KLAUS GARBER
Der Ursprung der deutschen Nationalliteratur zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges
Um 1600 mehren sich allenthalben die Symptome einer Krise. Kometen, Konstellationen der Gestirne, Überschwemmungen, Mißgeburten, Fabelwesen und Abnormitäten in der Natur und unter den Menschen verweisen auf sie. Neue Zeitungen, Flugblätter, Flugschriften sind voll von nie Gehörtem und Gesehenem. Die Malerei bemächtigt sich der Themen. Lieder, Erzählungen, Schauspiele ergreifen das Sujet und wirken mit an der Erzeugung von Angst. Wenn Ulrich von Hutten das 16. Jahrhundert enthusiastisch begrüßt hatte: "O Jahrhundert! O Wissenschaften! Es ist eine Freude zu leben", so tönt es nun zu Anfang des 17. Jahrhunderts bei Ägidius Albertinus düster: "O Welt, du unreine Welt, O schnöde arge Welt, O stinkendes elendes Fleisch."

Die Menschen ahnen, daß Verhängnisvolles bevorsteht. Und sie haben Grund zu Sorge und finsteren Träumen. 1608 wird die protestantische Union gegründet, ein Jahr später kommt die katholische Liga zustande. Die Konfessionen rüsten zum Kampf, suchen Bündnispartner im Innern und im Ausland. 1610 wird Heinrich IV., der um der französischen Königskrone wegen vom protestantischen zum katholischen Glauben übergetreten war, ermordet. Die schlimmsten Greuel heften sich an den Bürgerkrieg zwischen Hugenotten und Katholiken, gipfelnd in der Pariser Bartholomäusnacht 1572, in der Tausende von Hugenotten ermordet wurden. Spanien und die Niederlande liefern sich einen jahrzehntelangen, erbarmungslosen Kampf; er endet mit der Spaltung des Landes in einen katholischen (belgischen) und einen protestantischen (holländischen) Teil. Auf der britischen Insel läßt die protestantische englische Königin Elisabeth die katholische schottische Königin Maria Stuart gefangensetzen und schließlich 1587 aufs Schafott führen. Signale und Fanale einer nun mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Krise, in der die Christenheit sich definitiv spaltet, Nationen im Bürgerkrieg zerbrechen, Throne wanken und jahrhundertealte verbindliche Orientierungen im Strudel der aufgewühlten Leidenschaften versinken.

Die Kunst, die Literatur des neueren Europa, ist mit diesem den Kontinent erschütternden Drama aufs engste verquickt. Die Darstellung freilich, die uns das Bild der Hegemonial- und Konfessionskriege im Spiegel der Literatur schilderte - eines der großen Themen einer wirklich europäisch angelegten Literaturwissenschaft - sie fehlt noch immer. Ihren Ausgang nimmt in der Frühen Neuzeit jede neue Entwicklung in Italien. 1494 fallen die Franzosen ins Land ein und erobern Neapel, wenig später folgen die Spanier. Sannazaros "Arcadia" (1504), als sentimentale elegische Schäfermaskerade verkannt, antwortet allegorisch verschlüsselt auf den Niedergang Neapels, und die Größten - Michelangelo an der Spitze - werden folgen im Blick auf das geknebelte Italien. Spanien erobert 1492 Granada, letzte Bastion der Araber auf dem Kontinent, und zwingt Juden wie Mauren zur Konversion oder Emigration. Bis in Cervantes' "Don Quichote" hallt die gewaltsame Uniformierung des Landes nach. Eine ganze Serie von Texten antwortet auf Bürgerkrieg und Bartholomäusnacht in Frankreich. Aber wer kennt zum Beispiel noch des Calvinisten d'Aubigné erschütternde Werke? Die verkehrte Welt des größten Erzählers im 16. Jahrhundert - Rabelais -, ist sie denkbar ohne die tiefste Erschütterung der nachantiken Welt? Noch der heroisch-pastorale Ordnungsentwurf eines Honoré d'Urfé in der fünfbändigen "Astrée", mit dem der höfische Roman des 17. Jahrhunderts eröffnet wird, stellt sich als mühsamer Versuch zur Bändigung des Chaos dar. Und sieht es anders aus in England? Die beiden großen Dichter Edmund Spenser und Philipp Sidney nutzen Ekloge ("The Shepheards Calendar"), schäferlich-heroischen Roman ("Arcadia") und Epos ("The Fairee Queene"), um ihrer Königin Elisabeth zu huldigen, vor allem aber, um sie zu energischem Handeln gegenüber dem anbrandenden Katholizismus zu ermutigen. Und der Größte zwischen Dante und Goethe? Ist der unerschöpfliche Shakespeare in seinem hintergründigen Humor, seinem abgründigen Ernst zu entziffern ohne Wissen um die irdischen wie metaphysischen Verwerfungen, die seine Generation zu verarbeiten hatte? [1]

Überall in Europa formt sich das Profil der nationalen Literaturen im aufgewühlten 16. Jahrhundert - Italien immer ausgenommen, das schon mit Dante, Petrarca und Boccaccio im späten Dugento und im Trecento seinen grandiosen Einsatz findet. Deutschland aber verspätet sich in diesem Achsen-Jahrhundert, in dem die Weichen für das in die Moderne führende Europa gestellt werden. Es hat den von Italien ausgehenden humanistischen Impuls frühzeitig beantwortet. Dem Reich, den geistlichen und weltlichen Territorien, vor allem aber - genau wie in Italien - den Städten kommt die erneuerte antike Kultur und Literatur aus ungezählten Gründen entgegen. Sie zeitigt in Nürnberg, in Augsburg, in Straßburg, in Basel und vielen Orten sonst eine Blüte zwischen der Mitte des 15. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts, die sich in gewisser Weise durchaus einzigartig in Europa ausnimmt - Folge der regionalen Vielfalt des alten Reichs und insonderheit seiner Städte. Als aber das literarische Handwerk erlernt, das lateinische Dichten eingeübt ist, zu dem Conrad Celtis und andere aufgerufen haben, der Übergang zum Deutschen hätte probiert werden müssen, da tritt Luther auf und reißt die Nation in seinen Bann. Er pflügt die deutsche Sprache wie keiner vor oder nach ihm um, bereichert und schmiedet sie zusammen. Die volkssprachige Dichtung des 16. Jahrhunderts vom Schlage eines Hans Sachs, eines Jörg Wickram, eines Johann Fischart zehrt davon, von Kirchenlied, Predigt und Erbauungsschrifttum gar nicht zu reden. [2]

