DIRK E. A. FABER und RENGER E. DE BRUIN
Utrecht als Gegner des Münsteraner Friedensprozesses

I. Die fehlende Unterschrift

Unter dem Friedensvertrag zwischen der Republik der Vereinigten Niederlande und dem König von Spanien, der am 30. Januar 1648 in Münster unterzeichnet wurde, fehlte eine einzige Unterschrift, nämlich die des Utrechter Abgesandten Godard van Reede van Nederhorst. Seine Weigerung, den Vertrag zu unterzeichnen, stellte eine ernstzunehmende Bedrohung für den Friedensprozeß dar. Gemäß der Union von Utrecht aus dem Jahre 1579, die als eine Art Grundgesetz innerhalb der Republik fungierte, war Einstimmigkeit in Fragen des Kriegs und Friedens Bedingung: keine der Provinzen durfte überstimmt werden. Die Provinz Seeland stellte sich ebenfalls quer und weigerte sich, die Unterschrift ihres Abgeordneten Johan de Knuyt zu akzeptieren.

Der Weg zum Frieden, der im nachhinein so selbstverständlich erscheint, war alles andere als unproblematisch, denn durch die Haltung Utrechts und Seelands blieb bis zum Frühjahr 1648 unsicher, ob der Frieden mit Spanien geschlossen werden würde. In diesem Beitrag wollen wir den Utrechter Widerstand gegen den Friedensprozeß näher untersuchen. Vor allem die Figur des Utrechter Abgesandten Godard van Reede van Nederhorst (1588-1648) soll ins Blickfeld gerückt werden: seine weitverzweigten Verbindungen, seine finanziellen Interessen - auch die Frage, ob er von den Franzosen bestochen wurde - und schließlich sein ruhmloses Ende im Jahre 1648.

⇑ Zum Seitenanfang

II. Zwiegespalten nach Münster

Um 1640 kam der Wunsch auf, die langanhaltenden, verheerenden Kriege zu beenden, zu denen auch der niederländische Aufstand gegen Spanien gehörte. Ein Sieg schien zunehmend unmöglich, und die Kriegsziele wurden immer undeutlicher, da der katholisch-protestantische Gegensatz verflachte: Das katholische Frankreich unterstützte aus Eigeninteresse die Republik und Schweden gegen die Habsburger, protestantische Länder wie Sachsen und Brandenburg verbündeten sich mit dem Kaiser. Angesichts dieser Interessenkonflikte rückten die erreichbaren Ziele ins Blickfeld und damit auch der Friede. Für die pragmatisch denkende holländische Kaufmannschaft erschien diese Möglichkeit sehr anziehend.

Ein bedeutendes Kriegsmotiv, der Selbsterhaltungstrieb, war durch die militärischen Erfolge zu Land und zur See weggefallen. Mit einem überschaubaren und gut zu verteidigenden Gebiet, der Vorherrschaft auf See und den Landgewinnen in den Kolonien war für die meisten Holländer die Ernte eingefahren. Eine Fortsetzung des Krieges würde nur Geld kosten und Risiken mit sich bringen.

Es gab allerdings auch Stimmen gegen eine Annäherung an Spanien. Der Statthalter Friedrich Heinrich wollte als Anführer des Heeres seine Erfolge mehren und der Adel, dem viele Offiziere entstammten, sah mit dem Friedensabschluß die eigenen Karrieremöglichkeiten untergraben. Die Provinzen Seeland und Gelderland lagen an der Frontlinie und wollten diese weiter nach Süden verlagern. Daneben gab es noch die orthodoxen Calvinisten, angeführt vom Utrechter Hochschullehrer Gisbert Voetius (1589-1676), die den Kampf gegen den Erbfeind aus Rom fortsetzen wollten. Dieser strenggläubige Flügel der calvinistisch-reformierten Kirche hatte viele Anhänger, die aus dem Süden der Niederlande stammten und sich als 'Heimatvertriebene' für die Befreiung ihrer Herkunftsgebiete stark machten. Innerhalb Hollands waren z.B. Leiden und Haarlem gegen den Friedensschluß, zwei Städte mit vielen Bewohnern südniederländischer Herkunft. Außer in diesen Städten hatten sich südniederländischen Flüchtlinge über die ganze Republik verstreut. So ließ sich Jan Peunis aus dem spanisch-brabantischen Diest als Advokat in Utrecht nieder. Seine Tochter war die Mutter von Godard van Reede van Nederhorst.

Beim spanischen Gegner begann das Verlangen nach Frieden um 1640 zu wachsen. Die Hoffnung auf die Unterwerfung der aufständischen Provinzen im Norden war verflogen, und von 1635 an gerieten die Spanier selbst in eine gefährliche Situation. Das Eingreifen Frankreichs in den Krieg führte dazu, daß sie in den Niederlanden an zwei Fronten kämpfen mußten, während sie weiterhin in den Dreißigjährigen Krieg verwickelt waren. Aufstände in Katalonien und Portugal, von Frankreich und der Republik unterstützt, machten die Katastrophe komplett. Der verzweifelte Kampf kostete unmäßig viel und der Zustand der spanischen Staatskasse wurde kritisch, weil auch die Wirtschaft sich seit 1627 in einer Krise befand. [1]

Nach mehreren Jahren vorsichtigen Abtastens begannen 1644 die Friedensgespräche in Münster und Osnabrück. Die Position der Spanier war im Jahr zuvor durch eine vernichtende Niederlage bei Rocroi weiter untergraben worden. Die Niederländer zögerten bis zum Januar des Jahres 1646, ehe sie eine Delegation nach Münster sandten. Grund waren die komplizierten internen Beschlußfassungsprozesse sowie außenpolitischer Probleme: der Krieg mit Dänemark um die freien Fahrt durch die Sund und die prekäre Beziehung zum französischen Bundesgenossen. Frankreich und die Republik hatten sich 1635 dahingehend geeinigt, die spanischen Niederlande untereinander aufzuteilen. Die französischen Abgesandten d'Avaux und Servien hatten auf dem Weg nach Münster in Den Haag Station gemacht und im März 1644 zwei Abkommen getroffen: einen Förderpakt zur Finanzierung der gemeinsamen Kriegsaufwendungen und einen Garantievertrag, der die beiden Staaten verpflichtete, in Münster gemeinsam zu verhandeln und einander über den Verlauf der Gespräche auf dem laufenden zu halten. [2] Ein weiteres Problem war die Anerkennung der niederländischen Abgesandten als Botschafter eines souveränen Staates. Spanien war hierzu bereits Ende 1640 bereit, doch die Anerkennung durch die Franzosen erfolgte erst im Februar 1645. Die Republik schickte acht Botschafter: zwei aus Holland und einen aus jeder der übrigen sechs Provinzen. Im Namen Utrechts wurde Godard van Reede van Nederhorst abgeordnet.

