INTERVIEW: WESTFALEN FEIERT DEN FRIEDEN
KULTURELLES ENGAGEMENT FÜR WESTFALEN: DER LANDSCHAFTSVERBAND WESTFALEN-LIPPE

Interview mit Landesdirektor Wolfgang Schäfer zu den Friedensfeiern und ihrer Bedeutung für die Region
Initiator, Koordinator und Motor der Friedensfeierlichkeiten ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Zusammen mit seinem Schwesterverband, dem Landschaftsverband Rheinland, wurde er nach dem zweiten Weltkrieg mit eigenem Parlament und dem Auftrag, die kulturelle Identität der Region bewahren zu helfen, gegründet. Der Kommunalverband, ein Zusammenschluß der 27 westfälischen Kreise und kreisfreien Städte, hat seinen Sitz in Münster. Neben der Kultur zählen so unterschiedliche Felder wie Soziales, Jugend, Gesundheit und Straße zu den Tätigkeitsfeldern. Landesdirektor Wolfgang Schäfer steht dem Verband mit insgesamt 16.000 Mitarbeitern vor. Er ist zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der Veranstaltungsgesellschaft 350 Jahre Westfälischer Friede mbH, die Trägerin der 26. Europaratsausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa" ist.
Welche Rolle spielt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe für die Friedensfeiern in Westfalen?
A: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat sich am längsten und am intensivsten für die Aufgabe engagiert, das Jubiläum "350 Jahre Westfälischer Friede" angemessen zu gestalten. 1994 ging von uns die Initiative zur Gründung der "Veranstaltungsgesellschaft 350 Jahre Westfälischer Friede" aus. Die Planungen reichen sogar bis ins Jahr 1990 zurück. Damals beauftragte der Kulturausschuß des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe das Westfälische Archivamt mit der Ausarbeitung von Vorschlägen für die Gestaltung des Jubiläumsjahres. Wir wollten das Jubiläum mit Blick auf den europäischen Einigungsprozeß und die Rolle, die die Regionen in ihm spielen, als europäisches Ereignis in Westfalen feiern.
Das Ereignis ist also lange zuvor ins Visier genommen worden. Wie kam es dazu?
A: Zum einen brauchen Projekte von der Größenordnung der Europaratsausstellung heutzutage mehrjährige Vorbereitungen. Alles muß sorgfältig recherchiert, terminlich abgestimmt und dann punktgenau zusammengetragen werden. Bei mehr als 1300 Exponaten aus der ganzen Welt ist das schon eine aufwendige Angelegenheit. Wenn die Ausstellung selbst, der begleitende Katalog und eine ergänzende CD-ROM dann noch den neuesten Stand der Forschung darstellen sollen, ist die zeitliche Dimension nicht mehr verwunderlich. Außerdem ist es heute unabdingbarer Standard, daß eine Ausstellung dieser Größenordnung auch im Internet präsentiert wird, und auch das erfordert Aufwand und Zeit.

Zum anderen sind die Friedensfeierlichkeiten Teil unseres sogenannten "Westfälischen Jahrzehnts". Bereits zu Beginn der 90er Jahre haben wir die Meilensteine markiert: 1995 feierte Westfalen den 300. Geburtstag des westfälischen Barockbaumeisters Johann Conrad Schlaun, 1997 den 200. Geburtstag der westfälischen Dichterin Annette von Droste Hülshoff. 1998 steht nun die 350. Wiederkehr des Westfälischen Friedenschlusses auf dem Programm.
Wie sieht die Gestaltung der Friedensfeierlichkeiten im einzelnen aus?
A: Entsprechend den seinerzeitigen Planungen gibt es mit der Ausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa" eine zentrale kunst- und kulturhistorische Ausstellung zu diesem vielschichtigen und sperrig wirkenden Thema; in Anlehnung an den historischen Friedenskongreß von 1648 sind die beiden damaligen Verhandlungsstädte, Münster und Osnabrück, als Ausstellungsorte gewählt worden. Daneben fanden bereits zwei Kongresse statt, 1996 ein Historikerkongreß in Münster und im Herbst 1998 ein interdisziplinärer Kongreß über Friedensideen und -utopien in Osnabrück. Weitere Forschungsaktivitäten und Veranstaltungen in der Region ergänzen diese Großveranstaltungen.
Welche Aufgabe hat die "Veranstaltungsgesellschaft" dabei übernommen?
