KLAUS GARBER
Pax pastoralis - Zu einer Friedensgattung der europäischen Literatur
Die europäische Literatur war bis in das 18. Jahrhundert hinein ein wohlgepflegter Garten. Die Gewächse hatten ihren angestammten Platz. Es gab königliche und domestike Pflanzen. Und niemand wäre auf die Idee gekommen, sich an solchen zu vergreifen, die einem nicht zustanden. In der Sprache der Literatur heißen solche Blumen Gattungen. Sie regulierten über mehr als zwei Jahrtausende den Prozeß der literarischen Kommunikation. Er verlief in festen Bahnen, die jedem bekannt waren, der sich an dem Spiel beteiligte. Und er betraf keinesfalls nur Formalia. Mit der Wahl der Gattung waren stilistische und gedankliche Tonlage, Art des Sprechens und Form des Denkens immer zugleich vorgegeben. Erst die Literaturrevolution des 18. Jahrhunderts hat diese Vorgaben verabschiedet. Sie postulierte das einsame, seine Regeln sich selbst gebende, aus einem unverwechselbaren Ich schöpfende Genie, das ein einmaliges und unverwechselbares Werk zeuge. Nachdem das Bild des geoffenbarten Gottes in den konfessionellen Streitigkeiten ins Zwielicht geraten war, schickte sich der Künstler als second maker an, seine Stelle einzunehmen. Der Weg zur Kunstreligion und zur Kunstgemeinde war von dort nicht weit. Das 19. Jahrhundert hat ihn hundertfach beschritten; das 20. auch in seinem Zeichen die wahnwitzigsten Verbrechen kaschiert...

Die Hirtendichtung gehört auf der Stufenleiter der europäischen Literatur zu den niederen Gattungen. Sie verweigert sich dem genus grande, dem epischen Gestus. Und das ganz bewußt schon bei ihrem Begründer. Als Theokrit - neben Kallimachos der größte Dichter der hellenistischen Epoche - erstmals Hirtenlieder schrieb, geschah dies in dem Willen, der Literatur neue, unverbrauchte Stoffe zuzuführen. Sie sind ein Produkt nicht der Früh-, sondern der Spätzeit, und also mit allen Raffinessen einer ans Ende gelangten Kunstübung versehen. Wenn Hirten in ihren Wettgesängen, in ihren Eitelkeiten und Sticheleien den Hexameter im Mund führen, der dem homerischen Epos und dem pindarschen Preislied vorbehalten war, dann nimmt die Bukolik den Charakter einer Travestie an. Nur ein geschultes Publikum vermag sich an dem subtilen literarischen Spiel zu erfreuen. Für ein solches an den Höfen von Alexandrien und Syrakus wurde es ersonnen. Diese Raffinesse hat die Gattung bewahrt. Eben das macht sie geeignet, Forum und Organon höchster Gedanken und Ansprüche zu werden.

Der Nachfolger Theokrits und größte Dichter der Römer, Vergil, hat sie zu diesem Rang erhoben. Wieder erscheint die niedere Hirtendichtung in Opposition zum hohen Epos. Nun aber so - und unendlich folgenreich! -, daß sie sich nicht länger scheut, das epische Thema als ein nationales zu übernehmen und dem geringfügigen Sujet des Hirtenlebens zu integrieren. Dem hohen Genre der europäischen Literatur ist es aufgetragen, den heldenhaften Weg der Selbstfindung einer Nation zu besingen. Dafür steht Homer bei den Griechen, Vergil mit seiner Aeneis bei den Römern ein. Der Hirtendichtung aber ist es vorbehalten, das heldische Thema im unteren, niederen, eben pastoralen Milieu zu umspielen. Das aber heißt nichts anderes, als dem Prozeß der Geschichte seinen Sinn und sein Ziel zu bezeichnen. Mit dieser Lizenz ausgestattet, vermochte die niedere Gattung ebenbürtig neben die hohe zu rücken. Ihr waren Dinge zu sagen erlaubt, die der hohen versagt blieben. Derart hat die Hirtendichtung einen dem Epos komplementären Platz eingenommen und war in dieser Funktion nicht nur geadelt, sondern unersetzlich. Bis in die Zeit Goethes begleitete sie die hohe Dichtung als ihr beredter und hintergründiger Dolmetscher.