Aber die Einformung der antiken Kultur in die deutsche Sprach- und Bildungswelt zu befördern, ist sie natürlich nicht geeignet. So müssen die um 1500 abgerissenen Fäden wieder aufgenommen werden, als das von Luther ausgelöste Erdbeben abgeklungen ist. Das aber währt mehr als ein halbes Jahrhundert. Und nun haben sich die Bedingungen gründlich gewandelt. Italien, Spanien und Portugal, Frankreich und England, ja selbst die eben erst aus dem Kampf mit Spanien siegreich hervorgegangenen Niederlande besitzen ihre nationalsprachige Literatur auf antiker Basis. Namen wie Pietro Bembo und der erwähnte Jacopo Sannazaro, Garcilaso de la Vega und Fray Luis de León, Francisco de Sá de Miranda und Jorge de Montemayor, Pierre Ronsard und Joachim du Bellay, Edmund Spenser und Philipp Sidney, Jan van der Noot und Daniel Heinsius, die für diese nationale Erneuerung der Poesie einstehen, sind jedem Gebildeten in Europa und damit auch in Deutschland bekannt. Das also hat inzwischen ein mächtiges Pensum nachzuholen. [3]

Um eines vorwegzunehmen: Es grenzt für den Literarhistoriker, der sich ein Sensorium für geschichtliche Zusammenhänge bewahrt hat, fast an ein Wunder, daß die Lösung der Aufgabe, einmal angepackt, so rasch und so erfolgreich verlief. Im Gegensatz zu der - auch in Fachkreisen - nicht verstummenden Rede, daß wir es bei der deutschen sogenannten "Barockliteratur" (die in Wahrheit durch und durch eine vom Humanismus geprägte Literatur ist) mit einem kümmerlichen, schmächtigen Pflänzchen zu tun hätten, das keinen Vergleich mit seinen europäischen Vorbildern aushielte, ist ohne besonderen patriotischen Elan nüchtern zu konstatieren, daß ihre Schmähung mehr auf Unkenntnis und mangelnder Leseschulung beruht denn auf der gescholtenen Literatur selbst. Sie hat das große Pech gehabt, nicht mit Perioden nationalen Aufschwungs wie bei den Nachbarn zusammenzufallen. Deshalb gibt es im 17. Jahrhundert anders als etwa in Spanien oder in Frankreich keine "Klassik". Das, was wir mit einem gleichfalls problematischen Namen so bezeichnen, entfaltet sich auf deutschem Boden bekanntlich erst um 1800. Die Literatur des 19. Jahrhunderts aber - samt ihren empfindsamen Vorläufern und einer entsprechenden, auf dem Gefühl, dem Erlebnis beruhenden Kunstauffassung - wurde nun Maßstab und kritische Instanz für die unter gänzlich anderen Bedingungen erwachsene humanistische Literatur. Das hat sie in den Schatten im Rahmen der literarischen Erinnerung unseres Volkes gerückt, aus dem nur wenige Namen wie derjenige eines Gryphius, eines Grimmelshausen, eines Paul Gerhard zeitweilig hervortraten. Als Ganze, als ein kostbares Vermächtnis hoher Sprachkunst, hat sie keinen Eingang in die Bildungsgeschichte der Nation gefunden. Um so wichtiger, die so schwierigen Bedingungen zu erkunden, unter denen sie entstand, sich entfaltete und von Anfang an ein beherrschendes Thema zu ihrem vornehmsten Gegenstand hatte: Krieg und Frieden in Europa, in Deutschland, in Stadt und Land - und die Folgen für das Gedeihen der Künste inmitten des Wütens der Waffen. [4]

Ältere Literatur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und dem noch weiteren, tief in den Osten Europas hineinragenden deutschen Sprachraum zu betrachten, setzt die Fähigkeit voraus, sich in Kulturräumen bewegen zu können. Die Anfänge der neuen deutschen Kunstdichtung um 1600 regen sich an den Rändern: in Böhmen und Schlesien im Osten; in der Pfalz und am Oberrhein im Westen. Die Erklärung scheint einfach. In Grenzlandschaften ist der Wille zur Betonung nationaler Werte stets groß. Das mag richtig sein, reicht aber nicht hin. In der Frühen Neuzeit sind alle kulturellen Entwicklungen verquickt mit religiösen und alsbald auch mit konfessionellen Optionen. Der europäische Reformkatholizismus entfaltet seit dem Tridentinischen Konzil und seit der Gründung des Jesuitenordens ein offensives Kulturprogramm, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Er operiert in allen europäischen Ländern. Folglich bleibt er beim Lateinischen und setzt dieses auch in der Literatur, vor allem im Drama, weiterhin ein. Dramatiker wie Jakob Masen, Jakob Gretser, Jakob Bidermann zeigen, welch ein die Gewissen aufrüttelndes Schauspiel dem Orden möglich war. Der Protestantismus ist seit den Tagen eines Wyclif und Hus durch die Übersetzung der Bibel in die Volkssprachen groß geworden. So liegt es nahe, daß im Protestantismus der Versuch volkssprachiger Literatur eher Boden gewinnen konnte.