A: Die Veranstaltungsgesellschaft hat die Organisation und Finanzierung der Großveranstaltungen, vor allem der großen Ausstellung "1648 - Krieg und Frieden in Europa" übernommen. In ihr haben sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Städte Münster und Osnabrück, der Landkreis Osnabrück und der Kreis Steinfurt zusammengeschlossen. So wurde eine Zersplitterung der Aktivitäten vermieden, denn einer Körperschaft allein wäre es nicht möglich gewesen, dem europäischen Rang der Feierlichkeiten gerecht zu werden. Nur auf diese Weise ist es uns - und damit meine ich die Veranstaltungsgesellschaft - gelungen, daß die Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sowie der Bund zwei Drittel der Kosten übernahmen.
Wie hat sich der Landschaftsverband in diese Unternehmung eingebracht?
A: Als Initiator und größter Gesellschafter hat der Landschaftsverband in der Veranstaltungsgesellschaft die Federführung übernommen. Der Landschaftsverband ist zudem Träger des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Münster, das - zusammen mit dem Kulturgeschichtlichen Museum und der Kunsthalle Dominikanerkirche in Osnabrück - Ort der gemeinsamen Europaratsausstellung ist. Kommissar der Ausstellung ist der Leiter des Landesmuseums, Prof. Dr. Klaus Bußmann. Die Geschäftsführung der Veranstaltungsgesellschaft liegt beim Kulturdezernenten des Landschaftsverbandes, dem Landesrat Friedhelm Nolte. Der Vorsitz im Aufsichtsrat oblag zunächst meinem Amtsvorgänger, Herrn Dr. Manfred Scholle, bevor ich selbst diese Position übernahm. In diesen Funktionen arbeiten wir übrigens alle ehrenamtlich. Über seine finanzielle Beteiligung hinaus hat der Landschaftsverband zudem sein gesamtes wissenschaftliches und logistisches Know-how eingebracht und auch die Ausstellungsräume des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte zur Verfügung gestellt. Ferner hat er zur Realisierung des Projekts das gesamte Personal des Museums eingebracht.

Den Auftakt zur Europaratsausstellung bildete ein "Gipfeltreffen" aller europäischen Staatsoberhäupter der Länder, die als Nachfolgestaaten der am Friedensschluß beteiligten Mächte gelten.
Was hat Sie an diesem Tage am meisten beeindruckt?
A: Lassen Sie mich zunächst folgendes sagen: Die Erinnerung an 30 Jahre Krieg mit unendlich viel Leid und Zerstörung erfordert Würde und Ernsthaftigkeit. Ebenso die Auseinandersetzung mit den langwierigen Friedensverhandlungen. Andererseits ruft die Erinnerung an den Friedensschluß Freude und Erleichterung hervor. In meiner Rede anläßlich der Eröffnung der Ausstellung habe ich das so ausgedrückt: "Frieden zu machen ist eben viel schwerer als - wie wir es heute wieder tun - Frieden zu feiern." Es war daher die positive Stimmung unter den Staatsoberhäuptern, ihre Aufgeschlossenheit dem Thema und seiner Umsetzung gegenüber, die mich am meisten beeindruckte. Daneben habe ich aber auch die logistischen Leistungen des Protokolls bewundert. Immerhin stellten die Eröffnungsfeierlichkeiten mit der Teilnahme von 20 Staatsoberhäuptern das umfangreichste Protokoll in der Geschichte der Bundesrepublik dar, und dies u. a. in den Räumlichkeiten unseres Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte.
Die Europaratsausstellung ist sicherlich der Höhepunkt der europäischen Feiern zum Friedensjubiläum. Hat es noch etwas anderes neben den zentralen Großveranstaltungen in der Region gegeben?
A: Der Landschaftsverband hat über die Europaratsausstellung hinaus zahlreiche Aktivitäten - Ausstellungen, Vorträge, Lesungen, Theateraufführungen etc. - aus Anlaß des Friedensschlusses in ganz Westfalen-Lippe angestoßen und mitgestaltet. Weit über 500 Veranstaltungen werden es am Ende des Jubiläumsjahres gewesen sein. Über diese Resonanz in der Region haben wir uns natürlich sehr gefreut. Zur Durchführung und Koordinierung ist bereits 1993 - vor Gründung der Veranstaltungsgesellschaft - die "Geschäftsstelle Westfälischer Friede" beim Westfälischen Archivamt eingerichtet worden. Ein Beispiel für die dort geleistete erfolgreiche Arbeit ist die Zusammenschau der Aktivitäten in einem Programmbuch, unserem sog. "Westfalenkalender". Daneben haben wir noch zwei Videofilme, erstellt von der Landesbildstelle Westfalen, und ein Buch über den 30jährigen Krieg und seine Spuren in Westfalen herausgegeben.