Die Verhandlungen wurden dadurch erschwert, daß sich in der Republik die Gegensätze zwischen der Kriegs- und der Friedensfaktion verschärft hatten. Die erste Partei hielt es für gefährlich, einen separaten Frieden mit Spanien zu schließen. Fände der Zwei-Frontenkrieg ein Ende, könnte das sich regenerierende Spanien die Niederlande immer noch unterwerfen. Hilfe von außen wäre dann aber angesichts des schändlichen Vertragsbruchs mit Frankreich nicht mehr zu erwarten. Die Friedensgruppe unter der Führung Hollands fürchtete genau das Gegenteil: wenn Frankreich erst mit Spanien Frieden schließen würde, bekäme die Republik es mit dem ganzen spanischen Heer zu tun. Daß die Friedensbefürworter letztendlich die Oberhand gewannen, lag vor allem an der aggressiven Politik des neuen ersten Ministers von Frankreich, Kardinal Jules Mazarin (1601-1661). Nach dem Sieg bei Rocroi im Jahre 1643 glaubte dieser, die ganzen spanischen Niederlande einnehmen zu können. Das stets stärker werdende Frankreich drohte also zum direkten südlichen Nachbar der Republik zu werden, mit einem Grenzverlauf, der sich nur wenig von der Frontlinie unterschied, und stellte so eine neue Gefahr dar.

Daher gewann der Gedanke, die südlichen Niederlande als Puffer gegen Frankreich in spanischer Hand zu belassen, an Attraktivität und Provinz Holland erhielt weitere Mitstreiter in ihrem Streben nach einem Separatfrieden. Die Friedenspartei argumentierte, daß man die Absprachen von 1644 brechen könne, da die Franzosen sich nicht an die Abkommen aus dem Jahr 1635 hielten. Auch der Statthalter Friedrich Heinrich sah die zweifache Gefährdung ein, mit seinem Wechsel zur Friedenspartei bekam sie die Oberhand. Allein Seeland und Utrecht blieben in ihrem Widerstand gegen einen gesonderten Frieden mit Spanien standhaft. Ihre Abgesandten in Münster, de Knuyt und van Reede van Nederhorst, wurden deshalb für Frankreich zunehmend interessantere Gesprächspartner. Der französische Diplomat Longueville erhielt von Mazarin sogar den ausdrücklichen Auftrag, die Freundschaft mit van Nederhorst zu pflegen, der dem Kardinal vertrauenswürdiger erschien als der unzuverlässige de Knuyt. [3]

Spanien und die Republik erreichten in einigen Punkten relativ schnell Einigkeit. Beide Parteien wollten einen neuen Waffenstillstand, wobei die südlichen Niederlande in spanischer Hand bleiben sollten. Die Unterhändler vermochten sich allerdings nicht über die Besitzungen in Übersee zu einigen, die die Vereinigte Ostindische Kompanie (Verenigde Oostindische Compagnie, VOC) und die Westindische Kompanie (Westindische Compagnie, WIC) Spanien abgerungen hatten. Heikel war die Frage der Gottesdienstfreiheit für die Katholiken in den gerade durch die Republik gewonnenen Gebiete Flanderns, Brabants und entlang der Maas. Hier bestritt Spanien die niederländischen Souveränitätsansprüche. Vor allem Seeland und Utrecht wandten sich heftig gegen jegliche Konzessionen in diesem Punkt. Gegen Ende des Jahres 1646 hatten sich die Standpunkte der niederländischen und spanischen Abgesandten so weit angenähert, daß sogar ein Friedenschluß möglich schien. Inzwischen hatte jedoch der Widerstand aus Utrecht und Seeland zugenommen. Die Delegierten dieser Provinzen betonten, daß verschiedene Fragen noch nicht geregelt waren: die Probleme rund um die nordbrabantischen Gebiete und der Status der VOC und WIC. An letzterer waren besonders die Seeländer interessiert. Für Utrecht war es van Reede van Nederhorst, der den Kurs gegen einen Friedensabschluß festlegte. Unterstützung in seinem Widerstand fand er bei den orthodoxen Predigern aus der Stadt Utrecht unter der Leitung von Gisbert Voetius. Der Friedensvertrag dürfe nicht dazu führen, daß im Hoheitsgebiet der Republik "door weereltsche consideratien het grouwelijck Pausdom eenichsints zoude gefavoriseert worden" (durch irdische Erwägungen das abscheuliche Papsttum in irgendeiner Form favorisiert werden würde). Die niederländischen Gesandten sollten allein die calvinistisch-reformierte Religion zulassen. In den Generalstaaten teilten die seeländischen Abgeordneten diesen Standpunkt. [4] Als die Spanier sich in Bezug auf die Regelung der überseeischen Gebiete einverstanden erklärten, glaubte de Knuyt, den Friedensprozeß nunmehr unterstützen zu können. Bei der Unterzeichnung der vorläufigen Friedensbedingungen am 8. Januar 1647 stand Nederhorst in seiner Weigerungshaltung allein.

Im Jahr 1647 hatten die Kriegshandlungen ein Ende. Der Friedensprozeß konnte nun tatsächlich durchgesetzt werden. Bei den Verhandlungen über die noch nicht gelösten Fragen wurden Fortschritte verbucht. Zur Festlegung der Grenzen entlang der neueroberten Gebiete wurde eine Komission eingerichtet. Die Religionsfrage wurde vom Vertrag ausgeschlossen. Dennoch gelang 1647 noch kein definitiver Friede, denn die Treue gegenüber dem französischen Bundesgenossen blieb ein heikler Punkt. In der Republik brach eine heftige Debatte aus, die vor allem in Pamphleten geführt wurde. Die Franzosen beteiligten sich nach Kräften und suchten auf vielerlei Arten Anhänger zu finden. Ihre Hoffnung richtete sich auf Seeland und Utrecht, die gegen einen gesonderten Frieden mit Spanien eingestellt blieben. Von seinen Auftraggebern zurechtgewiesen, lag de Knuyt wieder auf derselben Linie wie sein Kollege aus Utrecht.

In den übrigen Provinzen begann die Loyalität gegenüber dem französischen Bundesgenossen immer weiter abzubröckeln. Zunehmend wuchs die Vermutung, daß Frankreich aus reinem Eigennutz den Krieg gegen Spanien in jedem Fall weiter führen wolle. Deshalb beschlossen die Generalstaaten, daß zwar ein gemeinsamer Frieden angestrebt werden solle, daß jedoch im Falle, daß Frankreich den Friedensprozeß erkennbar sabotierte ('tergiverseerde'), ein Separatfrieden mit Spanien möglich sein müsse. [5] Daß die Franzosen dies beabsichtigten, wurde immer deutlicher, denn jede Konzession Spaniens wurde mit neuen Forderungen beantwortet. Im Januar des Jahres 1648 befanden die Generalstaaten, daß diese Situation ein Ende haben müsse, und instruierten ihre Abgeordneten in Münster, den Friedensvertrag zu unterschreiben. Die Seeländer weigerten sich zwar, ihr Abgeordneter de Knuyt setzte am 30. Januar aber dennoch seine Unterschrift auf das Papier. Der einzige, der in seiner Weigerung standhaft blieb, war der Utrechter Gesandte.