Interessanterweise sind es nun aber vom Calvinismus berührte Autoren und Territorien, die innerhalb des Protestantismus nochmals die Führung übernehmen. Das liegt an den guten internationalen Verbindungen, welche die reformierten Länder und Territorien unterhalten. Aber es liegt auch an dem ausgebildeteren politischen und kulturpolitischen Bewußtsein. Die Lutheraner waren viel eher bereit zum Bündnis mit den Katholiken als die Calvinisten. Ja, zuweilen mochte es scheinen, als seien die Zerwürfnisse unter den Protestanten heftiger und unheilbarer als zwischen den Altgläubigen und Lutheranern. Jedenfalls dürfen wir inzwischen von der in der Forschung weitgehend geteilten Auffassung ausgehen, daß es im Milieu des Calvinismus und der mit ihm sympathisierenden Kreise ein außerordentlich entwickeltes Bewußtsein dafür gibt, daß man auf die Offensive der Katholiken im nationalen Idiom antworten, auf diese Weise die Protestanten näher zusammenbringen und zugleich sich als Sachwalter der legitimen Interessen der Nation ausweisen müsse. Nicht anders können wir uns die Affinitäten erklären, die zwischen den Wortführern der neuen Literatur und den reformierten Herrscherhäusern und Adelsgeschlechtern etwa in Böhmen und Schlesien, in der Pfalz und am Oberrhein, alsbald aber auch in Mitteldeutschland, im Anhaltinischen und in Hessen etc. walten. "Literatur" dürfen wir freilich in dieser aufgewühlten Zeit nicht eng fassen. Die Grenzen zur Publizistik sind fließend. Und so wie die Dichter im Hauptgeschäft Juristen, Diplomaten, Sekretäre, fürstliche Berater, Konsulenten sind, so gebrauchen sie ihre Feder zu Reden, programmatischen Vorreden, Kommentaren, gelegentlich durchaus auch Pamphleten, um der Sache der "nationalen" Literatur wie der "nationalen" Politik zu dienen. Viel mehr als bislang wahrgenommen, sind aber auch die hohen Werke der Literatur, die sich so gerne als Übersetzungen oder Stilübungen geben, durchzogen von politischen Signalen, die man nur dechiffrieren kann, wenn man sich geschult hat in der Kunst des "uneigentlichen", des allegorischen Lesens. [5]

Machen wir auf knappem Raum ein paar Stich- und Leseproben! Böhmen ist unter Rudolf II. - wie schon einmal unter Karl IV. - ein Zentrum europäischer Kultur. [6] Im Jahr 1601 erscheint pseudonym und mit fingiertem Druckort die erste deutsche Gedichtsammlung im neuen Stil, Theobald Hocks bzw. Hoecks "Schönes Blumenfeld". [7] Der Verfasser hat allen Grund, seine Spuren zu verwischen. Er ist eine der Schlüssel- und Kontaktfiguren, die unter der Führung Christian von Anhalts an einer antihabsburgischen Front vor allem unter dem Adel Oberösterreichs und Böhmens arbeiten. Solchen begegnen wir auf Schritt und Tritt in der Anfangsphase der erneuerten deutschen Literatur. Seit 1600 steht Hoeck in den Diensten des böhmischen Magnaten Peter Wok von Rosenberg, bei dem ebenso wie bei Karl von Zierotin die Fäden zusammenlaufen. Die Sprache Hoecks ist noch unbeholfen und wenig geschmeidig. Die vielen lehrhaften Themen verweisen zurück auf die stadtbürgerliche Dichtung des 16. Jahrhunderts. Aber das Programm einer nationalen Kunstdichtung steht schon diesem Parteigänger der calvinistischen Sache vor Augen:

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"Warumb solln wir den unser Teutsche sprachen,
In gwisse Form und Gsatz nit auch mögen machen,
Und Deutsches Carmen schreiben,
Die Kunst zutreiben,
Bey Mann und Weiben." [8]

In vielfältigem Austausch mit Böhmen, politisch wie kulturell, steht Schlesien. Hier liegen auf engstem Raum weltliche und geistliche Fürstentümer, freie Standesherrschaften und Städte zusammen - an der Spitze die Metropole Breslau. Das Land steht als böhmisches Nebenland seit 1526 unter habsburgischer und damit katholischer Oberherrschaft. Das verhindert nicht, daß bis in das 17. Jahrhundert hinein katholische, lutherische, calvinistische Bekenntnisse in den Fürstenhäusern, im Adel und in den Städten nebeneinander existieren. Vielleicht liegt darin auch eine Wurzel für das Erblühen der Mystik, die auf schlesischem Boden und in der benachbarten Lausitz im 16. wie im 17. Jahrhundert ihre eigentliche Heimstatt besitzt. Caspar Schwenckfeld, Abraham von Franckenberg, Daniel Czepko, Angelus Silesius und viele andere sind hier zu Hause; Jakob Böhme wirkt von Görlitz aus herüber. Der interkonfessionelle Ausgleich in einem verinnerlichten Glauben ist in Schlesien vorbildlich verwirklicht worden. Ob er auch zur Blüte der deutschsprachigen Literatur beiträgt, die in Schlesien in einem Reichtum wie nirgendwo sonst sich entfaltet? Wir möchten es vermuten. [9]

Aber es kommen wie immer viele Faktoren zusammen. Die vielen Höfe, Herrschaften und Städte brauchen geschultes, "gelehrtes" Personal. Schlesien aber besitzt keine Universität. Also zieht man nach Westen; die weniger Bemittelten nach Wittenberg oder Leipzig, die besser Gestellten in die calvinistischen Hochburgen nach Leiden in den Niederlanden, nach Heidelberg, Basel oder an die Akademie in Straßburg, die 1621 zur Universität erhoben wird. Kein Land hat eine so weitverzweigte, weltoffene und kontaktfreudige späthumanistische Gelehrtenschaft beherbergt wie wiederum Schlesien. Und als ein aufgeklärter, irenisch im Sinne des Erasmus und Melanchthons gesonnener, bildungsfreundlicher Fürst - Georg von Schönaich - 1614 in Beuthen an der Oder ein Gymnasium gründet, steht hier für wenige Jahre ein angesehenes universitätsähnliches Institut zur Verfügung, das drei in die Moderne führende Vorzüge aufweist: erstmalige Errichtung einer Professur für Frömmigkeitskunde (pietas) mit dem ausdrücklichen Ziel einer Überwindung der Konfessionsstreitigkeiten; erstmalige Errichtung einer Professur für Sittenkunde (mores) mit dem Auftrag, moderne, bei Hof und im Beamtendienst verwendbare Fertigkeiten zu erwerben; Interesse und Aufgeschlossenheit gegenüber den nationalliterarischen Bestrebungen im Ausland und in Deutschland. [10]

Kein anderer als Opitz hat hier von seinem Lehrer Caspar Dornau und seinem Schutzherrn und Patron Tobias Scultetus von Bregoschitz seine ersten Anregungen für sein deutschsprachiges Literaturprogramm erhalten. [11] In einer Rede am Beuthener Gymnasium legt er ein Jahr vor Ausbruch des Krieges sein Programm - in lateinischer Sprache, wie es in der akademischen Welt üblich war - dar:

