westfälischen Friedens zu einem Rummelereignis pervertiert; der Westfälische Friede als ein zentrales Ereignis der politischen Geschichte, der Verfassungsgeschichte, der Völkerrechtsgeschichte, der Kirchengeschichte der Neuzeit kann nicht für alles und jedes herhalten. Dem Westfälischen Frieden eignet nicht die Handgreiflichkeit des Loreleyfelsens oder der Wartburg; diese Handgreiflichkeit kann mit Reiterpfaden und Biersorten auch nicht hergestellt oder substituiert werden.

Blicken wir noch für einen Augenblick über die Stadt hinaus. Aus Gründen, die zum Teil anklangen, aber hier nicht erschöpfend wiedergegeben werden können, konnte der Westfälische Friede nie in die Rolle eines Mythos und eines Ereignisses von nationaler Symbolkraft hineinwachsen; seine Aktualität, die Geringschätzung des Reiches, der vermeintlich einseitig protestantische Charakter der Friedensordnung von 1648 und vieles andere mehr stand dem entgegen. Auf der anderen Seite benötigten und benötigen Gemeinwesen, die auf der Suche nach ihrer Identität waren oder sind, Daten und Ereignisse und eine entsprechende Erinnerungskultur mit identitätsstiftender Wirkung. Das konnte und kann ein Rütlischwur sein oder eine Unabhängigkeitserklärung, das konnte ein ins Nationale umgedeuteter Dombau oder eine gar nicht zu lokalisierende Schlacht gegen Fremdherrscher, vielleicht auch eine mythologische oder eine ins Mythologische umdeutbare historische Gestalt sein. Dem Westfälischen Frieden eignete und eignet nichts Mythologisches, und wenn andere Gemeinwesen ein emotionaleres Verhältnis zu ihm entwickeln, dann hängt das daran, daß er formal an der Wiege ihrer Staatwerdung steht. Nach allem, was in der NS-Zeit mit der Umdeutung des Westfälischen Friedens zum Vorbild für das Versailler "Friedensdiktat" und zur Inkarnation von Frankreichs Hegemonialstreben und antideutschen Affekten geschah, ist es zwar hohe Zeit, daß eine näher an den Texten und ihren Konsequenzen stehende Bewertung des Westfälischen Friedens Eingang in das allgemeine Geschichtsbewußtsein findet. Bleiben wir aber auch dann nüchtern: Zum nationalen oder europäischen Mythos eignet sich der Westfälische Friede nicht. Er war und ist ein nüchternes Dokument, das für Emotionen und Emotionalisierung nur begrenzt Raum läßt.

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