⇑ Zum Seitenanfang

III. Die politischen Verhältnisse in der Provinz Utrecht

Um die Beschlußfassung rund um den Friedensprozeß begreifen zu können, muß man die interne politische Struktur der verschiedenen Provinzen kennen. [6] Die Republik der Vereinigten Niederlande bestand aus sieben souveränen Provinzen, die in Den Haag in den Generalstaaten zusammenkamen. In den wesentlichen Fragen war Einstimmigkeit vorausgesetzt. Jede Provinz wurde von Ständen regiert, die eine Abordnung in die Generalstaaten entsandten. Die Zusammensetzung der Stände war je nach Provinz unterschiedlich. Städte und Adel schickten Repräsentanten in die Ständeversammlungen. In den Seeprovinzen Holland und Seeland dominierten die Städte, in den Landprovinzen der Adel, so vor allem in Gelderland und Overijssel. Die Adeligen waren in Ritterschaften organisiert, die Städte wurden durch Räte oder Magistrate, sogenannte vroedschappen, verwaltet. Diese Räte, deren Mitglieder durch die Regenten bestimmt wurden, wählten Abgeordnete für die Ständeversammlung aus und ernannten die Bürgermeister und Schöffen, die die alltäglichen Regierungsangelegenheiten und die Rechtsprechung in der Stadt übernahmen. Die städtischen Regenten mußten der calvinistisch-reformierten Kirche angehören. Zu Beginn des niederländischen Aufstands gegen Spanien waren dies zum Großteil Neulinge, die aus der Kaufmannschaft und in geringerem Maße aus den Gilden stammten. Im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte sich diese Gruppe jedoch zu einem Regentenpatriziat, das bemüht war, die Reihen nach unten zu schließen, also einer Oligarchie.

Für die Beschlußfassung ist aber nicht nur die formale Seite von Interesse, denn in der Praxis bestimmten gerade die informellen Machtverhältnisse die Politik. Innerhalb der Ritterschaften und der städtischen Räte gab es Gruppierungen, sogenannte 'facties', deren Mitglieder durch gemeinsame Interessen, Freundschaft oder Familienbeziehungen miteinander verknüpft waren. Sie hatten oft auch die gleichen politischen und religiösen Ideen. Diese Kombination machte eine solche Faktion zu einem wichtigen Faktor bei der Festlegung der politischen Richtung. [7]

Eine besondere Figur im Staatssystem war der Statthalter. Ursprünglich war er der Repräsentant des Landesherrn, doch nachdem im Jahr 1581 Philipp II. abgeschworen worden war, erhielt er unter Beibehaltung seines Titels die Funktion eines Untergebenen der Stände. Seine tatsächliche Position war allerdings viel stärker. Die Statthalter, Wilhelm von Oranien und nach ihm seine Söhne Moritz und Friedrich Heinrich, bekleideten dieses Amt in mehreren Provinzen gleichzeitig. Darüberhinaus waren sie Generalkapitäne des Heeres. Die militärischen Erfolge von Moritz und später die seines Bruders Friedrich Heinrich trugen stark zu ihrem Prestige bei.

Die Beschlußfassung der einzelnen Provinzen verlief gemäß den soeben dargelegten Linien formaler Zuständigkeiten und informeller Verbindungen. So läßt sich die Haltung Seelands aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Teile der Stände erklären, die aus dem Ersten Adeligen (als Repräsentant des Prinzen von Oranien) und sechs Städten zusammengesetzt waren. Schon allein das Interesse der Städte an der WIC ließ den Wunsch nach Fortsetzung des Krieges gegen Spanien naheliegend erscheinen. Die Struktur des Utrechter Regierungsapparates hingegen gestaltete sich etwas komplizierter. Utrecht war die einzige Provinz mit Vertretern der Geistlichkeit in ihrer Ständeversammlung, die somit wie im Mittelalter aus Abgeordneten der drei Ständen oder Leden gebildet wurde. Den sogenannte Eerste Lid (Ersten Stand) bildete die Geistlichkeit, die aus Abgeordneten der fünf Kapitel bestand. Nach der Einführung der Reformation im Jahre 1580 waren diese immens reichen Kapitel in abgeänderter Form beibehalten worden. Kanoniker waren nun patrizische und vor allem adelige Laien, die der reformierten Kirche angehören mußten. Sie bestimmten die sogenannten Geëligeerden, seit 1580 die Abgeordneten des Eerste Lid in der Ständeversammlung. Das Tweede Lid (Zweiter Stand), das den Adel und die ländlichen Regionen repräsentierte, wurde aus der Ritterschaft formiert. Adelige Herren konnten in die Ständeversammlung berufen werden, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllten: adelige Abstammung, Besitz eines anerkannten Rittersitzes mit Türmen und Zugbrücke sowie die Zugehörigkeit zur calvinistisch-reformierten Kirche. Wer in das Tweede Lid gerufen wurde, konnte mit attraktiven Ämtern rechnen, vor allem, weil die Zahl der Mitglieder klein gehalten wurde. Eine zusätzliche Einnahmequelle stellten die Damenstifte dar, Überbleibsel der früheren Klöster, deren Güterverwaltung die Ritterschaft übernahm. Mit dem Erlös konnten adelige Amtsträger ihre Schwestern oder Töchter mit Einkünften ausstatten. [8] Das Derde Lid (Dritter Stand) wurde von fünf Städten der Provinz gebildet: Utrecht, Amersfoort, Rhenen, Wijk bei Duurstede und Montfoort. Die Stadt Utrecht bestritt mit wechselndem Erfolg den vier 'kleinen Städten' das Mitbestimmungsrecht bei der provinzialen Verwaltung. Die Stadt betrachtete sich als einzigen Vertreter des Derde Lid. In dieser Haltung wurden sie häufig von der Ritterschaft unterstützt, die auf Grund ihrer wachsenden Einflußnahme in stadtpolitischen Belangen Utrecht als Verbündeten ansah.