"Die deutsche Sprache müßt ihr lieben, wenn ihr nicht gegen den Himmel eures Vaterlandes, das heißt gegen euch selbst, Feindschaft hegt, an ihrer Ausbildung müßt ihr arbeiten, darin müßt ihr euch als Männer zeigen. Hier ist Rhodus, hier springet. Und glaubt ihr, man müsse Bitten und Beschwörungen nachgehen, nun so bitte ich euch bei eurer vielgeliebten Mutter Deutschland, bei euren glorreichen Ahnen, zeigt eine Gesinnung, würdig eures edlen Volkes, verteidigt eure Sprache mit derselben Ausdauer, mit der jene einst ihre Grenzen schützten. Bringt es wenigstens dahin, daß ihr die hohe Gesinnung, welche ihr lauter in euren edlen Herzen bewahrt, auch in einer lauteren Sprache ausdrücken könnt." [12]

Ein kriegerischer, chauvinistischer Ton? Beileibe nicht. Sondern nur Anpassung an die eingespielten und jedermann bekannten humanistischen Standards, die Rückbezug auf die edlen Vorfahren und Lobpreis der jeweils heimischen Sprache verlangen. Aber immerhin. Auch auf deutschem Boden regt sich nun die Einsicht, daß zu einer werdenden Nation - und welcher Humanist glaubt nicht an sie seit Dante und Petrarca? - eine nationalsprachige, und jetzt also endlich deutschsprachige Literatur gehört, in der die Themen behandelt werden können, welche die Gebildeten der Nation interessieren. Und dies eben sind die durch die Bürgerkriege und die Militarisierung der Konfessionen vorgegebenen großen nationalen Sujets.

Um ihnen Durchschlagskraft und eine Perspektive zu verleihen, dafür bedarf es allemal eines stimulierenden Milieus. Opitz findet es wie so viele Schlesier im Westen, in der Pfalz. [13] Die Metropole der Kurpfalz, Heidelberg, gilt als der strahlendste Hof des Reichs. Die Kurfürsten sind als erste in Deutschland zum reformierten calvinistischen Bekenntnis übergetreten. Die Pfalz ist die Speerspitze des internationalen Calvinismus auf deutschem Boden. Das verschafft dem Hof, der Universität, den Räten und Gelehrten die engen Kontakte zu den Hugenotten in Frankreich, den Reformierten in den Niederlanden, den Protestanten im Tudor-England Elisabeths und dem Stuart-England Jakobs I. Die Tochter des englischen Königs ist seit 1613 Gemahlin des jungen Pfälzer Kurfürsten Friedrich V. Ihre Hochzeit ist zu einer glanzvollen Feier und zu einem weit über die Grenzen des Reiches hinaus wahrgenommenen repräsentativen Akt geraten. Dies auch im Wetteifer mit der benachbarten höfischen Kapitale in Stuttgart, wo ein anderer großer Dichter seine gleichfalls deutschsprachige Poesie in den Dienst der Württemberger stellt: Georg Rudolf Weckherlin. Er verläßt Deutschland früh, siedelt nach England über und gerät daher in den Schatten von Martin Opitz. [14]

Haupt des Heidelberger Dichterkreises ist der gekrönte Dichter Melissus Schede. Den Gepflogenheiten der Humanisten gemäß verfaßt er seine großen Lyriksammlungen in lateinischer Sprache. Aber er kennt die Dichter um den französischen Hof, die sich in der Pléiade zusammengefunden haben und auf französisch dichten. So versucht er sich im Deutschen und wird damit zum Vorbild für die Jüngeren, die ihn verehren und ihm nacheifern, die aber auch Weckherlin kennen, sich der Dichtung etwa Johann Fischarts in Straßburg erinnern und zu denen nun Opitz und dessen Freunde aus Schlesien stoßen. Ihre Namen sind heute vergessen, während sich der Name von Opitz durchgesetzt hat. [15] Er findet die Worte für das zündende Programm, und er legt bald für die verschiedenen Formen der Poesie gültige und nachahmenswerte Muster vor. Geeint aber sind sie alle in der Überzeugung, daß es hohe Zeit für die Pflege einer deutschen Poesie sei und daß diese dazu beitragen müsse, über die Gefahren aufzuklären, die von einem militanten Katholizismus unter der Führung Spaniens für das deutsche Reich, für die Einheit der Nation drohten. Julius Wilhelm Zincgref, der Begabteste und Vielseitigste unter ihnen, hat uns ihre Versuche in einer Sammlung von Gedichten aufbewahrt. [16] Er besitzt Kenntnis von einem Gedicht Weckherlins an den deutschen Adel, der da mutig bereitsteht, die deutsche Sache zu verteidigen:

"Das Teutsche Reich bekannt ist unser Vaterland,
Teutsch sein wir von Geburt, von Stammen, hertz und hand.
Teutschland bedarf sich nit mit außländer beschönen,
Wie dann die Welt wohl weiß, daß es zu aller Zeit
Treffliche Leut genug hatte zum Fried und Streit." [17]

Da sollten wir wahrlich so wenig wie bei irgendeinem anderen Humanisten Haß auf Ausländer heraushören. Der Dichter fordert seine Landsleute auf, sich endlich so wie die Nachbarvölker zu ihren Qualitäten zu bekennen, den Frieden zu wahren, aber eben auch bereit zu sein, wenn der Aggressor sich nähert. Der Adel gibt dafür ein nachahmenswertes Beispiel ab. Genauso hat es der Herausgeber in einer langen "Vermahnung zur Tapferkeit" gesehen, mit der er die Sammlung abschließt. Von dem Tapferen gilt:

"Sein unverzagtes Herz ist seinem Vaterland
Ein unerstiegne Burg, des Volkes rechte hand.
Mit seines Leibes Maur sperrt er den wilden Feinden
Gleich vornen an der Spitz den zugang zu den Freunden,
Verscherzt die Freiheit nicht um einen Hut voll Fleisch,
Um eine Hand voll Blut, um einen Mund voll Geist." [18]

Solche Töne sind uns heute mehr als verdächtig. Aber auch sie zeugen nicht von Blut- und Todesrausch, Verachtung des Lebens und Glücks. Der Dichter, der die Greuel des Krieges vor Augen hat und auch in seinem Gedicht vergegenwärtigt, er sucht sie abzuwehren, indem er aufruft, die Freiheit, die immer eine innere und eine äußere ist, als das höchste Gut zu erkennen und zu bewahren. Spanien vor allem steht zu jener Zeit in dem Ruf, sie rücksichtslos zu knebeln. Die Angst vor der Inquisition und der Mißachtung des selbstgewählten Bekenntnisses wie eines sich selbst bestimmenden Lebens und Denkens, sie steht hinter den Zeilen der Dichter dieser Generation in Deutschland, wie uns ihre gleichzeitige Publizistik drastisch vor Augen führt.

