IX. DAS HEILIGE RÖMISCHE REICH DEUTSCHER NATION

Nachdem die politische Krise im Anschluß an die Reformation durch den Augsburger Religionsfrieden beigelegt worden war, herrschte im Reich für eine Generation ein politisch-konfessioneller Frieden zwischen Kaiser und Ständen ebenso wie zwischen Katholiken und Lutheranern. Ab den 1570er Jahren trat eine neue Generation von Reichsfürsten in Erscheinung, die aktiv auf eine Stärkung ihres jeweiligen Bekenntnisses hinarbeitete, auch wenn dies zu Konflikten mit ihren andersgläubigen Standesgenossen führte. Katholizismus und Luthertum konnten ihre Konfessionsbildung vorantreiben. Auf katholischer Seite traten gegenreformatorisch gesinnte Bischöfe auf, und es entstanden neue geistliche Lehranstalten, voran der Jesuiten. Die Lutheraner formierten sich in der "Konkordienformel", die die meisten lutherischen Stände theologisch und politisch einigte. Die größte Dynamik ging von den Anhängern des calvinistischen Bekenntnisses aus. Waren sie 1555 im Reich noch nicht präsent, so erlangten sie in den 1580er Jahren unter Führung von Kurpfalz, Nassau und einigen weiteren Wetterauer Grafen nicht unbeträchtlichen Einfluß.

Maximilian II. und Rudolf II. sicherten zwar die Handlungsfähigkeit des Reiches im gemeinsamen Kampf gegen die Osmanen Im Innern konnten sie jedoch nicht verhindern, daß nacheinander all jene Reichsinstitutionen lahmgelegt wurden, die für den gewaltlosen Konfliktaustrag zwischen den Reichsständen unentbehrlich waren. Ab 1588 konnte der Reichstagsausschuß, der für die Visitation des Reichskammergerichts zuständig war, nicht mehr tagen. Seit den 1590er Jahren wurde die Rechtsprechung des Reichskammergerichts gelähmt. Im Jahre 1600 zerbrach der Hauptausschuß des Reiches, die Reichsdeputation, als die Protestanten die Sitzung verließen und die katholischen Mitglieder sich ohne einen neuen Termin vertagten. 1608 wurde schließlich sogar der Reichstag, das wichtigste Organ der Reichsverfassung, gesprengt, weil die kurpfälzische Delegation und ihre Parteigänger aus diesem Gremium auszogen.

Ohne die mäßigende Kraft der Reichsinstitutionen drohte jeder Konflikt im Reich außer Kontrolle zu geraten. Im Kölner Krieg hatte die katholische Seite den Kurfürsten Gebhardt Truchseß von Waldburg, der eine Protestantisierung des Erzstifts am Rhein versucht hatte, 1583 mit spanischer Hilfe abgesetzt und Ernst von Bayern zur Nachfolge verholfen. Die Reichsstadt Aachen wurde 1598 (und noch einmal 1614) durch spanische Truppen gezwungen, auf das Reformationsrecht zu verzichten und das katholische Bekenntnis als das allein verbindliche anzuerkennen. Die mehrheitlich lutherische Reichsstadt Donauwörth wurde nach handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen der Bürgerschaft und der kleinen katholischen Gemeinde geächtet und 1607 im Zuge einer Militärexekution durch den Herzog von Bayern ihrer Reichsfreiheit beraubt und rekatholisiert. Aus Angst um ihre künftige politische Selbständigkeit in Zeiten eines Vormarschs der katholischen Seite schlossen sich einige protestantische Reichsstände 1608 unter Führung des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz zur "Union", einem Verteidigungsbündnis, zusammen. Mehrere katholische Fürsten gründeten ein Jahr später unter Führung des Herzogs Maximilian von Bayern die "Liga", da auch sie sich militärisch bedroht fühlten.

1609 starb Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg ohne leibliche Erben, und es war zu entscheiden, wer die Herrschaft in den großen, strategisch wichtigen Niederrheinterritorien antreten sollte. Frankreich, Spanien, die Niederlande standen zur Intervention bereit, da verhinderte die Ermordung König Heinrichs IV. von Frankreich in letzter Minute den Ausbruch eines europäischen Kriegs. Die Länder wurden schließlich zwischen den Erbanwärtern Kurbrandenburg und Pfalz-Neuburg geteilt, womit zugleich das Gleichgewicht zwischen katholischer und reformierter Aktionspartei gewahrt blieb. Doch das Reich verharrte weiterhin in angespannter Erwartung, bis 1618 in Böhmen dann der Funke endgültig übersprang und Europa in einem Dreißigjährigen Krieg versank.
J. A.

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IX.1. Die Krise um 1600


Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war die vorstaatliche Ordnung in Mitteleuropa, anders beschaffen als die entstehenden europäischen Nationalstaaten im Westen und Norden und mehr als das spätere Deutschland. Die Grundstrukturen des Reiches kommen im Bildprogramm der Reichsadler und Kurfürstendarstellungen zum Ausdruck. Etwa zwei Jahrzehnte nach dem Abschluß des Augsburger Religionsfriedens von 1555 kamen in zahlreichen Territorien des Reiches konfessionelle Eiferer an die Regierung, die den eigenen Glauben auch gegen Widerstände durchzusetzen bereit waren. Bestehende Rechtsverhältnisse ignorierte man oder legte sie zu eigenen Gunsten aus. Daß dadurch politische Sicherungsinstrumente beschädigt wurden, nahm man in Kauf. Bald konnten das Reichskammergericht und schließlich auch der Reichstag ihre Funktion als Orte des gewaltlosen Konfliktaustrags nicht mehr wahrnehmen.

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IX.2. Union und Liga


Nachdem die katholische Konfessionspartei die Streitigkeiten um Donauwörth 1606/07 zur Unterwerfung unter Bayern und zur Rekatholisierung der Reichsstadt genutzt hatte, organisierten sich 1608 einige protestantische Stände unter Führung des Kurfürsten von der Pfalz im Sicherheits- und Militärbündnis der Union. Ein Jahr später schufen sich auch die katholischen Stände ein eigenes Sicherheitssystem, die Liga, angeführt durch Herzog Maximilian I. von Bayern. Zur selben Zeit trugen Kaiser Rudolf II. und Erzherzog Matthias einen heftigen innerfamiliären Konflikt aus; damit war die mäßigende Rolle des kaiserlichen Amtes ausgespielt und eine Entschärfung der gefährlichen politisch-konfessionellen Gesamtkonstellation kaum noch möglich. Auch von den Anführern der Bündnissysteme gingen keine entscheidenden Impulse aus, um einen Krieg zu vermeiden.

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