Vergils zehn Hirtenlieder fielen in die Zeit der Bürgerkriege in der untergehenden Republik. Der Aufstieg der Kaiserherrschaft zeichnete sich bereits ab. Der Stern des Augustus war im Aufgehen begriffen. Indem Vergil diese welthistorischen Tendenzen seinen Gedichten einschrieb, hob er sie weit über den von Theokrit vorgegebenen Horizont heraus. Krieg heißt Leid, symbolisch vergegenwärtigt im vertriebenen, verstörten, heimatlos daherirrenden Hirten der ersten Ekloge - ein literarischer Archetypus bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts, da das alte, mehr als zweitausendjährige Europa politisch wie kulturell versank.

 Uns aber treiben sie fort zum Strand der dürstenden Afrer,
Fern zu den Scythen hinaus, zum reißenden Sturz des Oaxes,
Zu den Britannen, die ganz vom Rund der Feste getrennt sind;
Ah, so gewahr ich dereinst, vielleicht nach Jahren, die Heimat,
Schaue des Weilers Dach, von dürftigem Rasen geschichtet,
Mein alt Reich, und wundere mich der wenigen Ähren?
Wie? Ungläubigen wird mein Fleiß, barbarischen Söldnern
Saat und Acker zuteil? Hat dies unselige Zwietracht
Über die Bürger vermocht?

Seither hat die Hirtendichtung nicht aufgehört, die politischen Katastrophen in sich aufzunehmen, Anwalt und künstlerischer Stellvertreter der geschundenen Menschen zu sein. Auch darum blühte sie niemals üppiger als in der Zeit der konfessionellen und nationalen Kriege zwischen 1550 und 1680 in Europa.

Zugleich aber ist Hirtendichtung seit Vergil ein literarischer Ort, in dem Auswege aus der Krise gesucht, Zeichen der Hoffnung erkundet und aufgerichtet werden. Hirtendasein ist musisches Dasein. Schon bei Homer sind schalmeienblasende Hirten bezeugt. Der Musengott Apollo mit der Leier ist auf Delos auch Hirte gewesen. Im Bündnis mit den Musen ist die sagenhafte Gestalt des Sängers Orpheus. Sein Gesang befriedet Mensch und Natur. Alle diese und viele andere mythische Überlieferungen flocht Vergil seinen Eklogen anspielungsreich ein. Im musischen Hirten ist symbolisch verkörpert, was der Mensch zu sein vermöchte, wenn er Herr würde über seine Aggressionen, abließe von Vernichtung und Haß, freundlich sich und seinem Nachbarn gesinnt wäre, die Natur einbezöge in sein Dasein, eben friedensbereit und friedensfähig würde. Auch diese Vision besitzt ihre archetypische Gestalt in der ersten Ekloge Vergils, die Generationen über Generationen lesend, lernend, nachahmend begleitete:

 Tityrus, unter dem Dach der schattigen Buche gelagert, Pfeifst du, dir selber zur Lust, auf geschnittenem Halme dein Waldlied;
Wir aber wandern, wir fliehn der Heimat holde Gebreite,
Fliehen das Heimatland. Du, Tityrus, lässig im Grünen,
Lehrest den horchenden Wald Amaryllidis Namen erwidern.

Zwei Hirten also, der gehetzte Meliboeus und der mußevoll die Hirtenflöte blasende Tityrus aus Vergils erster Ekloge, stehen am Beginn der Hirtendichtung Europas. Wenn sie Tausende von Nachfolgern hatten, so deshalb, weil sie ihr Schöpfer transparent gemacht hatte für die großen geschichtlichen Bewegungen seiner Zeit. Kunst überdauert paradoxerweise die Zeit in dem Maße, wie sie erfüllt ist von Zeit, von Erfahrung der Geschichte. Zerrissenheit soll nicht das letzte Wort behaupten. Tityrus, der Verschonte, weiß sich als ein Beschützter. In ihm ist zukünftiges Leben vorweggenommen. Wenn der Kaiser, wenn Oktavian den Bürgerkrieg beendet hat, wird eine Zeit des Friedens anbrechen. Dieser Friede ist in der friedfertigen Gestalt am Eingang des Eklogenbuchs symbolisch bedeutet. So wie der eine Hirt Opfer und Repräsentant des alten Zeitalters der Bürgerkriege ist, so der andere Geretteter und Repräsentant der Friedenszeit. Friede war für den Römer nur als politischer denkbar. Er war für Vergil gebunden an den Alleinherrscher, den Caesar-Imperator. Die Problematik des Augusteischen Modells, das Vergil wesentlich mitgeformt hat, liegt auf der Hand. Republikanische Aspirationen sind ihm fremd. Die Republik hatte sich erschöpft. Anders als Horaz hat ihr Vergil kein Denkmal gesetzt. Dafür verpflichtete er den siegreichen Augustus in seinen drei weltliterarischen Schöpfungen, den Bucolica, den Georgica und der Aeneis, auf die Wahrung von Frieden. Im Zeichen der Pax Augustana ist die Hirtendichtung literarisch in die Welt getreten und hat weltliterarische Karriere gemacht. Ihre große, Europa umfassende wissenschaftliche Rekonstruktion steht bis heute aus.