Die Dichter aber, die sich da in der deutschen Sprache am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges üben und Autonomie der Person wie der Nation zu einem ihrer bevorzugten Themen machen, sie operieren nicht ohne Verbindungen und Kontakte. Parallel zu ihren Bemühungen wird von fürstlicher Seite aus wiederum am Vorabend des Krieges ein großes nationales und kulturpolitisches Einigungswerk auf den Weg gebracht, das sich mit ihren Bemühungen trifft. Auch dieses ist unserer geschichtlichen Erinnerung entglitten, obgleich es doch verdient hätte, besser bekannt und in unsere Geschichtsbücher eingegangen zu sein. Als die Humanisten zuerst in Italien sich anschicken, die Kultur der Antike planmäßig zurückzuerobern, da finden sie sich unter dem Patronat von Fürsten in Akademien zusammen, um sich bei der Erkundung der neuen Wege des Dichtens, Denkens, Handelns abzustimmen und Mäzene für ihr Werk zu interessieren. [19] Auch in Deutschland kommt es schon um 1500 zu parallelen Gründungen. [20] Im 17. Jahrhundert wird die Schaffung der nationalen Sprache und Literatur vor allem über die Dichtervereinigungen bewerkstelligt, die sich in einigen Städten - Straßburg, Hamburg, Königsberg, Nürnberg etc. - Namen und Satzungen geben und von der Philologie des 19. Jahrhunderts nicht eben glücklich "Sprachgesellschaften" getauft worden sind.

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Die weitaus bedeutendste wird schon 1617 gegründet und nennt sich - in Anlehnung an die "Accademia della Crusca" in Florenz - "Fruchtbringende Gesellschaft". [21] Gewiß, sie möchte Früchte bringen in der erneuerten Sprache und Literatur. Aber doch sehr viel mehr als das! Unter ihren alsbald Hunderten von Mitgliedern stehen neben dem Adel und einigen gelehrten Dichtern wie Opitz die protestantischen und gerade wiederum die calvinistischen fürstlichen Spitzen des Reichs aus Hessen und Brandenburg und Schlesien etc. Die Anhaltiner Fürsten, und zumal Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen, geben ihr den organisatorischen Rahmen und das Programm. Da ist neben den konkreten Aufgaben für Sprache und Dichtung viel von "teutscher" Tugend und Treue, von altem "teutschen" Vertrauen und biederer Tapferkeit die Rede. Die Germanistik weiß bislang nicht besonders viel mit diesen Formeln anzufangen. Dabei ist doch klar, daß sie mit den von Dichtern und Gelehrten lancierten Vorstellungen übereinstimmen. Wieder geht es darum, die Nation zusammenzuschweißen, sie an ihre heldenhafte Vergangenheit zu erinnern, um sie zu rüsten für die große Aufgabe und Auseinandersetzung, die ihr unmittelbar bevorsteht. Weiß man um die ungezählten Bemühungen im 16. Jahrhundert, angefangen bei den Kaisern wie Karl V. und seinem Bruder Ferdinand I., den Vermittlungstheologen vom Schlage eines Melanchthon, seinen humanistischen Freunden überall im Reich, Brücken über den Abgrund der Konfessionsspaltung zu bauen, so rückt auch das nationale Anliegen der Fruchtbringenden Gesellschaft in die rechte Perspektive. Am Vorabend des großen Krieges stellt sie einen letzten (ergreifenden) Versuch dar, ein Bündnis der Einigung zustandezubringen. Deshalb die strikte Order, keine Theologen aufzunehmen, um Hader fernzuhalten, deshalb die "weichen", offenen "teutschen" Formeln, um keine neuen Gräben aufzureißen, sondern womöglich alle zur Mitwirkung einzuladen. Wo dies aber scheitert, sollen die protestantischen und zumal die reformierten Reichsstände ein Forum zur raschen Verständigung und zum gezielten Handeln besitzen. Neben der Freimaurerbewegung des 18. Jahrhunderts stellt die Fruchtbringende Gesellschaft die umfassendste nationale kulturpolitische Initiative auf deutschem Boden im Alten Reich dar.

All diese Bemühungen scheitern. Bevor sie aber in den Strudel des Krieges gerissen werden, findet ein atemberaubendes politisches Husarenstück auf deutschem Boden statt, zu dem es wenige vergleichbare geben dürfte. Unsere Dichter sind alle mehr oder weniger direkt involviert. Hätte es Erfolg gehabt, unsere deutsche Geschichte - und nicht nur die unserer Literatur - wäre anders verlaufen. [22] Im August des Jahres 1619 rüstet sich der junge Kurfürst Friedrich von der Pfalz in Heidelberg, um - unterstützt von vielen seiner Räte, seinem Hofprediger Abraham Scultetus und dem Hof nahestehenden Dichtern wie Opitz oder Zincgref - die Königswürde in Prag entgegenzunehmen. Dann wäre die seit langem existierende enge kulturelle Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen in der Personalunion des Königs und des Kurfürsten sinnfällig zum Ausdruck gelangt. Der protestantische und vielfach calvinistische böhmische Adel unterstützt das Vorhaben lebhaft. Die illustre schlesische Humanistenschaft, ein Tobias Scultetus, ein Caspar Cunrad, ein Henel von Hennenfeld, alle Förderer und Gönner der Bestrebungen von Opitz und seinen Freunden, wünschen innig das Gelingen. [23] Dann wäre der Druck der katholischen Habsburger von ihnen gewichen. Zahllose Gedichte, Pamphlete, Huldigungen ruhen in der einzigartigen Breslauer Stadt- und heutigen Universitätsbibliothek Wroc?aw, die uns eine Ahnung von den unvorstellbaren Hoffnungen dieser Generation vermitteln. Opitz und Zincgref dichten beide eine Rede bzw. ein kleines lateinisches "Epos" auf den aufbrechenden Kurfürsten und alsbaldigen böhmischen König.