Der Provinzialausschuß (Gedeputeerde Staten), dem ständigen Regierungsapparat der Provinz, in dem jeder der drei Stände durch einen Repräsentanten vertreten war, wurde bereits durch den Adel dominiert. Immer wieder stellte der Adel alle drei Herren. Der Widerstand der städtischen Regenten blieb angesichts dieser Machtkonzentration nicht aus. Hierbei konnten sie auf die Schützengilde zählen. Schon 1588 und 1610 hatte die Unzufriedenheit über hohe Steuern oder Lebensmittelpreise zu Unruhen geführt. Als 1618 wiederum ein Aufruhr drohte, warben die regierenden Aristokraten Soldaten an, Söldnerregimenter, um die Bürgergarde auszuschalten. Diese Ereignisse waren nur ein Aspekt der Krise, in die die Republik während des zwölfjährigen Waffenstillstands mit Spanien (1609-1621) geriet. Die theologische Auseinandersetzung über die Interpretation der calvinistisch-reformierten Lehre zwischen den 'rekkelijken' (Freisinnigen) und 'preciezen' (Orthodoxen) oder Remonstranten und Kontraremonstranten beeinflußte zunehmend die Politik, auch die Stadtregierung Utrechts bezog Position. Der remonstrantische Standpunkt, die Kirche sei der Allgemeinheit untergeordnet, erschien vielen Regenten attraktiv, auch den regierenden Aristokraten in Utrecht. [9] Der Statthalter Moritz von Oranien unterstützte hingegen die Kontraremonstranten. Durch die Anwerbung von Söldnertruppen durch die remonstrantischen Aristokraten Utrechts sah er seiner militärische Autorität in Frage gestellt. Im Juli des Jahres 1618 erschien er mit seinen Truppen in der Stadt und entließ die Söldner. Moritz setzte neue Regenten ein, die kontraremonstrantisch gesinnt waren und aus bescheideneren sozialen Verhältnissen kamen als ihre Vorgänger. Hiermit durchbrach Moritz die Vorherrschaft des Adels in der Provinz, denn die Ritterschaft übte keinen Einfluß mehr auf die Utrechter Stadtverwaltung aus und die Geëligeerden setzten sich künftig aus ebensovielen Edelleuten wie städtischen Regenten zusammen. Die Macht des Statthalters in der Provinz Utrecht, die schon vorher größer war als in Holland, hatte vergleichsweise noch weiter zugenommen.

⇑ Zum Seitenanfang

IV. Godard van Reede van Nederhorst und sein politisches Netzwerk

Trotz seines Machtverlustes hatte der Adel sicherlich nicht ausgespielt. Formal besetzte er das Tweede Lid und die Hälfte des Eerste Lid. Die Tatsache, daß gerade Moritz durch sein Eingreifen einigen sehr fähigen Adeligen die Macht in die Hände gespielt hatte, brachte diesen auf die Dauer doch wieder größeren Einfluß. Einer von ihnen war Godard van Reede van Nederhorst, der spätere Unterhändler in Münster. Angesichts seiner remonstrantischen Sympathien war dies eine bemerkenswerte Ernennung; offensichtlich reichte seine Loyalität gegenüber Moritz hier aus. Die Berufung in die Stände öffnete ihm den Weg zu einer Anzahl von Ämtern. Bei Godards erster großer Stellung als außerordentlicher Ordinarius im Rat am Hof von Utrecht kam ihm sein rechtswissenschaftliches Studium an den Universitäten von Franeker und Poitiers zugute. Im Namen der Ritterschaft kontrollierte er den Hof von Utrecht und im Jahr 1619 entsandte sie ihn zur provinzialen Synode von Utrecht, wo remonstrantische und kontraremonstrantische Prediger sich auf die Nationale Synode vorbereiteten. [10]

Nederhorst schien das politische Geschäft gut zu beherrschen und wußte geschickt Bündnisse zu schließen. Im Jahr 1626 wurde Godard zum obersten Verwalter der Damenstifte ernannt, zwei Jahre später zu ihrem Schatzwart. Daneben war er Vermögensverwalter des Frauenklosters. Diese Ämter waren sehr lukrativ und durch die Vergabe attraktiver Stellungen an adelige Damen konnte Godard andere Adelige an sich binden. Vor allem aber, nachdem Friedrich Heinrich seinen Bruder Moritz im Jahre 1625 als Statthalter von Utrecht abgelöst hatte, festigte sich die Machtposition der van Reede-Faktion. Der Statthalterwechsel befreite Nederhorst auch von seinem religiösen Handicap, denn Friedrich Heinrich befürwortete eine gemäßigte Haltung gegenüber den Remonstranten.

Nach und nach baute Nederhorst seine Machtstellung aus, doch erst, nachdem der Günstling Friedrich Heinrichs, Adriaan Ploos van Amstel, im Jahr 1639 gestorben war, gelang dem van Reede-Clan der wirkliche Durchbruch. Gemeinsam mit seinen Brüdern Johan und Ernst kontrollierte Godard seither an das Eerste und das Tweede Lid der Stände. Im Jahr 1644 ernannte Friedrich Heinrich Godard zum Statthalter der Lehen von Utrecht und der Paulusabtei. Die Haltung der van Reede-Faktion gegen einen Frieden mit Spanien hing mit dieser engen Verbindung zum Prinzen von Oranien zusammen. In einer Zeit, als Holland, Amsterdam voran, nachdrücklich für einen Frieden plädierte, genoß die van Reede-Faktion auch die Unterstützung der orthodox-calvinistischen Mehrheit in der Utrechter vroedschap, die auf der Fortsetzung des Kampfes gegen den römischen Erbfeind bestand. Früher aus religiösen Gründen Gegner verband sie nun ein gemeinsames Ziel. Angesichts dieser starken Position ist die Wahl Nederhorsts zum Delegierten Utrechts kaum verwunderlich.

Das Beziehungsgeflecht, dem Godard seine Macht verdankte, beruhte im wesentlichen auf familiären Strukturen. Seine Schwestern heirateten in bedeutende Utrechter Familien ein und stärkten so das familiäre Beziehungsgeflecht. Godards Bruder Johan (1593-1682) kaufte im Jahr 1623 den Rittersitz Renswoude, doch ging damit keine Berufung in die Ritterschaft einher, da Godard dort bereits Sitz hatte. Im Jahr 1634 wurde Johan dennoch als Geëligeerder in die Stände von Utrecht berufen. Er wurde regelmäßig als Beauftragter in die Generalstaaten gesandt und unterhielt gute Beziehungen zu Friedrich Heinrich. 1644 weilte er in England, um dort zwischen König Karl I. und dem Parlament zu vermitteln. Schon früher hatte er erfolgreich als Unterhändler bei der Eheschließung zwischen der Tochter des Königs, Mary, und einem Sohn Friedrich Heinrichs, dem zukünftigen Statthalter Wilhelm II, fungiert. Als Dank für seine Vermittlertätigkeit ernannte Karl I. ihn zum Baron Reede. Im Jahr 1646 repräsentierte Renswoude seine Provinz bei der Hochzeit von Friedrich Heinrichs Tochter Louise Henriette mit dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Auch durch seine Heirat mit der aus reichem Gelderländer Adel stammenden Jacomina van Eeden 1616 trug Johan zur Stärkung der van Reede-Faktion bei. Auch die anderen Brüder Godards stärkten durch ihre Ämter und Eheschließungen das Netzwerk.