Auch am Beginn der neueren Hirtendichtung steht ein erlauchter Name, derjenige Dantes. Niemand in der europäischen Literatur hatte mehr Veranlassung, die niedere Gattung, das genus humile, wieder aufzunehmen. Dante ist der Schöpfer und der Theoretiker einer volkssprachigen Literatur einschließlich der Sachprosa. Er hat sich sein Wissen als Laie erworben, und für Laien, für Lateinunkundige wünschte er zu sprechen und zu dichten. Freigebig wollte er beitragen zur Bildung, zum Umlauf von Wissen im Volk. Der niederen Gattung der Hirtendichtung, der Ekloge, vertraute er verschlüsselt dieses volkssprachige Programm an. Damit stellte er sicher, daß der unscheinbaren Literaturform die großen zeitbewegenden Themen an der Schwelle zur Moderne erhalten blieben. Seine beiden berühmten Nachfolger, Petrarca und Boccaccio, haben das päpstliche Schisma, die Korruption der Kurie, die desolate politische Situation Italiens und ungezählte andere Fragen in ihren Eklogenbüchern behandelt. Sie konnten und durften dies, weil der Hirte der Literatur als 'Sänger' die Rolle des Dichters vertrat, immer also schon mehr und anderes war als schlichter Hüter seiner Tiere. Die gesamte Schar der europäischen Humanisten spielte mit. Kein Ereignis, das nicht bukolisch chiffriert Eingang in die Literatur fand. Darum ist die Hirtendichtung in der Nachfolge Vergils zeitbezogene, zeitkritische, immer also auch Alternativen erkundende Dichtung geblieben.

Als solche kam ihre große Zeit in den modernen, den römischen wahrhaft ebenbürtigen Bürgerkriegen. Den Auftakt in Deutschland hatten die Bauernkriege gebildet. Das Los der Entrechteten und Entwürdigten war ein genuiner Vorwurf für die Hirtendichter. Eobanus Hessus, Euricius Cordus, Joachim Camerarius und wie sie hießen waren zur Stelle, um das mit der Reformation so eng verwobene politische, soziale und menschliche Drama schäferlich zu verarbeiten. "Friede den Hütten" lautete schon hier mehr als einmal die Parole. Alsbald aber sprang der Funke mit der Militarisierung der Konfessionen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auf Europa über. Frankreich, die Niederlande, Deutschland, schließlich England gerieten in Brand, und überall stand die eben erst geborene Nation zeitweise vor der Auflösung. Wir haben bislang keine Darstellung, die uns im einzelnen zeigte, wie die gleichfalls soeben geborenen nationalen Literaturen Europas auf diese europäische Katastrophe reagierten. Entsprechend fehlt uns auch eine Geschichte der Hirtendichtung im konfessionellen Zeitalter, die uns den ganz unverwechselbaren Beitrag gerade dieser Literaturform schilderte. Alle Großen, ob Ronsard oder du Bellay in Frankreich, Spenser und Sidney, Shakespeare und später Milton in England, Heinsius und Vondel in den Niederlanden ergriffen die Form, um das unfaßbare Geschehen literarisch anschaubar und deutbar zu machen. Nicht zu zählen sind die Friedensrufe und Friedensentwürfe, die sich gerade an diese Gattung hefteten. Und wo die Staaten vor der konfessionellen Zerreißprobe bewahrt wurden wie in Italien oder Spanien, da waren es wiederum die Größten, ein Sannazaro und Pontano, ein Tasso und Guarini in Italien, ein Lope de Vega und Calderón, ja noch der Dichter des Don Quijote selbst, welche die Erschütterungen, die mit dem Verfall des Glaubens und der Spaltung der Christenheit im 16. Jahrhundert mit ungeahnter Wucht in die Welt traten, im schäferlichen Bild und Diskurs aufzufangen suchten.