Als "Winterkönig" jedoch wird er in die Geschichte eingehen. Denn nach einem guten Jahr ist der Traum verflogen, die Schlacht am Weißen Berg im November 1620 gegen die Katholiken, die Truppen Spaniens und der Liga Maximilians von Bayern, verloren. Der König muß Prag aufgeben. Die Stadt Breslau, die ihm eben noch triumphal gehuldigt hat, sieht ihn nun als Flüchtenden. Seine Anhänger müssen sich ducken. Und während in Prag ein schauerliches Blutgericht anhebt, entkommen die Schlesier glimpflich. Der Traum aber einer frei sich entfaltenden nationalen Poesie in einem eng unter den Fittichen eines protestantischen Königs zusammenrückenden Reichs ist hier wie allenthalben ausgeträumt. Das Werk der Fruchtbringenden Gesellschaft gerät ins Stocken und wird fortan erheblich erschwert. Viele ihrer Führer sind in das Prager Geschehen involviert. Die Dichter aber haben nun den zunächst mit ganzer Wucht über die Pfalz hereinbrechenden Krieg zu verarbeiten. Und sie sind zur Stelle. Das letzte Gedicht in der von Zincgref 1624 in Straßburg besorgten Opitz-Ausgabe, rasch unter dem Eindruck der laufenden Ereignisse nachgeschoben, lautet:

 "Ein Gebet, daß Gott die Spanier widerum vom Rheinstrom wolle treiben
Schlag doch, du starker Held, die scheußlichen Maranen
So leider ihre Zelt und Blutgefärbten Fahnen
Auch jetzt in Teutschland bracht, an unsern schönen Rhein,
Der Waffen tragen muß, vor [statt] seinen guten Wein,
Es ist genug gespielt mit eisernen Ballonen,
Du grosser Capitain, hör' auff, fang an zu schonen,
Es ist genug, genug, die Götter sein verheert
Durch die, so sie gemacht, Statt, Dorff, und Feld verkehrt,
Laß die, durch deren Grimm die Ströme kaum geflossen
Von Leichen zugestoppft, nit außgehn ungenossen [ungerächt]
Und mache kundt, daß der, der dir zugegen strebt,
Stürtzt, oder bleibt er ja, ihm [sich] selbst zur straffe lebt." [24]

So nimmt sich die werdende neue deutsche Dichtung in den Händen ihres Topmanagers aus. Opitz ist der Propagator eines Verses, in dem die natürliche Betonung der Wörter wieder mit ihrer metrischen übereinstimmt, und beinahe ist es ihm gelungen, das selbstgesetzte Gebot korrekt in seinem Gedicht einzuhalten. Gewiß hätte er daran weitergearbeitet, um ihm den letzten Schliff zu geben. Aber er wagt es nicht, das brisante Stück in die erste von ihm selbst besorgte Ausgabe seiner Gedichte aus dem Jahre 1625 mit aufzunehmen. Wie seine Freunde muß er aus Heidelberg fliehen. Mit einem Schlag ist das gelehrte und poetische Leben am Neckar erstorben. Der Kurfürst weilt im Exil in Den Haag. Die schönste und reichste Bibliothek auf deutschem Boden, die Palatina, ist geplündert, ihre Schätze sind über München nach Rom in den Vatikan gebracht worden. Opitz aber hat seinen ruhmvollen Weg angetreten, da kann Kritik der katholischen Vormacht nur schädlich sein. Wir aber ersehen aus dem mutigen kleinen Stück, daß auch die sogenannte Barockdichtung in allen Spielarten mehr ist als poetische Fingerübung, daß sie teilnimmt am Zeitgeschehen und mit Witz und Scharfsinn der deutschen Sache nicht nur in ihrem sprachlichen Gewand, sondern auch in ihren Themen zu dienen sucht.

Das nun anhebende Kriegsgeschehen ist aber nicht mehr nur in den lyrischen Formen zu bewältigen. Es verlangt nach den Großformen des Dramas, des Romans, des Epos. Wie aber soll diese Aufgabe auf deutsch bewerkstelligt werden, da die deutsche Literatur doch eben erst zaghafte Schritte tut, um sich in den kleinen lyrischen Formen zu schulen, schwerlich aber bereits gerüstet ist für die großen Formen, deren Eroberung durch Übersetzung sich vor allem die Fruchtbringende Gesellschaft vorgenommen hat. Auch unter diesem Gesichtspunkt wird ihr das, was da unter dem Zwang der Ereignisse zustande kommt, immer zur Ehre gereichen. Ungezählt sind nicht nur die Gedichte auf den Krieg und die an ihn sich heftende Friedenssehnsucht in der Tradition des europäischen Humanismus. [25] Auch das Kriegs- und Friedensdrama ist rasch entwickelt. Der in Wedel bei Hamburg amtierende Pfarrer und Statthalter von Opitz im Norden, Johann Rist, pflegt es ebenso erfolgreich wie der Wolfenbütteler Prinzenerzieher Johann Georg Schottel. Diejenige Gattung der europäischen Literatur, die seit den Tagen Vergils in erster Linie zuständig ist für Kriegsklage und Friedenssehnsucht, die Hirtendichtung oder Bukolik, wird ebenfalls von Opitz, von Paul Fleming, von Simon Dach und ungezählten anderen sogleich auch in deutscher Sprache entwickelt und ist zur Stelle, wenn es gilt, Kunde zu geben von dem Unerhörten. Am Ende des Krieges wird in ihr souverän und ohne die Spur eines Zeichens der Ermüdung in Nürnberg das Ende der Greuel und der endliche Einzug des Friedens in höchster artistischer Meisterschaft besungen. [26]

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Das erhabene Forum aber für die poetische Behandlung der Schicksalsfragen der Nation ist seit den Tagen Homers und Vergils, Petrarcas, Ronsards und Spensers das Epos. Und auch da versagt Deutschland nicht. Noch einmal ist es Opitz vorbehalten, in die Bresche zu springen. Aber das, was er unter dem Eindruck des Krieges und in Erinnerung an die Vorgänge in Frankreich und den Niederlanden als eben Zwanzigjähriger dichterisch zustandebringt, ist so brisant und so riskant, daß der Dichter sich nicht getraut, das Werk zu publizieren. 1620/21 geschrieben, erblickt es erst 1633 das Licht der Welt, nachdem der schwedische König Gustav Adolf den Protestanten eine Atempause verschafft und ihnen neue Hoffnung geschenkt hat.