Godard selbst war zweimal verheiratet. 1617 ehelichte er Emerentia van Wijngaarden, die Tochter des Präsidenten am Hof von Holland war. Ihre Familie besaß zahlreiche Ländereien in Holland. Das Paar bekam zwei Söhne und sechs Töchter. Der älteste Sohn Gerard sollte später Nachfolger seines Vaters als Herr auf dem Rittersitz Nederhorst werden. Mittels seiner Faktion wußte Godard ihn in das Eerste Lid der Stände zu plazieren. Der zweite Sohn erhielt als Zeichen der Verbundenheit mit der Oranjefamilie den Namen Frederik Hendrik. Die Ehen von Godards Töchtern trugen zur Erweiterung des familiären Beziehungsgeflechtes bei. Durch seine eigene zweite Ehe mit Catharina van Utenhove, die Godard nach dem Tod Emerentias einging, fügte er dem Band zu den Familien van Utenhove und van Renesse noch ein weiteres hinzu. [11]

Godard van Reede van Nederhorst war nicht nur Politiker, sondern beteiligte sich auch rege am wirtschaftlichen Leben der Republik. Immer wieder begann er neue Unternehmungen, die er aus den erwirtschafteten Gewinnen und durch den Verkauf von Ländereien finanzierte. So beteiligte er sich an der Landgewinnung durch Trockenpolderei. Dieses Entwässern der vielen Seen mit Hilfe von Windmühlen nahm in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts einen mächtigen Aufschwung. [12] Er investierte unter anderem in die Trockenlegung des Horstermeeres und des Naardermeeres, beide in der Nähe der Burg Nederhorst gelegen. Als im Jahr 1629 die Spanier ins Land fielen, wurden zur Verteidigung Amsterdams die Ländereien entlang der Vechte und die beiden neuen Polder Horstermeer und Naardermeer unter Wasser gesetzt. Da sie die Kosten für die erneute Entwässerung scheuten, zogen sich immer mehr Teilhaber zurück, so daß das Naardermeer-Projekt aufgegeben werden mußte. Die Spanier hatten Godard persönlich schweren Schaden zugefügt, und das sollte dieser nie vergessen.

Neue landwirtschaftliche Flächen wurden aber auch durch die Urbarmachung von Ödland, sumpfigen Mooren und Sandverwehungen, gewonnen. Nederhorst investierte auch hier. Kurz nach 1620 kaufte er große Stücke Moorlandes in der Provinz Utrecht. Da Torf als Brennstoff von großer Bedeutung für die niederländische Wirtschaft war, versprach sein Abbau großen Gewinn. Auch für die Ländereien des Frauenklosters hatte Godard entsprechende Konzessionen vergeben, denn unter dem abgetragenen Moor kam für die Viehwirtschaft geeigneter Boden zu Tage, was auf jährliche Pachteinnahmen hoffen ließ.

Nederhorsts Investionen gingen auch über die Grenzen der Republik hinaus. Bei der Gründung der Westindischen Kompanie (WIC) im Jahre 1621 hatten er und sein Neffe Godard van Reede van Amerongen 1.200 Gulden Kapital eingezahlt. Am 14. Juni 1628 verkauften sie ihre Anteile wieder, was sich im nachhinein als keine gute Entscheidung herausstellte, denn im gleichen Jahr eroberten niederländische Kaperschiffe zwei spanische Silberflotten und der Kurs der WIC-Anteile stieg auf das Doppelte. 1640 war Nederhorst Mitbegründer der Kompanie von Neu-Niederland, die die Errichtung einer Kolonie an der Stelle des heutigen New York zum Ziel hatte. Auch diese Investition brachte nicht den erhofften Gewinn.

Durch seine überseeischen Interessen rückte auch die Kriegswirtschaft und Waffenindustrie in Nederhorsts Blick. 1628 investierte er hier Kapital, das er durch Landverkäufe aus dem Erbe seiner Frau gewonnen hatte. Die Marktlage war günstig, denn die Wiederaufnahme des Krieges gegen Spanien führte zu einer enormen Nachfrage nach Kanonen, Musketen und Munition. Der Überseekrieg vervielfachte den Bedarf noch. Zudem hatten die Anbieter aus Schweden, Hamburg und Lübeck Lieferschwierigkeiten, denn durch den Krieg zwischen Dänemark und den kaiserlichen Truppen unter Tilly drohte 1627/28 die Sperrung des Sunds.

Um das Heer ausreichend bewaffnen zu können, war die Erhöhung der niederländischen Produktion erforderlich. Die Provinz Utrecht sollte hierbei eine wichtige Rolle spielen. In Utrecht waren von alters her viele Waffenschmiede ansässig, die nun große Mengen Musketen, Schwerter und Lanzen fertigten. [13] Wegen ihrer zentralen Lage diente die Stadt als "Landesmagazin", und um dieses mit Munition und Kanonen zu bestücken, war eine Sonderproduktion in der Provinz notwendig. Daher erteilten die Stände von Utrecht im Februar 1628 die Genehmigung zur Gründung einer Kompanie zur Gewinnung von Zinkerz, Schmelztiegelerde und Mineralien, die im Südosten Utrechts entdeckt worden waren. Auch an der weiterverarbeitenden Industrie erwarb Godard zusammen mit seinem Bruder Ernst und seinem Geschäftspartner Dirck Hoeufft Beteiligungen. Um die Schmelzhütten und Walzwerke mit Brennmaterial zu versorgen, benötigte man große Mengen Torf. Diese kamen aus den Abgrabungsstellen, die den Damenstiften gehörten. Wiederum konnte Godard seine Tätigkeiten für eigene geschäftliche Interessen nutzen. So hatte sich auch diese Investition für Godard gelohnt.

Das Gesamtunternehmen umfaßte eine Produktionskette von 63 Öfen, davon standen 17 in der Republik: Die drei neuen in Utrecht und 14 bereits bestehende Öfen in Holland. Darüber hinaus befanden sich 32 Öfen in Schweden. Schließlich standen in Hamburg und Lübeck 14 weitere Öfen. Diese multinationale Industrie erhielt große politische Bedeutung, als Schweden 1630 in den Dreißigjährigen Krieg eintrat. Die Betriebe versorgten König Gustav Adolf mit Vorrat. [14] Für die Republik bedeuteten dessen Erfolge eine Verminderung des von Spanien ausgeübten Drucks, während die Teilhaber dieses industriellen Komplexes daran gut verdienten. [15]

Godard van Reede van Nederhorst investierte sein Geld nicht allein in Unternehmen oder Ländereien, sondern auch in Prestigeobjekte wie Stadthäuser und andere repräsentative Immobilien. Um seinen Besitz rund um die Burg Nederhorst auszuweiten, kaufte Godard große Stücke Land. So trat er auch mit dem Drost von Muiden, dem bekannten Dichter und Historiker P.C. Hooft, wegen 20 Morgen Land in Verhandlung. Weil er Nederhorst nicht traute, ließ sich Hooft dabei durch einen Schwager beraten: "Wie man mir erzählt hat, ist er äußerst durchtrieben in dergleichen Geschäften und gewöhnt, die Dinge hin und her zu drehen, und in allen möglichen Weisen anzugehen, um so den größten Vorteil für sich herauszuholen; ein Vorgehen, das meinem Wesen und meiner Gewohnheit fremd ist." [16]