Deutschland trat verspätet in den Kreis der nationalsprachigen Völker ein. Erst um 1600 regen sich tastende Versuche. Doch geschah dies nicht, ohne daß nicht von Anfang an die Hirtendichtung dabei gewesen wäre. Sie war unverzichtbar geworden, sobald es um die substantiellen Anliegen der Nation ging. Georg Rudolf Weckherlin erneuerte die Gattung aus dem Geist der französischen Renaissance. Noch einmal lagen Glanz und Zauber menschlicher Erfüllung über ihr, bevor die Blüte alsbald mit dem Ausbruch des Krieges welkte und der Dichter auswich aus dem heimatlichen Württemberg nach England, um nicht wiederzukehren. In der prachtvollen Heidelberger Residenz versuchte sich ein geistig Verwandter an dem Genre, Julius Wilhelm Zincgref. Und im literarisch so fruchtbaren Dreieck zwischen Straßburg, Mömpelgard und Basel entstanden die ersten großen Übersetzungen der musterbildenden Werke der Romania.

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Alle Fäden aber raffte der geniale Literaturstratege Martin Opitz zusammen und versorgte ein ganzes Jahrhundert mit Anregungen. Der neulateinischen Ekloge vertraute er in der Jugend seinen dichterischen Selbstanspruch an und umwarb die Großen seiner Zeit als Mäzene der Dichter und Beschützer der neuen Dichtung. Der pastoralen lyrischen Liebesdichtung versagte er sich nicht, nutzte sie aber gleichfalls zum Aufputz des Eros zähmenden, die Affekte klug regulierenden Liebenden. Der mußevollen gelehrten Existenz im Umkreis verständnisvoller Gönner und Förderer weihte er in der Nachfolge des Horaz seine Landgedichte. Die großen Formen Roman und Drama bzw. Oper machte er übersetzend heimisch. Der Zukunft aber gehörte schließlich doch das selbstgestrickte erzählende Juwel, locker gefügt aus Gedicht und Prosa und nochmals weit geöffnet für den Dichter und seinen Freundeskreis, nicht anders als die politische Gegenwart, in der sie sich zurechtzufinden und zu bewähren haben. "Schäferei von der Nymphe Hercinie" heißt die kleine, 1630 erschienene Erzählung, die Epoche machte und Hunderte von Nachfolgern überall im deutschen Sprachraum fand. Hart an der Grenze zu Böhmen spaziert da der Dichter im heimatlichen Riesengebirge um Warmbrunn mit den gleichfalls sangesfreudigen Kollegen, aufgelegt zu Scherz und Gespräch, Lied und Rätsel, biographischem Einsprengsel und Huldigung der adligen Herrschaft am Ort. Über allem aber liegt der Ernst des im nahen Böhmen ausgebrochenen Krieges, der auch des Dichters Leben modelte, seinen verheißungsvollen Beginn in Heidelberg jäh beendete und ihn auf ungewisse Wanderschaft und oftmals verzweifelte Suche nach Brot im Dienst der immer wieder wechselnden adligen Gönner verwies.

Ist jenes dann das feldt, liegt da hinein das landt,
Wo vnlengst eine glut so hoch ist auffgebrandt,
Darvon wir schäffer auch bey vnserm Reine,
Sindt worden angesteckt? wir saßen vor im weine,
Das vieh gieng in das graß biß an den bauch hinein;
Jetzt sehen wir den krieg für schaffe, blut für wein.

Das ist das Bild des Krieges, wie es sich in der Pastorale flektiert. Im benachbarten Genre des Epos, dem "Trostgedichte in Widerwärtigkeit des Krieges", leuchtet es greller auf, stets aber wird der Gegensatz zu den Greueln gemäß dem Gesetz der Gattung gegenwärtig gehalten.

Wo Tityrus vorhin im Schatten pflag zu singen,
Vnd ließ von Galathee Wald, Thal vnd Berg erklingen,
Wo vor das süsse Lied der schönen Nachtigal,
Wo aller Vogel Thon biß in die Lufft erschall,
Ach! ach! da hört man jetzt die grawsamen Posaunen,
Den Donner und den Plitz der fewrigen Carthaunen,
Das wilde Feldgeschrey: wo vormals Laub vnd Graß
Das Land vmbkrönet hat, da ligt ein faules Aas.