 "Des schweren Krieges Last / die Deutschland jetzt empfindet /
Und daß Gott nicht umsonst so heftig angezündet
Den Eifer seiner Macht / auch wo in solcher Pein
Trost her zu holen ist / sol mein Getichte sein." [27]

So fängt der Dichter an. Krieg ist das Thema des Epos seit Homer. Sein Ende aber ist seit Vergils "Aeneis" der Friede und die erreichte nationale Einheit. Von beidem ist Deutschland weit entfernt, als Opitz anhebt zu schreiben. So macht er aus der Not eine Tugend und stellt eine Kreuzung aus Epos und Lehrgedicht her, die seinen großen Kunstverstand überzeugend unter Beweis stellt. Denn einhaltend, bedenkend, lehrend vermag er das Geschehen nun zugleich zu deuten, ihm seinen weltlichen, politischen und zugleich seinen geistlichen, metaphysischen Sinn abzugewinnen. Die Lehre aber heftet sich ans Exempel. Und an denen fehlt es gleich bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges auch in Deutschland schon nicht mehr.

 "Das Volck ist hin und her geflohn mit hellen hauffen,
Die Töchter sind bey Nacht auf Berge zugelauffen,
Schon halb vor Schrecken tot, die Mutter hat die Zeit,
In der sie einen Mann erkannt, vermaledeit.
Die Männer haben selbst erbärmlich müssen flehen,
Wann sie ihr liebes Weib und Kinder angesehen.
Die kleinen Kinderlein, gelegen an der Brust,
So noch von keinem Krieg' und Kriegesmacht gewußt,
Sind durch der Mutter Leid auch worden angeregt,
und haben allesamt durch ihr Geschrei beweget;
Der Mann hat seine Frau beweint, die Frau den Mann
Und was ich weiter nicht aus Wehmut sagen kan." [28]

Das Leid des Krieges, Erasmus hat es immer wieder eingeschärft, ist zeitlos. Voll Teilnahme beugt sich der Dichter über das namenlose Elend, das er die Zeiten überdauernd im Wort festhält. Aber er bleibt nicht stehen bei dem Unfaßbaren.

 "Viel minder werd' ich nun des Feindes harte Sinnen
Und grosse Tyrannei genug beschreiben können,
Dergleichen nie gehört." [29]

Das Unaussprechliche versagt sich dem Wort. Und doch will es festgehalten, der Aggressor identifiziert und seine Tyrannei beim Namen genannt sein. Poesie im Umkreis von Humanismus und Aufklärung hat kritische Funktion, und der Dichter wird auch dieser Aufgabe gerecht. Wieder durch das Exempel gibt er kund, wo er die Ursache des Unheils sieht. Die Bartholomäusnacht in Frankreich und die heldenhafte Verteidigung der Niederländer wählt er im zentralen dritten Buch, um seine Deutung der Geschichte vorzutragen:

 "Wer wundert sich doch nicht, der Niederland betrachtet,
Der Spanschen Hoffart Zaum? wie war es so verachtet?
Noch hat der kleine Platz so viel nechst Gott, getan,
Was warlich die Vernunft gar übel fasen kann:
Philippus war nun Herr wo Phebus auf zu stehen,
Das große Licht der Welt, und nieder pflegt zu gehen;
Er hatte mehrentheils fast unter seine Macht
Der Amphitrite Strom [die Ozeane] und großes Reich gebracht
Noch risse Holland loß: Die Marter, Pein und Plagen
Der grimmen Tyrannei war länger nicht zu tragen:
Das sehr bedrengte Volk ward endlich aufgesetzt,
Nachdem sein Blut genug das ganze Land genetzt,
Und Alba solchen Grimm und Wüterei begangen,
Dergleichen nie gehört." [30]

Im Reich Karls V. und Philipps II. geht die Sonne nicht unter, und doch vermögen die Niederlande letzterem zu trotzen. Das ist mehr als nur ihrer Tapferkeit geschuldet. Sie haben Gott für ihre gerechte Sache auf ihrer Seite. Der Tyrann aber ist der politische Arm der Gegenreformation, ist Spanien. Er knebelt das Land politisch. Viel schlimmer aber ist die Vergewaltigung des Glaubens, der Seele, des Gewissens. Nichts, so Opitz in Übereinstimmung mit den europäischen Humanisten, gleicht dem Frevel, der in der Verhinderung der freien Ausübung der Religion liegt. Sie ist das Kostbarste, das dem Menschen überantwortet ist, und darf seiner freien Selbstbestimmung nicht entzogen werden.

 "Es ist ja nichts so frei, nichts also ungedrungen
Als wohl der Gottesdienst: so bald er wird erzwungen,
So ist er nur ein Schein, ein hohler falscher Ton.
Gut von sich selber tun das heißt Religion,
Das ist Gott angenehm. Laßt Ketzer Ketzer bleiben,
Und gleubet ihr für euch: Begehrt sie nicht zu treiben.
Geheissen willig sein ist plötzlich umgewandt,
Treu die aus Furchte kommt hat mißlichen Bestand." [31]

Damit findet Opitz, finden die deutschen Dichter Anschluß an die europäische Tradition der humanistischen Friedensdichtung. Und schon zeichnet sich auch bei ihnen ab, was Bestimmung aller dieser unverändert aktuellen Kundgebungen sein wird. Wo dem Verketzern des Nächsten das Handwerk gelegt werden soll, da tritt zugleich die Besinnung auf das Verbindende in ihre Rechte. Das Gute um seiner selbst willen und aus freien Stücken heraus zu tun, ist edelster Gehalt einer jeden Religion. Genau so werden es Lessing und seine Freunde anderthalb Jahrhunderte später formulieren, und damit die Fackel der Humanisten in das Zeitalter der Aufklärung tragen. Haben wir anderes an die Stelle dieser Botschaft zu setzen?

Opitz aber möchte in der die Zeiten überdauernden Artikulation der Wahrheit zugleich seinem Volk in der Stunde tiefster Not dienen. Er tut dies auf vielerlei Weise, bevorzugt aber auf zwei Wegen. Das niederländische Beispiel lehrt, daß Widerstand im Wissen um die rechte Sache nie vergeblich ist und immer geleistet werden muß. Er rüttelt seine Landsleute in der großen Tradition des politisch agierenden Dichters durch seine Verse auf. Die Gefahr ist identifiziert. Sie droht in der gegenwärtigen Stunde von der katholischen, zumal der spanischen Seite. Sein Gedicht versteht sich in Übereinstimmung mit der Pfälzer und mit der reformierten Publizistik insgesamt als Hort des Widerstands, gehört hinein in die Geschichte der Ästhetik des Widerstands.