Nederhorst liebte es, seine Häuser und vor allem seine Burg prächtig einzurichten. Er kaufte Möbel, Gemälde und Bücher und führte ein Leben als Grandseigneur. Rückschläge wie z.B. das mißglückte Amerikaprojekt brachten Godard jedoch in große finanzielle Schwierigkeiten. Die Mission nach Münster verursachte zusätzliche Kosten, denn die bereitgestellte Unkostenvergütung von 400 Gulden war absolut unzureichend. Wie ernst die Situation wirklich war, wurde erst deutlich, als nach Nederhorsts Tod im Sommer 1648 die Hinterlassenschaft aufgerechnet wurde und die Schulden weit größer zu sein schienen als die Besitztümer. [17]

Diese Geldnot ist deshalb interessant, weil es Gerüchte gab, Godard sei durch die Franzosen bestochen worden, um einen Separatfrieden mit Spanien zu verhindern. Diese Anschuldigungen ließen sich jedoch nicht erhärten und wurden eigentlich erst nach dem Friedensschluß erhoben. [18] Die unlängst publizierten Tagebücher des friesischen Statthalters Wilhelm Friedrich nähren jedoch den Verdacht, daß Nederhorst von den Franzosen bezahlt worden sein könnte. Am 5. März 1648 erzählte der friesische Unterhändler Donia dem Statthalter Wilhelm Friedrich, daß "Pau, Knuyt, Mengerswijck elck een tonne gautz van de Spaensche ontfangen en Nederhorst een van de Francen" ( [...] daß Pauw, Knuyt und Meijnerswijck jeder eine Tonne Goldes von den Spaniern erhalten und Nederhorst eine von den Franzosen). [19] Die Hälfte der 100.000 Gulden sollte Nederhorst von Servien bereits bekommen haben, den Rest habe er noch gut. Dies könnte erklären, warum er bis zum Schluß auf die französische Karte setzte. In dem erwähnten Testament, aus dem Godards finanzielle Engpässe hervorgehen, findet sich unter den aufgezählten Einkünften, Besitzungen und Sollschulden ein Posten als potentielle Gutschrift, "tgeene noch vande Vredehandelinge comen mochte" (die noch von den Friedensverhandlungen kommen sollte). [20]

Daß sich Servien intensiv mit Bestechungen beschäftigte, wird z.B. aus einer Rechnung deutlich, wo er die Zahlung von 30.000 Livres notiert, die unter anderem für zwei nicht namentlich genannte Mitglieder der niederländischen Delegation bestimmt waren ("Mrs. les Estatz"). [21] Die Zahlung erfolgte über den Bankier Mathieu Hoeufft, einem Verwandten von Nederhorsts Geschäftspartner Dirck Hoeufft.

⇑ Zum Seitenanfang

V. Das Ende des Botschafters

Als Nederhorst sich am 30. Januar 1648 als einziger weigerte, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, glaubte er sich in einer starken Position, denn aufgrund der Einstimmigkeitsregel durfte Utrecht nicht überstimmt werden. Außerdem unterstützte Seeland seinen Kurs, am Ende aber handelte de Knuyt doch auf eigene Rechnung. Die Hoffnungen Nederhorsts stützten sich auch auf den neuen Statthalter Wilhelm II., der ein knappes Jahr zuvor die Nachfolge seines Vaters angetreten hatte. Während Friedrich Heinrich in seinen letzten Lebensjahren zunehmend zum Frieden tendierte, hoffte sein Sohn, feurigen Ruhm auf dem Schlachtfeld zu erwerben, und wollte den Krieg gegen Spanien wiederaufnehmen.

Nederhorst überschätzte seine Position gewaltig. Im Verlauf weniger Monate überschlugen sich die Ereignisse um den Friedensprozeß. Die Argumente der Widersacher waren durch die weitreichenden Konzessionen der Spanier bezüglich der brabantischen Territorien und überseeischen Gebiete entkräftet. Auf der anderen Seite weckten die überzogenen Forderungen Frankreichs Zweifel am Friedenswillen dieses Landes. Nederhorsts Argument, man sei verpflichtet, sich an die Absprachen von 1635 zu halten, verlor zunehmend an Überzeugungskraft. Am 30. Januar 1648 hatten Holland, Gelderland und Overijssel den Friedensvertrag zugleich ratifiziert. In den übrigen Provinzen wurde noch über den Friedenskontrakt beratschlagt. Über ihre Mittelsmänner versuchte die holländische Diplomatie, die Position der Kriegsfaktionen in anderen Regionen zu schwächen. Ende März entschlossen sich Groningen und Friesland zur Ratifizierung. Inzwischen bemühte sich Holland, auch Utrecht für den Frieden zu gewinnen.

Nederhorst hielt an seiner Position fest, in Utrecht aber begannen sich die Fronten zu verschieben. Die Mehrheit im Eerste und Tweede Lid der Stände, die den Abgesandten stets unterstützt hatte, wurde durch eine unzufriedene Gruppe neubenannter Adeliger bedroht, denen die höheren Ämter systematisch vorenthalten wurden. Sie gehörten meist nicht zur van Reede-Faktion. Als sie durchschauten, daß Nederhorst und seine Mitstreiter zunehmender Kritik aus Den Haag und Münster ausgesetzt waren, verschafften sich diese Adeligen gehörig Geltung.

Der Tod des Geëligeerden Jacob van Asch van Wijck im Jahr 1645 hatte die Kriegsfaktion bereits beträchtlich geschwächt. Sein Nachfolger Anthonie Parmentier war entschiedener Befürworter des Friedens. Im Frühjahr des Jahres 1648 hielten sich die beiden Parteien bei den Geëligeerden und in der Ritterschaft die Waage. [22] Beide Gruppierungen versuchten durch die Veröffentlichung ihrer Argumente in Pamphleten Anhänger zu gewinnen. Die Holländer verteidigten darin erneut einen Separatfrieden mit Spanien, indem sie auf die französischen Verzögerungstaktiken verwiesen. Nederhorst wiederum beschuldigte die spanischen Gesandten desselben Vergehens.