In der Unruhe und Ungewißheit war die kleine, rasch hingeworfene Skizze vom Typ der Hercinie gefragt. Keiner der Großen verschmähte sie, ob Gottfried Finckelthaus in Leipzig oder David Schirmer in Dresden, Paul Fleming hoch oben im baltischen Reval oder Philipp von Zesen in Hamburg, Michael Kongehl in Königsberg oder Daniel Czepko in Schlesien. Zur Manie aber, zur literarischen Mode für zwei Generationen wurde die Schäferei erst im Kleinod des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation am Ende des Krieges, in Nürnberg. Ein literarischer Zirkel nahm selbst einen pastoralen Namen in dem Pegnesischen Hirten- und Blumenorden an. Krieg und Frieden waren noch einmal die alles beherrschenden Themen auch bei ihnen, dargeboten in einer Sprache, die sich binnen einer Generation zu höchster Virtuosität und Raffinesse erhoben hatte. Und noch einmal bewährte sich der jahrhundertealte allegorische Mechanismus der Gattung. Denn was ist die "melancholische Schäferin Pamela" anderes als Repräsentantin des zerrissenen, vom Krieg überzogenen, verzweifelt den Frieden ersehnenden Deutschlands?

Es schlürfen die Pfeiffen, es würblen die Trumlen,
Die Reuter und Beuter zu Pferde sich tumlen,
Die Donnerkartaunen durchblitzen die Lufft,
Es schüttern die Thäler, es splittert die Grufft,
Es knirschen die Räder, es rollen die Wägen,
Es rasselt und prasselt der eiserne Regen,
Ein jeder den Nechsten zu würgen begehrt,
So flinkert, so blinkert das rasende Schwert.
Ach wer wird mir Ruhe schaffen,
Wann die niemals müde Waffen,
Wüten mit Nahm / Raub und Brand,
In des Kriegers Mörderhand.
Welche meine Schmertzenflamme
Treiben, sind vom Teutschen Stamme:
Kein Volk hat mich nie bekriegt
Und den Meinen obgesiegt.
Sehet an die freyen Anken,
Welche man heut nennet Franken,
Haben sie der Galljer Kron
Nicht erhaben in den Thron?
Sehet an der Gothen Ahnen,
Kennet ihr die Löwenfahnen?
Sind sie nicht von alter Zeit
Von der Teutschen Adelheit?
Wie kan dann die Drachengallen
Unter Nahgesipten wallen?
Wie hat doch der Haß forthin
Gantz durchbittert ihren Sinn?
Meine Söhne,ihr seyd Brüder,
Leget eure Degen nieder!
Schauet doch mein Mutterherz
Threnen, ob dem Heldenscherz!
Last ihr euch nicht erbitten erbitterte Brüder?
Sind das dann Freundesitten vereinigter Glieder?
Mein Bitten ist ümsunst,
Umsonst ist alles Bitten,
Die hohe Kriegesbrunst
Läst sich nicht so entschütten.
Sie flammet liechterloh,
Geschwinder als das Stroh,
Die Zehren fliesset ab
Und gräbt der Städte Grab.
Sol dann mich, mich Mutterland / meiner Söhne Schand beflekken?
Und als eine Mördergrub mit verruchter Greul bedekken?
Muß ich dann zum Raube werden, als des Krieges Jammerbeute,
Und zwar nicht durch fremde Waffen, sondern meiner Landesleute.
Ihr nicht so meine Söhn, erweichet euren Sinn,
Bedenket wer ihr seyd und wer ich Arme bin.

So war es kein Zufall, sondern in einem höheren Sinn Erfüllung der Pastorale auf deutschem Boden, wenn das Ende des Krieges und die Feier des endlich gekommenen Friedens festlich und also selbstverständlich pastoral in und vor den Mauern der ehrwürdigen alten Reichsstadt ausklang. In der klangmalenden, bilderreichen, sinnbildhaften Sprache der Nürnberger Friedensfeiern hat die eben erst geborene deutschsprachige Literatur zugleich bereits ihren Zenit erreicht.

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LITERATUR

a)Quellen: Vergil 1952; Opitz 1969; Opitz 1968a, Harsdörffer/Birken/Klaj 1966
b)Wissenschaftliche Literatur: Böschenstein 1977; Effe/Binder 1989; Faber 1976; Garber 1974; Garber 1976; Garber 1982; Garber o.J.; Gerhardt 1950; Jürgensen 1990; Krautter 1983; Lohmeier 1981; Longeon 1980; Mähl 1994; Newman 1990; Voßkamp 1977; Wade 1990.

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