Zugleich aber will der Dichter die Lehre, den geschichtlichen Gehalt aus dem Exemplum ziehen. Er kleidet sich wie in allen großen Texten der Frühen Neuzeit in das Gewand der Religion, das immer geschmückt ist von den Farben der Utopie, des erlösten Lebens. Es gibt Überzeugungen, es gibt ein Wissen, die dem Tage entzogen sind, bestimmt, ihn zu überdauern. Der Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst ist die Hoffnung beigesellt, daß das ihm zuinnerst Zugehörende über seine Erdentage hinaus bleiben wird. Das, was Ziel der Guten war, die sich dem Wüten widersetzten, wird verwandelt eingehen in die Ewigkeit:

 "Was um und um wird sein wird alles Frieden heißen
Da wird sich keiner nicht um Land und Leute reissen
Da wird kein Ketzer sein, kein Kampf, kein Zank, kein Streit
Kein Mord, kein Städtebrand, kein Weh, kein Hertzeleid
Dahin dahin gedenkt in diesen schweren Kriegen,
In dieser bösen Zeit, in diesen letzten Zügen
Der nunmehr-kranken Welt; Dahin, dahin gedenkt
So läßt die Todesfurcht euch frei und ungekränkt." [32]

Das ist die Erfüllung der deutschen Poesie in ihrer ersten Phase bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Sie wird genügend Gelegenheit erhalten, sich während der drei kommenden Jahrzehnte immer wieder neu zu bewähren.

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ANMERKUNGEN

1.Die Grundzüge dieses hier nur angedeuteten Bildes habe ich in einer Reihe von leicht greifbaren Lexikon-Artikeln, die auch reichlich weiterführende Literatur bieten, ausführlicher entwickelt. Vgl. Garber 1996 sowie Garber 1990. Vgl. auch den die Frühneuzeit-Sequenz abschließenden Epochen-Artikel Garber 1996a.
2.Eine neuere Darstellung der Literatur des späten 15. und des 16. Jahrhunderts in Deutschland fehlt. Vgl. Füssel 1993; Müller 1984.
3.Die Anfänge der neueren deutschen Literatur sind vor allem von Erich Trunz und Leonard Forster erforscht worden. Ihre Beiträge sind zusammengefaßt in Trunz 1995 und Forster 1977.
4.Zu diesen allgemeinen Gesichtspunkten der Bewertung der Barockliteratur vgl. Garber u.a. 1991.
5.Vgl. zu diesem Zusammenhang mit der weiteren Literatur Garber 1986.
6.Dazu umfassend Trunz 1992.
7.Kühlmann 1990.
8.Hock 1899, S. 31 (Schreibung hier und im folgenden modernisiert).
9.Aus der reichhaltigen Literatur soll hier nur auf das schöne Buch Peuckert 1973 verwiesen werden, das diesen Kosmos erstmals erschloß. Zu Schlesien als geistiger Landschaft vgl. vor allem Schöffler 1956.
10.Dazu zuletzt mit der ganzen Literatur: Seidel 1994.
11.Zu Opitz bislang am umfassendsten mit der Literatur zum literarhistorischen und geschichtlichen Kontext: Garber 1984.
12.Opitz 1888, S. 117f. (Übersetzung von Witkowski).
13.Ein umfassendes Portrait der späthumanistischen Pfalz fehlt bislang. Vgl. Kühlmann/Wiegand 1989.
14.Zu Weckherlin die maßgebliche Biographie von Forster 1944 sowie die in Forster 1977 zusammengestellten Arbeiten zu Weckherlin.
15.Mertens 1974.
16.Sie erschien als Anhang zu den gleichfalls von Zincgref herausgegebenen Gedichten des Martin Opitz (vgl. unten Anm. 24) und ist separat neugedruckt: Zincgref 1879. Hiernach im folgenden zitiert. Zu Zincgref vgl. den Beitrag von Axel E. Walter in diesem Katalog.
17.Zincgref 1879, S. 20. Vgl. auch den textkritischen Abdruck in Weckherlin 1968, I, S. 24f. Das Gedicht steht auch in der von Weckherlin verfaßten Festbeschreibung anläßlich der Taufe des Prinzen Friedrich von Württemberg. Vgl. Krapf/Wagenknecht 1977, S. 159.
18.Zincgref 1879, S. 62.
19.Vgl. dazu jetzt umfassend Garber/Wismann 1996.
20.Eine neuere Darstellung fehlt. Letzte Zusammenfassung mit umfänglicher Literatur bei Garber 1990a.
21.Vgl. dazu die Quellenpublikation von Conermann 1985 sowie die Quellenpublikation Bircher/Conermann 1991ff.
22.Garber 1986a.
23.Vgl. die Schlußkapitel in der großartigen Epochendarstellung bei Gillet 1860. Zu der unter diesen Aspekten immer noch gänzlich unzureichend erforschten politischen Geschichte des Späthumanismus vgl. Fleischer 1984.
24.Opitz 1902, S. 148. Auch wiederzufinden in der kritischen Ausgabe Opitz 1968ff., II/1, S. 216f. Hier S. 218-290 Wiederabdruck der Zincgrefschen Anthologie (vgl. Anm. 16).
25.Vgl. dazu den Beitrag von Wilhelm Kühlmann in diesem Band.
26.Vgl. dazu den Beitrag von Hartmut Laufhütte in diesem Band. Parallel dazu Garber 1998. Eine Darstellung der europäischen Hirtendichtung unter dem angedeuteten Gesichtspunkt fehlt. Vgl. vorläufig Garber 1982 und den entsprechenden Beitrag in diesem Band.
27.Der einzige komplette Neudruck findet sich im ersten Band von Opitz 1968ff., S. 187-266. Zitat S. 192.
28.Opitz 1968ff., I, S. 195.
29.Opitz 1968ff., I, S. 195.
30.Opitz 1968ff., I, S. 238.
31.Opitz 1968ff., I, S. 205f.
32.Opitz 1968ff., I, S. 262.

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