Welche Wirkung hat das Jubiläum für Westfalen?
A: Ich denke, daß der Landschaftsverband die Chance genutzt hat, die Region, die er vertritt, im europäischen Kontext zu profilieren. Sichtbares Zeichen für eine erfolgreiche Kulturarbeit ist die Verleihung des Ehrentitels "Europaratsausstellung" für die Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster sowie an den Ausstellungsorten in Osnabrück. Zum ersten Mal nach 22 Jahren ist wieder eine Ausstellung in Deutschland damit ausgezeichnet worden. Dieser europaweite Werbeeffekt ist schlichtweg unbezahlbar.
Können Sie schon einmal einen Ausblick auf künftige kulturelle Aktivitäten des Landschaftsverbandes geben?
A: Schon im nächsten Jahr wird eine weitere bedeutende Ausstellung mit europäischen Bezügen stattfinden, mit annähernd den gleichen Dimensionen der derzeitigen Ausstellung in Münster und Osnabrück. Dann wird in Paderborn die Ausstellung "799 - Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große trifft Papst Leo III. in Paderborn" eröffnet. Auch zu diesem Zweck hat es ein "Joint-venture" gegeben. Beteiligt sind in einer zu diesem Zweck gegründeten Gesellschaft der Landschaftsverband, die Stadt Paderborn und das Erzbistum Paderborn. Einer der Geschäftsführer ist der Leiter des Museums in der Kaiserpfalz, einer Außenstelle unseres Westfälischen Museums für Archäologie. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist in diesem Fall Herr Landesrat Friedhelm Nolte.
Das kulturelle Engagement des Landschaftsverbands ist aber nicht nur auf hochkarätige Ausstellungen begrenzt?
A: Keineswegs. Die Ausstellungen gehören aber zum Arbeitsbereich unserer Landesmuseen, deren Träger in Nordrhein-Westfalen die Landschaftsverbände sind. In erster Linie ist der Landschaftsverband Partner und Dienstleister seiner Mitglieder. Das sind die westfälischen kreisfreien Städte und Kreise samt angehöriger Städte und Gemeinden. Insbesondere mit seinen Ämtern unterstützt der Landschaftsverband die Kulturarbeit in den Kommunen vor Ort. Im Bereich der Kulturpflege sind über 650 Mitarbeiter tätig, davon 200 Wissenschaftler, die sowohl in der Forschung wie der praktischen Umsetzung kultureller Aufgabenstellungen tätig sind, z. B. in der Denkmalpflege, im Museumswesen, der Landes- und Baupflege oder im Archivwesen. Der Landschaftsverband verfügt damit über ein umfassendes kulturelles Know-how, das seinesgleichen sucht. Darüber hinaus unterhält er westfalenweit 18 Museen. Insgesamt investieren wir über 90 Millionen DM jährlich in die westfälische Kultur. Aus diesem Etat fördert der Landschaftsverband die Kultur in der Region mit Zuschüssen von rund 15 Millionen Mark.
Das Jubiläumsjahr neigt sich dem Ende zu. Welche Hoffnungen oder Wünsche verbinden Sie mit den zurückliegenden Friedensfeierlichkeiten?
A: Das Leitmotiv des Jubiläums lautet: "Frieden als Aufgabe". Über all die Friedensfeiern dürfen wir nämlich nicht vergessen, daß es überall auf der Welt - selbst in den südöstlichen Gebieten Europas - immer noch zahllose kriegerische Auseinandersetzungen gibt. Der Frieden ist ein sehr kompliziertes und zerbrechliches Gut, für dessen Erhaltung bzw. für dessen Erlangung wir alle immer wieder aufs neue mit Ausdauer, Kraft und gutem Willen arbeiten müssen. Ich hoffe und wünsche, daß die Jubiläumsfeierlichkeiten zum Nachdenken über den Wert unserer stabilen europäischen Friedensordnung anregen.

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