Als deutlich wurde, daß Utrecht und Seeland allein standen, schlug die Stimmung in den Ständen Utrechts um - zumal Den Haag die beiden Provinzen beschuldigte, den Bruch der Union herbeizuführen. Mitglieder der holländischen Ritterschaft forderten ihre Standesgenossen in Utrecht auf, der Friedenspartei beizutreten. Ende Februar klagte Nederhorst in einem Brief an seine französischen Freunde Longueville und Servien, daß vor allem die Herren "Opdam, Heemstede et autres m'avoyent forme des grandes traverses et difficultés" (Opdam, Heemstede und andere mir große Hindernisse und Schwierigkeiten bereiten). [23]

Anfang März wollte eine Mehrheit in der Ritterschaft dem Gesandten befehlen, den endgültigen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Nur Godards persönliches Erscheinen in den Ständen von Utrecht und in der Ritterschaft konnte die Auflösung der Kriegsfaktion verhindern. Daher verließ er die Verhandlungen in Münster. Es glückte ihm, einen Adeligen für die Kriegsfaktion zu gewinnen, und durch die Abgabe seiner eigenen Stimme erreichte er in der Ritterschaft eine Mehrheit von nur einer Stimme. Erleichtert schrieb Nederhorst an Servien, daß die proholländische Faktion ihn zur Unterzeichnung nach Münster hatte schicken wollen, aber daß "Graces a Dieu j'ay surmonté tout cela, et obtenu une resolution des Estats d'Utrecht" (ich mit Gottes Gnade das alles bewältigt und eine Resolution der Stände von Utrecht erreicht habe). [24] Schnell aber wurde deutlich, daß Godard einen Pyrrhussieg errungen hatte. Sein gesetzwidriges Verhalten (als Abgesandter fungierte er im Dienste der Generalität und war deshalb in der provinzialen Versammlung nicht stimmberechtigt) führte zu entsprechendem Widerstand. Am 9. März 1648 sprach die Utrechter vroedschap sich für die Ratifizierung aus. Einigen Friedensanhängern in den Ständen war es gelungen, die Stadt von der Kriegsfaktion loszueisen. Ein letzter Versuch von Johan van Reede van Renswoude, die zunehmende Kritik an seinem Bruder zu entkräften, schlug fehl. [25] Die Ritterschaft war so gespalten, daß die Minderheit sich nicht scheute, ihren Standpunkt zu vertreten. Am 17. März erklärten vier überstimmte Mitglieder gegenüber der Ständeversammlung, daß sie in der Ritterschaft für die Ratifizierung gestimmt hatten, und baten darum, dies im Beschlußbuch der Stände von Utrecht verzeichnen zu lassen, was auch geschah. [26] Der Bann um Nederhorst war gebrochen.

Wieder entbrannte ein Pamphletenstreit, wobei nun unverhüllt auf Nederhorsts Person angespielt wurde. Daß Bewegung in die Sache gekommen war, wurde deutlich, als am 30. März eine umfangreiche Utrechter Kommission in der Versammlung der Generalstaaten erschien. Während der üblichen Gespräche in den Wandelgängen konnten die holländischen Abgeordneten ihre Utrechter Kollegen offenbar endlich überzeugen: Am 16. April gaben die Stände von Utrecht Nederhorst den Auftrag, den Frieden zu ratifizieren. [27] Dieser verharrte jedoch in seiner Weigerung zu unterzeichnen. Am Monatsende beauftragten die Generalstaaten gegen den alleinigen Widerstand Seelands ihre Gesandten, den separaten Frieden mit Spanien zu beeiden.

Nederhorst kämpfte inzwischen mit gesundheitlichen Problemen. Bei der Sitzung der Generalstaaten Ende März war er bereits krank. Die Reise nach Münster, wo er am 21. April eintraf, hatte ihn schon derart geschwächt, daß er kontinuierlich das Bett hüten mußte. Sein Zustand war so ernst, daß die Spanier seinen Tod befürchteten. Hierdurch würde die Ratifizierung wieder unnötig verzögert werden. Verschiedene spanische Abgesandte machten ihm einen Krankenbesuch in der Hoffnung, Nederhorst zu einer schnellen Unterzeichnung bewegen zu können. Schließlich unterschrieb er am 30. April.

Obgleich Seeland den Vertrag immer noch nicht ratifiziert hatte, beeideten die Abgeordneten Spaniens und der Republik am 15. Mai 1648 den Frieden von Münster. Beim Festakt fehlte der Botschafter Utrechts. [28] Die Krankheit, die ihn an der Teilnahme hinderte, war jedoch keine Grippe diplomatischer Art. Der Tod kündigte sich an, und er kehrte in seine Geburtsstadt zurück, um dort zu sterben. Zwanzig Tage nach der offiziellen Verkündigung des Friedens in der Republik am 5. Juni 1648 starb Godard van Reede van Nederhorst im Alter von 59 Jahren.

⇑ Zum Seitenanfang

V. Schlußfolgerung

Die grundsätzliche Frage nach dem Warum des Utrechter Widerstandes gegen den Friedensprozeß ist noch immer nicht befriedigend beantwortet. Für Seeland standen evidente Interessen auf dem Spiel, vor allem die Gebiete in Übersee. Die fortwährenden Kehrtwendungen des seeländischen Gesandten in Münster haben sehr dazu beigetragen, daß die Provinz in den entscheidenden Momenten doch zustimmte. Im Falle Utrechts lag die Sache eher umgekehrt. Die Provinz verband keine direkten Interessen mit der Fortsetzung des Krieges, doch hier war es der Gesandte in Münster, Godard van Reede van Nederhorst, der sich konsequent einem gesonderten Friedensschluß mit Spanien widersetzte. Bis zu Beginn des Jahres 1648 war er in der Politik der Provinz eine übermächtige Figur. Über sein persönliches Beziehungsgeflecht beeinflußte er das Eerste und Tweede Lid in den Utrechter Ständen und hatte damit die Mehrheit hinter sich. Auch das Derde Lid unterstützte ihn, weil die Mehrheitsfaktion in der Stadt Utrecht aus religiösen Gründen gegen einen Friedensschluß war. Darüber hinaus war die Macht des Statthalters, zu dem Nederhorst ausgezeichnete Beziehungen unterhielt, ein wichtiger Faktor in der Utrechter Politik.

Wenn die Haltung Utrechts im Friedensprozeß in derart starkem Maße auf die eines einzelnen Mannes zurückzuführen ist, so ist es außerordentlich interessant, zu erfahren, wie dessen Motive ausgesehen haben mögen. Aus Mangel an aussagekräftigen persönlichen Dokumenten kann man nur versuchen, diese zu erraten. Nach außen hin hatte Nederhorst stets betont, daß das dem französischen Bundesgenossen gegebene Wort gehalten werden müsse. Diese Loyalität stand bei ihm an erster Stelle. Zeitgenossen spekulierten indes über die Möglichkeit der Bestechung durch die französischen Botschafter. Die vor kurzem publizierten Tagebücher des friesischen Statthalters Wilhelm Friedrich geben diesem Verdacht neue Nahrung. Die finanzielle Situation Nederhorsts war derart prekär, daß er eventuelle Schmiergelder gut gebrauchen konnte. Der letztendliche Beweis jedoch fehlt, doch das kommt bei Transaktionen dieser Art wohl häufiger vor. Was Bestechung als ausschlaggebenden Faktor der Beeinflussung andererseits weniger wahrscheinlich macht, ist der Umstand, daß alle Parteien Anhänger zu kaufen versuchten.

Eine mögliche Erklärung für die Haltung des Utrechter Botschafters liegt in seinem Charakter begründet. In vielen Angelegenheiten zeigte er ein großes Maß an Standhaftigkeit. Nach 1618 hielt er an seinen remonstrantischen Sympathien fest - trotz der Niederlage dieser kirchlichen Strömung auf der Synode von Dordrecht und trotz der Tatsache, daß diese Vorliebe nicht zu seiner neuen Machtposition paßte, die er Prinz Moritz zu verdanken hatte. Dieselbe Hartnäckigkeit zeigte er in geschäftlichen Unternehmungen, was ihn manchmal ganze Vermögen kostete. Wegen eben dieser Geschäfte hatte Nederhorst finanzielle Interessen an der Fortsetzung des Krieges, besonders auch wegen seiner Beteiligung an der Waffenfabrikation und den überseeischen Eroberungen. Der finanzielle Schaden, den er durch den Einfall Spaniens im Jahre 1629 erlitten hatte, und die Tatsache, daß er mütterlicherseits Enkel eines "Heimatvertriebenen" war, stellten mögliche persönliche Rachemotive dar.

Nederhorst führte den Wappenspruch Malo mori quam foedari (Lieber sterben als besudelt werden). Bei den münsterschen Friedensverhandlungen hat er sich an dieses Motto gehalten, wenn man foedari als das Aufgeben seines Standpunktes interpretiert. Weder das Umschwenken einer Provinz nach der anderen in den Generalstaaten, noch der Umschwung Friedrich Heinrichs oder dramatische Machtveränderungen in Utrecht in den ersten Monaten des Jahres 1648 konnten Nederhorst von seinem Widerstand gegen einen gesonderten Frieden mit Spanien abbringen. Erst nachdem seine Machtstellung gänzlich verloren war und die Stände von Utrecht beschlossen hatten, den Friedensvertrag zu ratifizieren, unterschrieb Nederhorst auf seinem Krankenbett die Dokumente. Der Tod war da schon nicht mehr fern.

⇑ Zum Seitenanfang

ANMERKUNGEN

Abk.Auflösung
GAUGemeente-archief Utrecht (Stadtarchiv Utrecht)
RAURijksarchief Utrecht (Staatsarchiv Utrecht)
KnuttelW. P. C. Knuttel, Catalogus van de pamflettenverzameling berustende in de KB, 1486-1853, Den Haag 1889-1920
1.Parker 1972, S. 145.
2.Smit 1948, S. 21.
3.Poelhekke 1948, S. 301.
4.RAU, Statenarchief (Staatenarchiv) Nr. 232: Resolutionen der Stände von Utrecht, datiert auf den 30. Dezember 1646. Ebd., Nr. 314-6: Brief der Utrechter Deputierten in den Generalstaaten, Johan van Reede van Renswoude und Gijsbert van der Hoolck, vom 19. Januar 1647.
5.Groenveld/Leeuwenberg 1985, S. 124.
6.Für eine Übersicht zu diesen Strukturen vgl. Wansink 1971, S. 6-21.
7.Roorda 1978, S. 1-11. Siehe auch den Artikel von Simon Groenveld in diesem Band.
8.Eine ausführliche Beschreibung des Utrechter Adels findet sich bei Wagenaar 1758, XXI, S. 186-199. Vgl. zusätzlich: Drie 1995, S. 41-50.
9.Kaplan 1995, S. 245-258.
10.RAU, Haus Zuylen, Nr. 120, Mappe A. Vgl. auch Reitsma/Veen 1897.
11.Catharina van Utenhove war eine Schwester von Elisabeth, der Ehefrau von Godards Bruder Ernst.
12.Vgl. Schama 1987, S. 38-44; Vries/Woude 1995, S. 45-51.
13.Ritter 1987, S. 11-23; 70-73.
14.Polisensky 1971, S. 178f.
15.Nach einer Berechnung von G. Thiens verarbeitete ein Ofen 104 Pfund Zinkerz pro Tag. Das Gesamtunternehmen mit 60 Öfen würde eine Jahresproduktion von beinahe 2 Millionen Pfund Zinkerz erbringen können. Bei einem veranschlagten Preis von 8 Gulden pro 100 Pfund Zink würde dies einen Totalgewinn von 155.680 Gulden bedeuten. Vgl. RAU, Haus Zuilen, Nr. 779.
16."alzoo hij, naer men mij zeidt, zeer gesleepen is op diergelijken handel, ende gewent de dingen over en weder te keeren, en in alle vaeten te gieten, om er 't meeste voordeel ujt te vorssen; een zaek wel vreemdt van mijne zinlijckheit en oeffening" Tricht 1977, II, Briefnr. 652 (Brief von Hooft an Monsr. Joost Baak in Amsterdam vom 30. August 1634).
17.Das Testament war am 20. Mai 1648 bei dem Münsteraner Notar Caspar Moll gemacht worden. RAU, Haus Zuilen, Nr. 783; Rechterlijk Archief, 252-71. Mit Dank an E.A.J. van der Wal in Maarssen, der uns auf die Existenz dieses Testamentes hingewiesen hat.
18.In den Pamphleten wird diese Unterstellung höchstens zwischen den Zeilen geäußert, vgl. Knuttel Nr. 5682, 5684, 5685, 5688, 5690.
19.Visser 1995, S. 500, Hervorhebung vom Autor. Adriaen Pauw war Botschafter von Holland, Johan de Knuyt von Zeeland und Barthold van Gent, Herr von Meinerswijck, von Gelderland.
20.RAU, Haus Zuilen, Nr. 785, Nachlaßverzeichnis Godard van Reede 1648.
21.Archives des Aff. Etrang., Corresp. de Hollande, vol. nr. 50, fol. 272; zitiert bei Blok 1897, S. 321.
22.Die Antwort des Lesers an den Drucker, vgl. Knuttel Nr. 5684.
23.RAU, Haus Zuilen, Nr. 798. Der Brief ist in Münster am 28. Februar 1648 in Empfang genommen worden.
24.Ebd.
25.Gegendarstellung des Herrn van Nederhorst zur kritischen Abhandlung der Herren van Matenes und Heemstede, Knuttel Nr. 5688.
26.RAU, Statenarchief, Nr. 303, Zusammengefaßte Resolutionen der Ständeversammlung von Utrecht, 17. März 1648.
27.Poelhekke 1948, S. 517.
28.Nederhorst fehlt auch auf dem bekannten Gemälde, das Gerard ter Borch von der offiziellen Feier fertigte. Vgl. Poelhekke 1948, S. 533. Tricht 1977, II, Briefnr. 652 (Brief von Hooft an Monsr. Joost Baak in Amsterdam vom 30. August 1634).

⇑ Zum Seitenanfang